Bevorzugt

»Die Stärke meines Hauptes«

Segensreicher Wunsch: »Wende dich vom Bösen ab und tue Gutes.« Foto: getty

Der Wochenabschnitt Nasso beschreibt, wie der Altar des Heiligtums eingeweiht wird. Die Tora berichtet in aller Ausführlichkeit über die aus diesem Anlass dargebrachten Opfer der Prinzen der Stämme Israels. Am siebten Tage der Feierlichkeiten bringt Elischama, der Prinz des Stammes Ephraim, seine Gabe.

Im Midrasch bemerken unsere Weisen hierzu: »Ephraim ist die Stärke meines Hauptes« (Tehilim 60,9). Dies bezieht sich auf den Prinz des Stammes Ephraim, der sein Opfer zur Einweihung des Altars am Schabbat darbrachte, so wie der Vers sagt: »am siebten Tage der Prinz der Kinder Ephraims, Elischama Ben Amihud« (4. Buch Moses 7,48). Wir wissen, dass es der Schabbat war, da die Prinzen ihre Gaben am Sonntag zu bringen begannen (Bamidbar Rabah 14,1).

Entscheidung Der vom Midrasch eingangs zitierte Vers bezieht sich eigentlich auf eine Begebenheit am Ende des Lebens unseres Patriarchen Jaakow. Als Josef seine Söhne Ephraim und Menasche zu seinem Vater Jaakow bringt, damit das Familienoberhaupt sie segnet, entscheidet sich Ja-akow, dem Jüngeren den Segen zuerst zu erteilen. So ist »Ephraim die Stärke meines Hauptes«: Ihm wurde der Vorzug gegeben, obwohl Menasche der Ältere war.

Unser Midrasch gibt zu verstehen, dass es nur wegen dieser Bevorzugung dazu kam, dass Elischama sein Opfer am Schabbat bringen konnte. Ohne die Kraft, die Ja-akow dem Stamm Ephraim mittels seines Segens gegeben hatte, hätte Elischamas Opfer das Arbeitsverbot des Schabbats nicht außer Kraft setzen dürfen.

Ein faszinierender Midrasch, dem jedoch durch eine andere Aussage unserer Weisen widersprochen zu werden scheint. Zum Standardopfer der Prinzen zur Einweihung des Altars heißt es: »Dieses verdrängte Schabbat und rituelle Unreinheit, obgleich das Opfer eines Individuums sonst keines der beiden verdrängt« (Sifri, Nasso 51). Hier scheint gesagt zu werden, dass eine solche Ausnahme für einen jeden der Prinzen zulässig gewesen wäre. Was also hatte der Segen Jaakows dann mit einer besonderen Ausnahmeregelung für einen bestimmten Prinzen zu tun?

Rabbiner Schmuel Bornstein, der Sochatschower Rebbe, führt uns über die Betrachtung des geistigen Wesens der beiden Söhne Josefs zu einem tieferen Verständnis der Frage. Wie immer offenbart der Name viel über das Innere eines Menschen.

In diesem Fall heißt es ausdrücklich: »Josef nannte den Erstgeborenen Menasche, denn »G’tt ließ mich all mein Leid und das Haus meines Vaters vergessen«. Er nannte den zweiten Ephraim, denn »G’tt hat mich im Lande meiner Unterdrückung fruchtbar gemacht« (1. Buch Moses 41, 51-52).

Fruchtbarkeit Die Bedeutung des Namens Menasche hat seine Wurzel im Vergessen oder dem sich von der Vergangenheit Abwenden. Dies steht für den Weg zu G’tt, auf dem der erste Schritt die vollkommene Distanzierung von jeglichen schlechten Eigenschaften ist. Der Mensch wird befähigt, Gutes zu tun, indem er sich von allem Bösen löst.

Der Name Ephraims wiederum hat seine Wurzel in dem Wort Fruchtbarkeit. Damit verbindet sich ein anderer Ansatz. Im Verfolgen spiritueller Ziele konzentriert man sich primär auf die Entwicklung positiver Eigenschaften und die Erfüllung der Gebote. Diese beiden voneinander unterschiedlichen Formen des Dienstes an G’tt kommen im folgenden Vers zum Ausdruck: »Wende dich vom Bösen ab und tue Gutes« (Tehilim 34,15).

In diesem Zusammenhang verkörpert Menasche das Abwenden vom Bösen, wohingegen Ephraim das Vollbringen des Guten darstellt. Josef beabsichtigte, dass Ja-akow beide Brüder der Reihenfolge ihrer Geburt nach segne: Menasche vor Ephraim. Jaakow jedoch weigerte sich und segnete stattdessen den Jüngeren vor dem Älteren. Dieser offensichtliche Disput zwischen Vater und Sohn birgt den Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Gedankens.

