Moral

Die Wahrheit über die Unwahrheit

»Ich habe nie gedopt«: Das behauptete Radprofi Lance Armstrong – kurz bevor er jetzt den Missbrauch zugab. Foto: imago

Es wird niemanden überraschen, wenn ich sage, dass in unserer Gesellschaft eine Menge Unehrlichkeit existiert. Erst neulich gab es wieder einen Skandal. Dabei ging es um akademische Unehrlichkeit an einer Elite-Universität – ein Phänomen, das anscheinend immer häufiger auftritt. Wie ein Forscher es ausdrückte: »Verzweifelte Studenten, die schwindeln, um zu überleben, hat es immer gegeben. Heute haben wir es zunehmend mit Studenten an der Spitze zu tun, die betrügen, um schneller voranzukommen.« Offensichtlich muss man heute gesondert darauf hinweisen, dass die Arbeit, die an einer Universität eingereicht wird, die eigene sein muss und nicht die von irgendjemand anderem.

Unehrlichkeit ist nicht auf die Hochschule beschränkt. Wir können kaum die Nachrichten einschalten, ohne von einem Politiker, Sportler oder einer anderen öffentlichen Person zu hören, die bei einer Lüge ertappt wurde. Wenn wir diese Geschichten hören, sind wir versucht zu sagen: »Ich würde nie so handeln.« Und wir kommen zu dem Schluss, dass es etwas mit dem Streben nach Erfolg zu tun hat oder mit Leuten, die sehr erfolgreich sind oder ständig im Scheinwerferlicht stehen. Oder dass überhaupt das Leben von Prominenten oder gewissen anderen Leuten anfälliger macht für Lügen, Schwindeleien und andere Formen von Unehrlichkeit, aber wir – wir stehen darüber.

Wir glauben, dass die meisten Menschen ehrlich sind und es nur einige wirklich unehrliche Menschen am Rand der Gesellschaft gibt. Und wenn wir all diese Leute identifizieren, auf frischer Tat erwischen und bestrafen könnten, so glauben wir, wäre das Problem mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

Doch neuere sozialwissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, was jüdische Philosophen seit vielen, vielen Jahren wissen, nämlich dass das einfach nicht wahr ist. Bekanntlich sagt Maimonides in der Mischne Tora (Hilchot Teschuwa, Kapitel 3, Gesetz 4), dass sich jeder »im Laufe des Jahres als halb unschuldig und halb schuldig ansehen sollte«. Ich habe den Ausspruch immer für eine wunderbare und motivierende Metapher gehalten, aber nie für empirische Wahrheit. Dabei ist er keineswegs weit von der Wahrheit entfernt.

Untersuchung Neulich las ich ein Buch von Dan Ariely mit dem Titel Die (ehrliche) Wahrheit über Unehrlichkeit. Der Autor legt dar, dass viel mehr Menschen schwindeln, als wir uns überhaupt vorstellen könnten. Und die Ergebnisse seiner Untersuchungen belegen diese Aussage. Haben Sie jemals etwas gesagt wie: »Es tut mir leid, dass ich zu spät komme, aber der Verkehr war furchtbar«? Oder etwa: »Schön, dich getroffen zu haben. Wir müssen unbedingt demnächst zusammen essen gehen«?

Ich glaube, es ist eindeutig, dass viele von uns die Wahrheit abwandeln. Wir wandeln sie ab, aber nur ein bisschen. Es kommt viel öfter vor, dass wir ein bisschen lügen oder ein bisschen stehlen. Nicht weil es weniger wahrscheinlich ist, dass wir dabei ertappt werden, sondern weil wir es so hindrehen können, dass wir uns vor uns selbst rechtfertigen. »Grundsätzlich«, erzählt uns Ariely in seinem Buch, »schwindeln wir bis zu dem Grad, der es uns erlaubt, unser Selbstbild als halbwegs ehrliches Individuum aufrechtzuerhalten. Solange wir nur ein bisschen lügen«, schreibt er, »können wir davon profitieren und uns noch als anständige Menschen sehen.«

Hier ein Beispiel aus dem Buch: »Eines der berühmtesten Lügenthemen ist das Angeln. Jerome K. Jerome, ein Humorist des 19. Jahrhunderts, erzählte die Geschichte eines jungen Mannes, der, als er mit dem Fliegenangeln anfing, beschloss, seinen Fang nie mehr als 25 Prozent zu übertreiben. ›Ich werde nur so viel lügen‹, sagte er, ›weil Lügen Sünde ist.‹« Ob unter oder über 25 Prozent – wir machen regen Gebrauch von der Lüge. Und wir belügen nicht nur andere Menschen; leider belügen wir genauso uns selbst.

