Trauer

Die Töchter, der Tod und das Kaddisch

Bis heute gibt es Diskussionen darüber, ob Töchter nach dem Tod ihrer Eltern das Kaddisch sprechen dürfen. Foto: Flash 90

Schon vor vielen Hundert Jahren kam die Frage auf, ob Töchter nach dem Tod ihrer Eltern Kaddisch sagen dürfen. Egal, wie man diese Frage beantwortet, eines steht fest: Ganz bestimmt gibt es keinen Unterschied in der Stärke des Wunsches eines Sohnes oder einer Tochter, das Andenken der verstorbenen Eltern zu ehren. Sowohl Söhne als auch Töchter können nach dem Tod ihrer Eltern Almosen geben oder viele andere gute Taten tun. Die Frage ist aber, ob die übliche Sitte, dass die Söhne Kaddisch sagen, auch auf Töchter anwendbar ist – was die orthodoxe Rabbinerorganisation Beit Hillel in Israel unlängst für zulässig erklärt hat.

Einer der Vorzüge der Moderne besteht aus der Herausforderung, unsere Handlungen und Gewohnheiten zu überprüfen, kritisch zu hinterfragen und herauszufinden, ob die Handlungen mit dem Weg übereinstimmen, den wir gehen möchten, oder ob einige Änderungen angebracht sind. Für die Bewältigung einer solchen Prüfung gibt es zwei prinzipielle Möglichkeiten.

Eine Möglichkeit ist die Akzeptanz jeder Kritik. Jedes Mal, wenn etwas gegen die Regeln aus der Vergangenheit vorgebracht wird, wird demnach vermieden, dass das Gewohnte in der bestehenden Ordnung belassen wird. Man bemüht sich in diesem Fall, in allen Systemen sofortige Änderungen zu veranlassen. Diese Einstellung ist mit der Tugend verbunden, sich offen für Veränderungen zu zeigen und Flexibilität im Denken an den Tag zu legen.

Gefahr Auf der anderen Seite ist diese Vorgehensweise mit großer Gefahr verbunden. Für die Bräuche, die uns aus der Vergangenheit überliefert sind, gibt es gewisse Gründe. Es könnte also sein, dass ein schnell veränderter Weg in Zukunft mit einer neuen Denkweise konfrontiert wird, aus der dann hervorgeht, dass diese Änderung gar nicht notwendig war – und auf nicht mehr als auf einer vorübergehenden Begeisterung für Kritik beruhte, über die nicht intensiv genug nachgedacht wurde.

Der andere Weg befasst sich mit dauernder innerer Kritik, die jedoch gleichzeitig Wert darauf legt, die Bräuche aus der Vergangenheit zu respektieren, und sich dessen bewusst ist, dass eine Erneuerung mit der Gefahr verbunden ist, dass die ursprüngliche Identität verwischt wird und der Wert, der in der Tradition liegt, dabei völlig untergeht. Dazu kommt, dass nicht jede neuartige Kritik alle Erwägungen der Logik bedenkt, die alle Faktoren einbezieht. Es besteht die Möglichkeit, dass eine Kritik auf der Stelle zurückgezogen worden wäre, hätte man die Gesamtheit aller Erwägungen in Betracht gezogen. Selbstverständlich ist es am einfachsten, wenn man sich komplett weigert, Kritik anzunehmen, standhaft in derselben Position verharrt und alles andere ignoriert. Dies jedoch ist nicht unser Weg.

Minjan Das Kaddisch verdient unsere ganz besondere Beachtung. Dieses Gebet wird nur bei Bestehen eines Minjan gesagt, wenn zehn über 13 Jahre alte jüdische Männer anwesend sind. Es dient der Heiligung, wie sein Name auf Hebräisch aussagt. Da die Allgemeinheit an diese Heiligung gebunden ist, formiert sie eine konzentrierte Heiligung.

