Archäologie

Die Suche nach der Bundeslade

Sie spielt in der biblischen Erzählung und im jüdischen Glauben eine wichtige Rolle – und ihr Verbleib gilt als eines der größten Geheimnisse der Menschheit: die Bundeslade. Während zahlreiche Experten versuchten, einen Nachweis für ihre Existenz zu finden, haben sich Abenteurer auf die Suche nach dem biblischen Relikt gemacht.

Der amerikanische Autor Andrew Lawler hat sich in der Recherche für sein kürzlich erschienenes Buch zur Geschichte der Archäologie Jerusalems (Under Jerusalem) mit dem Thema befasst. Er meint: »Es wurden in der Vergangenheit verschiedene Vorstellungen über den Verbleib geäußert, aber wirklich erst im vergangenen Jahrhundert wurde damit begonnen, danach zu suchen – bislang jedoch ohne wirkliche Evidenz.«

Nun machte der israelische Mentalist Uri Geller Schlagzeilen, als er am 4. Januar per Twitter mitteilte: »Ich weiß, wo die Bundeslade ist. Ich werde sie finden.« Wie Geller der Jüdischen Allgemeinen sagte, sei ihm bewusst, dass es keine genauen Angaben zum Verbleib der Bundeslade gibt, ihr Schicksal sei ein Geheimnis. Sie habe sich mit weiteren Gegenständen im Jerusalemer Tempel befunden: »Ob sie später gestohlen, zerstört oder versteckt wurden, ist nicht bekannt.«

ANWEISUNG Der Israeli kennt die biblische Geschichte, die vor rund 3300 Jahren im Sinai begann, als der Ewige die Anweisung an Mosche gab: »Und sie sollen machen eine Lade von Akazienholz« (2. Buch Mose 25,10). Die Lade sollte aus drei Teilen bestehen, eines in das andere verbaut, das äußere und innere aus Gold, das mittlere aus Akazienholz. Mit zwei langen Tragestangen aus mit Gold überzogenem Akazienholz sollte die Lade transportiert werden können.

Auch die Maße der Bundeslade sind angegeben: Sie sollte zweieinhalb Ellen lang (Amah), eineinhalb Ellen breit, ebenso eineinhalb Ellen hoch sein. Eine Elle soll mindestens 45 Zentimeter gehabt haben. So wird angenommen, dass die Lade gut 112 Zentimeter lang sowie 68 Zentimeter breit und hoch gewesen sein müsste.

In ihr sollten schließlich die Luchot, die Gesetzestafeln, gelagert werden. »Und tue den Deckel auf die Lade oben darauf, und in die Lade tue das Zeugnis, das ich dir geben werde« (25,21). Oben auf der Lade, auf dem Deckel (Kapporet) aus purem Gold, sollten an den Enden zwei Cherubim befestigt werden, die ihre Flügel ausgebreitet und die Gesichter einander zugewandt hatten.

Von dort wollte der Ewige sich dann an die Israeliten wenden: »Und ich werde mich dort zu dir verfügen, und mit dir reden herab von dem Deckel zwischen den beiden Cherubim hervor, die auf der Lade des Zeugnisses, alles, was ich dir gebieten werde an die Kinder Jisraels« (25,22).

SCHECHINA Die biblischen Quellen schildern zahlreiche Ereignisse, bei denen sich die göttliche Gegenwart, die Schechina, an der Lade manifestierte, zunächst im Stiftszelt, um dann später im Jerusalemer Tempel aufgestellt zu werden. Dort hatte jeweils nur der Hohepriester Zutritt zum Kodesch Hakodaschim, dem heiligsten Raum mit der Bundeslade.

Die Bundeslade sollte aus Gold und Holz bestehen. Darin wurden die Gesetzestafeln gelagert.

Zuvor war die Lade wohl immer wieder auch vom Volk zu betrachten gewesen, zum Beispiel, als die Leviten sie »auf den Schultern« trugen und die Israeliten ihnen bei der Wüstenwanderung folgten. Mit ihr verbunden waren verschiedene Phänomene, beispielsweise, dass sie – einem Midrasch zufolge – den Weg von gefährlichen Schlangen oder Skorpionen befreit habe. Auch soll sie das Wasser des Jordans gespalten haben, sodass die Israeliten den Fluss trockenen Fußes durchqueren konnten (Jehoschua 4,18).