Dwar Tora Da fällt mir die Geschichte von dem Mann ein, der eines Abends kurz vor Beginn der Sitzung des Synagogenvorstands an den Rabbiner herantritt und sagt: »Rabbi, ich bin völlig aus dem Häuschen. Ich habe einen sehr teuren Füllfederhalter. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich ihn das letzte Mal auf der Vorstandssitzung letzte Woche verwendet. Ich bin überzeugt, dass ihn jemand an diesem Abend geklaut hat. Wahrscheinlich war es einer von denen, die mit uns am Konferenztisch gesessen haben. Was soll ich tun?«

Der Rabbiner überlegt einen Moment und sagt dann: »Ich habe eine Idee. Ich werde gleich mein Dwar Tora geben. Wie der Zufall es will, will ich über die Zehn Gebote sprechen. Wenn ich die Liste durchgehe und zum Gebot ›Du sollst nicht stehlen‹ komme, sehen Sie sich im Raum um. Wenn jemand den Blickkontakt mit Ihnen verweigert, könnte das ein Hinweis sein.« »In Ordnung«, sagt der Mann, und sie gehen in die Sitzung.

Der Rabbiner gibt sein Dwar Tora, und die Sitzung findet statt. Nach der Konferenz geht der Rabbiner auf den Mann zu und fragt: »Nu?« »Oh, vielen, vielen Dank, Rabbi«, erwidert der Mann. »Es hat wunderbar funktioniert.« »Sie haben herausgefunden«, fragt der Rabbiner, »wer Ihren Füller stibitzt hat?« »Na ja«, sagt der Mann, »es hat besser funktioniert, als ich dachte. Ich kann Ihnen gar nicht genug danken. Als Sie die Zehn Gebote aufsagten und zum Gebot ›Du sollst nicht ehebrechen‹ kamen, fiel mir wieder ein, wo ich den Füller gelassen habe.«

Herausforderung Unser tiefsitzender innerer Widerstand dagegen, uns als das zu sehen, was wir wirklich sind, wenn wir in den Spiegel schauen, macht den Kern der Herausforderung aus. Was können wir dagegen tun? Wie können wir diesen Widerstand überwinden? Wie können wir lernen, uns mit ehrlichen Augen zu sehen? Dan Ariely präsentiert drei Strategien, die uns helfen können, unsere natürliche Neigung zum Lügen, Stehlen und Betrügen zu besiegen.

Erstens: Gedächtnisstützen sind eine Hilfe. Eine große Hilfe. »Gedächtnisstützen im Augenblick der Versuchung sind überraschend hilfreich.« Und da wir über die Zehn Gebote sprachen – Ariely schreibt auch, dass ein Mensch mit geringerer Wahrscheinlichkeit bei einer Prüfung betrügt, wenn er sich davor die Zehn Gebote angesehen hat. Je weniger Zeit zwischen der Lektüre der Gebote und der Prüfung liegt, desto stärker ist der Effekt. Sicherlich funktioniert das nicht immer, aber es kann durchaus helfen.

Zehn Gebote Früher pflegten Juden die Zehn Gebote jeden Morgen als Teil ihres Morgengottesdienstes aufzusagen. Würde das auch heute noch so gehandhabt, wären wir im Durchschnitt vielleicht ehrlicher, als wir es jetzt sind. Rabbiner Reuven Kimelman glaubt, dass wir in der rabbinischen Zeit aufhörten, die Zehn Gebote zu sprechen, als Juden begannen, das Schma Jisrael so zu verstehen, dass es die Verpflichtung, die Zehn Gebote zu erfüllen, bereits enthält.

Ich glaube zwar, dass das Aufsagen der Zehn Gebote wirkungsvoller wäre als Mahnung, ehrlich zu sein, aber das Rezitieren des Schma ist ebenso hilfreich. Das gilt auch für den physischen Akt, den Tallit und an Wochentagen die Tefillin anzulegen. Zum Tallit sagen die Rabbiner explizit, dass »die Erinnerung in uns weckt, und die Erinnerung uns dazu führt, das Gebot zu erfüllen«. Auch wenn wir Toraworte am Türrahmen unseres Hauses anbringen, werden wir daran erinnert, dass wir im Reden wie im Tun ehrlich sein müssen. Diese täglichen Gedächtnisstützen des jüdischen Glaubens und des jüdischen Lebens können helfen, nicht vom Derech hatow wehajascher, dem Weg des Rechten und Guten, abzukommen.