Im Verlauf des Gottesdienstes wiederholen wir das Kaddisch mehrere Male. Mit der Beendigung jeder Gebetsphase wird es gebetet und trägt dazu bei, dass wir auf ein höheres Niveau gelangen. Es bereitet uns also auf die jeweils nächste Stufe vor. So sagen wir das Kaddisch zum Beispiel vor dem Singen der Psalmen, die das Morgengebet eröffnen, und beten es erneut nach den Psalmen vor dem Schma. Dies tun wir im Verständnis dafür, dass unsere Seele in Vorbereitung auf die nächste Stufe im Gebet zusätzliche Heiligung benötigt.

Das Kaddisch ist uns zudem aus einem schmerzlichen Aspekt unseres Lebens bekannt – denn es wird gesprochen, wenn jemand verstorben ist. Unmittelbar nach dessen Beerdigung müssen die Kinder oder Verwandten während eines ganzen Jahres Kaddisch sagen. Das kommt dem Wohl der Seele des Verstorbenen zugute und hilft ihm, Heiligung in der Welt der Seelen zu erlangen, wohin er gelangt, wenn der Körper zu seinem Ursprung in die Erde zurückkehrt.

Rabbi Mosche ben Israel Isserles, haRema, schreibt in seiner Anmerkung zum Schulchan Aruch: »In den Akademien steht, dass Kaddisch über den Vater gesagt wird. Deswegen pflegte man über Vater und Mutter in den zwölf Monaten nach deren Ableben Kaddisch zu sagen, und deswegen pflegten sie in dieser Weise die Propheten in der Haftara zu lesen und im Abendgebet nach dem Ausgang des Schabbat zu beten, in der Zeit, in der die Seelen in die Hölle zurückkehren. Wenn der Sohn betet und in Anwesenheit vieler Kaddisch sagt, erlöst er seinen Vater und seine Mutter aus der Hölle« (Yoreh De’ah, 376,4).

Gericht Nach dem Abschied vom Leben steht die Seele des Verstorbenen vor dem Gericht des Ewigen über die Handlungen des Menschen auf dieser Welt. Zu unserem Bedauern hat bereits König David gesagt, dass es »keinen Rechtfertigen im Land gibt, der nur Gutes tut und nicht sündigt«. Jeder von uns könnte im Verlauf seines Lebens eine Sünde begehen. Wenn unsere Seele in die Welt der Wahrheit gelangt, wird sie sehr bereuen, dass sie im Verlauf des Lebens in dieser Welt bestimmte Dinge begangen hat, die sie für richtig angesehen hat, die jedoch falsch waren. Und plötzlich nimmt der Mensch wahr, dass dieses oder jenes Verhalten nicht den Vorschriften der Tora entsprach.

Jetzt bereiten ihm diese Handlungen in der Welt der Wahrheit schwere Reue – in der Welt, in der er den richtigen Lebensweg sieht. Jetzt, nach der Trennung vom Körper, kann er seine Taten nicht mehr berichtigen. Solange sich die Seele im Körper befindet, kann der Mensch Gebote einhalten. Wenn seine Seele das Bedürfnis hat, Almosen zu geben, hat sie den Körper angewiesen, den Geldbeutel zu öffnen und Geld an die Armen zu verteilen. Aber was soll der Mensch nach seinem Tod tun? Wie kann er dann noch seine Taten bessern?

Aus diesem Grund hat der Ewige, gesegnet sei Er, den Kindern und Verwandten eines Toten die Möglichkeit verliehen, gute Taten für ihn und für die Erhöhung seiner Seele zu tun. Eine dieser guten Taten ist das Kaddisch‐Sagen. Durch das Kaddisch‐Sprechen der Kinder des Verstorbenen wird auch in der Welt der Wahrheit erkannt, dass der Verstorbene Kinder zurückgelassen hat, die daran interessiert sind, den richtigen Weg einzuschlagen. Mithilfe des Allmächtigen werden sie die Handlungen des Verstorbenen im Verlauf ihres Lebens berichtigen.

sprichwort Das Volk bedient sich des Sprichworts, dass derjenige, dem ein Sohn geboren wird, einen »Kaddisch‐Sager« haben wird. Doch in diesem Sprichwort bleibt eine nicht unkomplizierte Situation unausgesprochen. Was geschieht, wenn jemand keine Söhne, sondern einzig und allein Töchter hat?

