9. November

Die Rolle des Lebens

Eingetragen im Buch des Lebens: Die Torarolle ist eine exakte Kopie der Vorherigen und geht auf die erste zurück. Foto: Marco Limberg

Wie können wir uns an unsere Lieben erinnern, wie wollen wir selbst, dass an uns eines Tages gedacht wird? Zu dieser Frage möchte ich auf die Beschaffenheit der Tora verweisen. Die Auseinandersetzung damit wird uns erlauben, unsere Eingangsfragen zu beantworten.

Printmedien und Buchverlage kämpfen heute angesichts der technologischen Revolution, des Informationszeitalters, des Internets und aller aufgrund der von Steve Jobs erfundenen Produkte auf dem Markt ums Überleben.

Die Tora ist davon nicht betroffen – sie bleibt eine Anomalie. Sie gibt es weder als elektronisches Lesetableau noch im iPad‐Format und noch nicht einmal als gedrucktes Buch. Die Tora muss auf antikem Pergament geschrieben sein. Um eine Torarolle zu schaffen, müssen viele Pergamentseiten miteinander verbunden werden. Warum?

Buchdruck Die erste Druckmaschine wurde im 15. Jahrhundert von Johannes Gutenberg erfunden. Der Buchdruck hat die Zivilisation verändert. Durch die Erfindung der beweglichen Metalllettern zur maschinellen Vervielfältigung konnten die Menschen Wissen erlangen, die Alphabetisierung nahm zu, Informationen wurden verbreitet.

Es ist interessant, dass das erste, in großem Umfang produzierte Buch die sogenannte Gutenberg‐Bibel war. Davon sind insgesamt 21 Kopien übrig geblieben, und diese gehören weltweit zu den teuersten Büchern. Der Preis eines kompletten Exemplars wird heute auf rund 25 Millionen Euro geschätzt. Das letzte Mal wurde eine Gutenberg‐Bibel im Jahr 1978 verkauft. Sie befindet sich heute in Stuttgart.

Manuskripte Die Revolutionierung des Vervielfältigens hatte besonders großen Einfluss auf die jüdische Welt. Bis zur Erfindung der Druckmaschine waren hebräische Bücher sehr selten, da sie mühsam durch Kopieren der Manuskripte hergestellt wurden. Doch anders als die Verantwortlichen der katholischen Kirche, die die Verbreitung der gedruckten Bücher zu verhindern versuchten, waren die Rabbiner von dieser neuen Technologie begeistert. Sie betrachteten das Drucken als Awodat ha‐Kadosch (heilige Arbeit).

Das erste hebräische Buch wurde 1470 in Rom herausgegeben – 14 Jahre, nachdem Gutenberg seine berühmte Bibel gedruckt hatte. Es was Raschis Kommentar zur Bibel. Bis zum Jahr 1500, acht Jahre, nachdem die Juden aus Spanien vertrieben wurden, gab es insgesamt 180 hebräische Ausgaben.

Trotz der segensreichen Druckmaschine, die von den Juden so enthusiastisch aufgenommen wurde, bleibt die Tora – die Torarolle – einmalig. Bis zum heutigen Tage müssen wir sie, wenn wir in der Synagoge aus ihr vorlesen wollen, ausrollen und das darauf Geschriebene lesen. Die Tora ist eine lebendige Erinnerung daran, wie Informationen seit vier Jahrtausenden weitergegeben werden – auf Pergamentrollen geschriebene Texte.

Pergament Warum bemüht man einen Schriftgelehrten über den Zeitraum eines Jahres die rund 300.000 Buchstaben der Tora per Hand mit Tinte auf Pergament zu schreiben? Dies geschieht nicht nur, um Fehler zu vermeiden. Heutzutage können wir mithilfe eines Computers in Sekunden eine Torarolle fehlerfrei herstellen. Es geht beim Vorgang des Schreibens vielmehr darum, die Authentizität des Produktes darzustellen.

Unsere Torarolle ist eine exakte Kopie der Vorherigen und geht auf die erste zurück – und damit bis zu Moses. In seinen letzten Tagen hat Moses selbst eine geschrieben. Wenn Moses heute in eine Synagoge kommen und aus unserer Tora lesen würde, so könnte er feststellen, dass diese Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Abstand für Abstand genauso ist, wie die, die er vor 3.284 Jahren geschrieben hat.

Aber es gibt noch etwas viel Tiefergehendes bei der Rolle. Es liegt eine Botschaft in der Beschaffenheit, in ihrer Anatomie im Gegensatz zu der eines Buches. Sie sollen wir beibehalten – auch im 21. Jahrhundert.

Einblick Die Tora erwähnt im 1. Buch Moses »das Buch der Geschichte der Menschheit«. Dies bedeutet nicht nur, dass die Tora die Geschichte der Menschheit beinhaltet, sondern vielmehr, dass genau dieses Buch diese verkörpert. Wenn wir die Historie des Buches studieren, werden wir einen Einblick in die Geschichte der Menschheit bekommen. Faszinierend ist, wie der Mensch in der Antike durch seine Schriftrolle charakterisiert wird und der moderne Mensch wie ein Buch geworden ist.

Es gibt drei primäre Unterschiede zwischen dem modernen Buch (gedruckt, als elektronisches Lesetableau oder im Internet) und der antiken Schriftrolle.

Erstens kann man bei einer Schriftrolle, wenn man diese öffnet, schon die folgenden bis zur letzten Seite sehen, auch wenn man lediglich die erste in der Hand hat. In einem Buch hat man jeweils nur zwei Seiten vor sich. Erst wenn man eine Seite zu Ende gelesen hat, kann man umblättern. Diese verschwindet dann aus unserem Blick, die nächste wird offengelegt.