Es gibt eine weitere wichtige Gedächtnisstütze. Ariely beschreibt, wie römische Feldherren, die einen bedeutenden Sieg errungen hatten, durch die Stadt marschierten und ihre Kriegsbeute zur Schau stellten, gefeiert, bejubelt und bewundert von der Menge. Doch die ganze Feier hindurch spazierte ein Sklave an der Seite des Feldherrn und flüsterte ihm, damit der Siegreiche nicht dem Größenwahn verfiel, ins Ohr: »Memento mori«, das heißt: »Bedenke, dass du sterblich bist«.

Das ist kein schlechtes Motto, aber Ariely schlägt eine Abwandlung davon vor: »Bedenke, dass du fehlbar bist« oder: »Bedenke, dass du oft irrational handelst«. Welchen Satz wir auch wählen, die bloße Erkenntnis unserer Schwächen ist ein enorm wichtiger erster Schritt auf dem Weg, ein besserer Mensch zu werden.

Umgebung Zweitens sollten wir mit Menschen und an Orten verkehren, die uns anregen, ehrlich, wahrhaftig und in Übereinstimmung mit unseren Idealen zu leben. Unehrlichkeit ist ansteckend. Wenn Sie mitbekommen, wie jemand schwindelt, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Sie selbst lügen. Wenn Sie stattdessen erleben, dass sich die meisten Menschen ehrlich verhalten, ist es wahrscheinlicher, dass auch Sie ehrlich bleiben.

Drittens müssen wir Gelegenheiten einplanen, unseren moralischen Kompass neu einzustellen. Wenn wir weiterhin ein bisschen lügen, ein bisschen betrügen und ein bisschen stehlen, wird es nicht lange dauern und wir betrachten ein solches Handeln als vollkommen akzeptabel, wodurch wir jeglichen Ansporn, ehrlicher zu werden, verlieren.

Wir müssen innehalten und uns neu orientieren. Religiöse Traditionen sind besonders gut geeignet, den Menschen dabei zu helfen. Wir Juden haben den Schabbat, einen Wochentag, an dem wir vom Trubel der Alltagsgeschäfte zurücktreten. Es ist ein Tag, an dem wir unsere spirituellen und ethischen Batterien wiederaufladen können. Ariely erinnert uns auch an das, was wir natürlich schon wissen, nämlich dass das klassische religiöse Ritual, um unseren Kompass neu einzustellen, Jom Kippur ist.

Dieser letzte Schritt ist besonders wichtig. Die Wissenschaft hat herausgefunden, »wenn … (sogar) großen Schwindlern die Möglichkeit gegeben wird, sich zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten … hören sie mit dem Schwindeln auf« (Ariely, aus dem Vorwort). Wenn Jom Kippur zu Ende gegangen ist, haben wir gebeichtet, uns entschuldigt und um Verzeihung gebeten. Wir haben wiederholt danach gestrebt, hoffentlich mit Erfolg, von Betrug und Korruption zu lassen, und dadurch Versöhnung erreicht.

Als ich vergangenen Sommer auf Reisen war, las ich eine Schlagzeile in der Zeitung »USA Today«. Sie lautete: »Das Vermeiden von Lügen kann die Gesundheit verbessern: Menschen, die weniger Lügen erzählen, fühlen sich geistig und körperlich besser.« Probanden, die weniger logen, fanden die Forscher heraus, hatten weniger Halsweh und weniger Kopfschmerzen. Das ist kein Witz.

Werden diese Ergebnisse Menschen motivieren, weniger oft zu lügen? Ich bezweifle es. Stattdessen hoffe ich, dass sie das System annehmen, das uns das Judentum vermacht hat – ein System, das Gedächtnisstützen enthält, die uns mahnen, uns moralisch zu verhalten (und Gedächtnisstützen, die uns daran erinnern, dass wir zum Gegenteil neigen). Und ich hoffe auf Gelegenheiten, unseren moralischen Kompass neu einzustellen – und dass dieses System uns zu einer Rettungsleine wird, die uns in eine bessere und tugendhaftere Zukunft führt.

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