So gelangte die Lade ins Gelobte Land, wo sie später jedoch von Philistern erbeutet wurde. Diese hatten mit ihr offenbar keine Freude. Von einer tödlichen Seuche berichtet der Tenach, auch die philistische Gottheit Dagon soll in ihrer Gegenwart umgefallen sein, als sich die Lade in Aschdod befand. Die Philister gaben sie nach nur sieben Monaten den Israeliten zurück.

beit schemesch Berichtet wird auch über die tragische Begebenheit in Beit Schemesch, als Männer dort starben, weil sie auf die »Lade des Ewigen« geschaut hatten (1. Samuel 6,19). Es soll mehr als 50.000 Tote gegeben haben. Die Menschen baten daraufhin die Bewohner von Kirjat Jearim, die Lade zu sich zu nehmen. 20 Jahre lang soll sie dort im Hause Abinadabs aufbewahrt worden sein, bevor sie dann nach Jerusalem gelangen sollte.

Als sie beim Transport vom Wagen zu rutschen drohte, wollte ein Mann sie stützen, berichtet die Bibel: »… da streckte Usa seine Hand aus, die Lade zu fassen, weil die Rinder sich losgerissen« (1. Chronik 13,9). Der Ewige erzürnte, Usa starb. Der Talmud (Sota 35a) erwähnt die Frage des Ewigen: Wenn die Lade ihre Träger getragen hat, als die den Jordan durchquerten, ist es daher nicht eindeutig, dass sie sich selbst tragen kann?

Nach erneutem Zwischenstopp gelangte die Lade schließlich nach Jerusalem. »Und David errichtete sich Häuser in der Stadt Davids und bereitete einen Platz für die Lade Gottes und spannte ein Zelt auf.« Sein Sohn Schlomo beendete dieses Provisorium, baute den Tempel, in dem sie dann ihren Platz fand: »Und es brachten die Priester die Bundeslade des Ewigen an ihren Ort, nach der Redestätte des Hauses, in das Allerheiligste hin, unter die Flügel der Cherubim« (1. Könige 8,6).

zerstörung Nichts sei in der Lade gewesen, heißt es dort (8,9), »als die zwei steinernen Tafeln, die hineingelegt hatte Mosche am Choreb, wo der Ewige einen Bund geschlossen mit den Kindern Jisrael, nach ihrem Auszug aus dem Land Mizrajim«. Nach der Zerstörung des Tempels vor rund 2600 Jahren verliert sich die Spur der Bundeslade.

Es gibt unterschiedlichste Angaben zum Verbleib. Der Jerusalemer Talmud (Schekalim 6,1) zitiert Rabbi Eliezer, der meint, die Lade sei nach Babylon gebracht worden. An gleicher Stelle wird aber auch berichtet, die Lade sei unter der Bodenplatte eines Raumes, »Lischkat Dir HaEtzim«, im Tempel versteckt worden. Der Überlieferung zufolge soll König Josia angesichts der drohenden Zerstörung die Lade dort vor den Babyloniern in Sicherheit gebracht haben.

Nach der Zerstörung des Ersten Tempels verlieren sich die Spuren.

Im Jerusalemer Talmud ist weiterhin zu lesen, dass mit der Bundeslade auch ein Behältnis mit Man, einer Flasche Salböl und Aharons Stab verborgen worden sei. Im 2. Buch Makkabäer (2,5), einem apokryphen Buch des Tenach, wird hingegen berichtet, dass der Prophet Jeremia die Lade in einer Höhle versteckt haben soll: »Dort fand Jeremia eine Höhle wie ein Haus. Er trug das Zelt, die Lade und den Rauchopferaltar hinein; dann verschloss er den Eingang.« Befindet sich das heilige Relikt also womöglich in einer Höhle am Toten Meer, wie manche meinen?

AXUM Oder haben äthiopische Christen recht, die sich erzählen, dass Menelik, der Sohn von Schlomo und der Königin von Saba, die Lade entwendet und ins heutige Äthiopien gebracht haben soll, wo sie in einer Kapelle der Kirche der Heiligen Maria von Zion in Axum verwahrt wird?