Vollendung Josef wollte, dass der Weg des jüdischen Volkes der im Vers vorgegebenen Ordnung folgen sollte: Zunächst »wende dich vom Bösen ab« und dann erst »tue Gutes«. Dies entsprach Josefs individueller Bestimmung und Lebenserfahrung. Er selbst hatte ja sein ganzes Leben gegen Herausforderungen angekämpft und letztendlich geistige Größe und Vollendung erreicht.

Jaakow aber segnete Ephraim zuerst. Dies steht für das Vorgehen, bei dem man sich zunächst auf die Entwicklung des Guten konzentriert, selbst bevor man die Charakterstärke besitzt, sich ganz von schlechten Eigenschaften abzuwenden. Der positive Einfluss eines neuen Lebensstils wird dem Menschen die nötige Kraft und Inspiration geben, sich schrittweise zu vervollkommnen. Die Klarheit und Heiligkeit eines von positivem Handeln und den Geboten der Tora erfüllten Lebens durchdringt allmählich das Wesen des Menschen.

Jaakows Segen bedeutete: Für alle Zeiten wird die Betonung auf das positive Handeln als Weg zur Vervollkommnung gelegt. Die Einweihung des Altars symbolisiert den ersten Schritt im Prozess der Annäherung des Menschen an G’tt. Die g’ttliche Vorsehung fügte es an dieser Stelle, dass gerade Ephraim seine Gabe am Schabbat brachte.

Die besondere Bedeutung der Außerkraftsetzung der sonst geltenden Regeln wurde so besonders hervorgehoben. Die Betonung positiven Handelns bleibt jedoch das lenkende Prinzip für jeden jüdischen Menschen. Dies ist die Bedeutung des Midraschs, der sagt: Das Opfer eines jeden Stammes hätte die Einschränkungen des Schabbats und der rituellen Unreinheit erlaubt.

Der Autor ist Mitglied des Edgware Kollel in London.

Paraschat Nasso
Der Wochenabschnitt setzt die Aufgabenverteilung beim Transport des Stiftszelts fort. Es folgen verschiedene Verordnungen zum Zelt und ein Abschnitt über Enthaltsamkeitsgelübde. Dann wird der priesterliche Segen übermittelt. Den Abschluss bildet eine Schilderung der Gaben der Stammesfürsten zur Einweihung des Stiftszelts.
4. Buch Moses 4,21 – 7,89

Niederlande

»Schofar nur draußen blasen«

Rabbiner: Wegen Corona soll das Widderhorn im Monat Elul nicht im geschlossenen Raum ertönen

 09.08.2020

Nachruf

Der Jahrtausend-Gelehrte

Rabbiner Adin Steinsaltz übertrug als Erster den Talmud ins moderne Hebräisch – jetzt starb er im Alter von 83 Jahren

von Michael Thaidigsmann  07.08.2020

Nähe

»Wo ist G’tt?«

Warum der Ewige überall dort ist, wo man Ihn hereinlässt

von Rabbiner Yehuda Teichtal  07.08.2020

Talmudisches

Von guten Menschen, denen es schlecht geht

Die Taten der Vorfahren sind die guten und schlechten Taten der früheren Reinkarnationen

von Vyacheslav Dobrovych  07.08.2020

Geburtstage

Kuchen essen oder ignorieren?

Warum manche traditionelle Juden Partymuffel sind – und andere nichts gegen eine Feier haben

von Dovid Gernetz  06.08.2020

Festschrift

Intensives Denken

Die Veröffentlichung der Yeshivat Har Etzion gibt tiefe Einblicke in Dilemmata der modernen israelischen Gesellschaft

von Yizhak Ahren  06.08.2020

Yechiel Brukner

»Sozialen Sauerstoff einatmen«

Der Kölner Gemeinderabbiner über das Ende der Corona-Pause, gemeinsames Beten und Essen in der Synagoge

von Ayala Goldmann  04.08.2020

Polen

»Dieser Besuch wird mein Leben prägen«

Juden, Protestanten und Sinti und Roma gedenken gemeinsam in Auschwitz

 02.08.2020

Geschichte

Zentralrat der Juden und EKD werben für mehr Wissen über Judentum

Zugleich müsse Tendenzen entgegengetreten werden, die Antisemitismus wieder hoffähig machen

 02.08.2020