In unseren Tagen besteht der Brauch, dass ein solcher Mensch noch zu Lebzeiten einen Familienangehörigen aussucht oder jemandem dafür bezahlt, damit er ein Jahr lang nach dem Ableben des Menschen sowie an den Jahrzeiten für ihn Kaddisch sagen wird. Dieser Brauch ist üblich für alle, denen keine Kinder geboren wurden. Die meisten von uns haben das Glück, Kinder in die Welt bringen zu können. Manche haben aber keine Söhne, sondern dafür prächtige Töchter. Warum sollen dann nicht die Töchter Kaddisch sagen dürfen? Zu den Ersten, die diesen Brauch zugelassen haben, gehört Rabbiner Yaakov Reischer (1661–1733).

In seinem Buch Shevut Yaakov schreibt Rabbiner Reischer, dass der Tochter das Kaddisch‐Sprechen für ihren Vater gewährt werden darf, sofern sie einen häuslichen Minjan organisiert – nicht in der Synagoge. Doch im Gegensatz dazu schreibt Rabbiner Bacharach (1638–1702) in seinem Buch Chawwot Jair, dass der jüdische Brauch stets auf dem Kaddisch‐Sagen durch den Sohn beruht, und dass dieser Brauch nicht zu ändern sei.

lösungen Im Lauf der Generationen wurden also zahlreiche Diskussionen darüber geführt, ob es erlaubt oder verboten sei, und man versuchte, kreative Lösungen dieses Problems zu finden. Rabbi Joseph Eliahu Henkin (1881–1973) hat einer Frau das stille Kaddisch‐Sagen in der Synagoge parallel zum hörbaren Kaddisch‐Gebet der Männer erlaubt. Im Gegensatz dazu aber hat Ben‐Zion Meir Hai Uziel (1880–1953), ehemaliger sefardischer Oberrabbiner des Staates Israel, bestimmt, dass dies völlig untersagt sei. Aus den Quellen geht also hervor, dass eine ständige Diskussion darüber im Gange ist, ob das Kaddisch‐Sagen von Frauen sich ziemt oder nicht, und wenn ja, unter welchen Bedingungen es zulässig ist: bei der Beerdigung, in der Synagoge oder nur im Haus der Familie.

Woran sollen wir uns also halten? Eine der wichtigsten Regeln in den jüdischen Bräuchen besteht aus der Verantwortung, die dem Volk gegenüber dem Judentum obliegt – eine Verantwortung, die nicht nur lokal anwendbar ist auf persönliche Bestrebungen und Wünsche. Sie hat zur Folge, dass wir nachzuprüfen haben, wie das gesamte jüdische Volk in dieser Frage verfährt. Daraus können wir dann lernen, welche Praxis für unsere Gemeinde infrage kommt.

brauch Es gibt zwar Synagogen, die der Frau das stille Kaddisch‐Sagen erlaubt haben – zur gleichen Zeit, in der die Männer des Minjan Kaddisch beten. Dennoch hat sich dieser Brauch in den meisten Synagogen nicht durchgesetzt. Hüten wir uns deshalb davor, in Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten über das Kaddisch‐Sprechen auszubrechen.

Vielleicht sollte man die Frage anders beantworten: Schon Rabbi Schlomo Ganzfried (1804–1886), der Verfasser von Kizzur Schulchan Aruch, befasst sich mit dem Thema Kaddisch‐Sagen durch eine Tochter. Zusammenfassend sagt er, dass man stets zwischen dem Hauptsächlichen und dem Nebensächlichen zu unterscheiden hat. Obwohl das Kaddisch‐Sagen und das Beten für die Eltern nützlich ist, an welchem Ort auch immer, ist es nicht die Hauptsache.

Das Wichtigste ist, dass die Kinder den richtigen Weg einschlagen, der ihren verstorbenen Eltern zum Wohle gereicht. Jeder Mensch, der Kinder hat, muss ihnen also auftragen, ein bestimmtes Gebot einzuhalten, dessen Einhaltung heiliger als das Kaddisch‐Sagen ist. Und diese Mizwa kommt dann selbstverständlich auch demjenigen zugute, der keine Söhne, sondern Töchter in die Welt gesetzt hat.

Der Autor ist Gemeinderabbiner in Dortmund und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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