Die Tageszeitung »Die Welt« berichtete 2009 von einem Statement des Patriarchen Abuna Pauolos, der höchsten Autorität der Kirche von Äthiopien: »Sie befindet sich bei uns in Axum. Äthiopien ist der Thron der Bundeslade, seit Hunderten von Jahren schon. Ich habe sie selbst gesehen.«

Autor Andrew Lawler schreibt darüber, dass andere die Bundeslade in Kellerräumen des Vatikans, auf einem jordanischen Berggipfel oder unter dem irischen Hügel Tara vermuteten. In seinem Buch über die etwa 150 Jahre dauernde Geschichte der Archäologie in Jerusalem berichtet er von einer britischen Unternehmung, die sich 1911 in Tunneln unter dem Felsendom auf die Suche nach der Lade machte und diese nach internationalen Verwicklungen abbrechen musste. Sogar die »New York Times« (»Gone with treasure that was Solomon’s«) hatte damals den vermeintlichen Fund des Tempelschatzes vermeldet.

REGIERUNG Jahrzehnte später interessierten sich auch namhafte israelische Rabbiner für die unter dem Tempelberg vermuteten Geheimnisse. 1981 waren sogar Regierungsmitglieder, wie der damalige stellvertretende Premierminister Yigael Yadin, an einem Projekt beteiligt. Selbst der legendäre Meisterspion Rafael Eitan sei mit vor Ort gewesen.

Lawler schreibt, dass auch dieses Vorhaben nach Protesten abgebrochen wurde. Die jordanische Regierung vermutete die mögliche Zerstörung der drittheiligsten Stätte des Islams und die Gefährdung des Weltfriedens. Im selben Jahr wurde übrigens die Jagd von »Indiana Jones« nach der Bundeslade im Abenteuerfilm von Steven Spielberg zum Welterfolg.

Schlagzeilen machte unlängst der bekannte israelische Archäologie-Professor Israel Finkelstein, der Ausgrabungen im bereits erwähnten Kirjat Jearim leitete, wo sich die Lade 20 Jahre befunden haben soll. »Wir haben nicht nach der Bundeslade gesucht«, sagte er im vergangenen Jahr unserer Zeitung, »sondern nach der Geschichte ihrer Tradition«.

hintergründe Auf Nachfrage zu aktuellen Ankündigungen teilte er jetzt mit: Er wünsche Uri Geller viel Glück bei seiner Suche nach der Lade. Jedoch interessiere er sich nicht so sehr für das Auffinden dieses Objekts, sondern vielmehr für das Verständnis der Hintergründe der biblischen Geschichte, insbesondere der Erzählungen zur Lade im 1. und 2. Buch Samuel, wer sie wann, wo und warum geschrieben habe.

»Gelehrte sind geteilter Meinung über die Frage, ob es ein tatsächliches Objekt gab oder nicht. Aber die Geschichte ist definitiv wahr in dem Sinne, dass es im 8. Jahrhundert v.d.Z. in Kirjat-Jearim einen Tempel der Lade gab«, so Finkelstein.

»Die Suche sagt mehr über die Suchenden aus als über die Lade«, sagt Autor Andrew Lawler.

Er war übrigens der einzige der angefragten Archäologen, der sich namentlich äußerte. Ein anderer bekannter israelischer Forscher, der lieber ungenannt bleiben will, sagte kurz und knapp: »Habeas Corpus«. Das soll aus dem Lateinischen übersetzt wohl sinngemäß bedeuten, dass man erst einmal konkrete Beweise bringen solle, dann könne man sich auch zu Fakten äußern. Eine Anfrage bei der israelischen Altertumsbehörde blieb unbeantwortet.

legende Andrew Lawler wundert das nicht. »Es ist eine Legende, die durchaus auch politische und religiöse Bedeutung, aber keine wirkliche wissenschaftliche Grundlage hat«, sagt der Autor und fügt lächelnd hinzu: »Die Suche sagt mehr aus über diejenigen, die sie suchen, als über die Lade selbst.«

Dass er auf Skepsis stoßen würde, sei ihm schon klar gewesen, sagte Uri Geller. Auf seinen Tweet vom 4. Januar erhielt er zahlreiche Reaktionen, die ihn gleich am Tag danach zu folgender Twitter-Nachricht veranlassten: »Ja, meine lieben Freunde, der Widerstand wird groß sein. Aber wir sprechen hier über einen Gegenstand, der heilig ist.« Nichts werde verhindern können, dass die Bundeslade »befreit« und die Welt mit einer »biblisch-historischen Realität« konfrontiert werde.

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