Der zweite Unterschied besteht darin, dass eine Schriftrolle auf einer Pergamentseite beschrieben wird. In einem Buch sind immer beide Seiten eines Blattes beschrieben. Und auf jeder befindet sich eine andere Botschaft.

unterschiede Der letzte bedeutende Unterschied ist der, dass es für das Kopieren der Schriftrollen und der Tora kein automatisiertes System gibt. Jede muss mit großer Sorgfalt individuell geschrieben werden. Aus diesem Grund werden eventuelle Fehler nicht übertragen. Im Gegensatz dazu ermöglicht die Vervielfältigung mit einem universellen Drucksatz eine Massenproduktion. Wenn in einem Buch ein Fehler ist, dann bedeutet dies aber auch, dass sich dieser in allen Kopien dieser Ausgabe wiederholt.

Menschen waren einst wie Schriftrollen. Heute sind sie wie Bücher – mit allen Unterschieden. Früher haben wir unser Leben von einer breiteren Perspektive aus betrachtet, und wie bei einer Schriftrolle das Ende schon am Anfang sehen können.

Der Mensch konzentrierte sich mehr auf sein Ziel als auf die Gegenwart. Ihnen waren die temporären Bedingungen des Hier und Jetzt nicht so wichtig, sondern eher ihr Vermächtnis, ihre Kinder und Kindeskinder, ihre Familie, und wie er oder sie in Erinnerung bleiben würde. Der Mensch blickte in die Zukunft und traf eher universelle und langfristige Entscheidungen.

Heutzutage »verhalten« wir uns oftmals wie Bücher. Wir sehen nur bis zum Ende der Seite, die wir gerade lesen, und blicken nicht weiter. Wir sind kurzsichtig geworden, und uns fehlt der Mut, schwierige Fragen zu stellen und klare Antworten darauf zu geben. Wie möchte ich in Erinnerung bleiben? Welches sind die richtigen Werte, die auf meinem Grabstein stehen sollen?

Wir versuchen nicht, uns das Ende der Geschichte vorzustellen, verstehen nicht, dass die Entscheidungen in unserer Jugend unser Leben bestimmen werden. Wir streben nach sofortigem Komfort, zum Preis der langfristigen Werte.

Freiheit Zu viele junge Menschen entscheiden sich heute für ein Leben als Single, um ihre Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufzugeben. Erst viele Jahre später bereuen sie, keine Familie gegründet zu haben. Unsere Eltern und Großeltern hatten die Kraft und die Ausdauer, trotz der schwierigen Bedingungen der Gegenwart in die Zukunft zu investieren. Die Frage ist: Werde ich ein Buch sein oder eine Schriftrolle?

Ein weiterer Unterschied zwischen einer Schriftrolle und einem Buch besteht in der Beschriftung der Seiten. So wie die einseitig beschriebene Schriftrolle, so waren früher die Menschen auch »einseitig«, und zwar in dem Sinne, dass sie aufrichtig, geradeheraus und direkt waren. Sie hatten keine zwei unterschiedlichen Botschaften auf den beiden Seiten ihrer Lebensblattes. Man bekam, was man sah.

Die Menschen waren auf eine erfrischende Art und Weise offenherzig und unverblümt. Heutzutage sind wir oft so doppeldeutig wie die Buchseite, deren Vorder‐ und Rückseite beschrieben ist. Und auf jeder steht eine andere Botschaft. Je nach Betrachtungsweise sieht man völlig unterschiedliche.

Innovation In früheren Generationen wurde jede Schriftrolle von einem besonderen Schriftgelehrten geschrieben, und jede war ein Kunstwerk. Menschen waren Persönlichkeiten, jeder ging seinen eigenen Weg. Die Menschen waren Originale, jeder von ihnen ein Unikat.

Heute werden Tausende Exemplare von Büchern gedruckt, alle mit dem gleichen Cover. Heute kopieren wir einander. Wir sprechen wie die anderen und sehen gleich aus. Wir sind konform und haben nicht den Mut dazu, anders zu sein. Wir machen die Tugenden ebenso wie die schlechten Eigenschaften der anderen nach, weil wir uns in der Masse sicher fühlen. Aber damit gehen wir der Verantwortung aus dem Weg.

Die Tora oder die Megilla muss, wenn sie in der Synagoge gelesen werden soll, auf einer Schriftrolle geschrieben und nicht in Buchform gedruckt sein. Wir wollen nicht die Vorteile der Druckmaschine schmälern, aber wir wollen nicht so wie die Bücher werden, wir wollen wie »Schriftrollen« bleiben. Und das ist es, was uns die Torarolle lehrt.

Zukunft Ein Jude, der sein Leben an der Tora ausrichtet, lebt mit den Werten der Zukunft, mit langfristigen Werten. Er oder sie denkt an das Morgen, und nicht nur an das Morgen dieser Welt, sondern auch an das der nächsten Welt. Leben Sie ein Leben, auf das Sie stolz sein würden, wenn Sie gestorben sind? Nähren Sie Ihre Seele oder nur Ihren Körper? Der Körper wird sterben, aber die Seele ist ewig. Was tun Sie für Ihre Seele?

Die Tora erlaubt den Menschen nicht, die Zukunft zu vergessen, das Große und Ganze, die großartigen Familienwerte, die Seele und das Judentum unserer Enkelkinder. Außerdem verabscheut die Tora Falschheit. Sie verlangt völlige Integrität.

Und schließlich hält sie die Individualität in Ehren. Und sie gibt einem Menschen den Mut, der Gesellschaft entgegenzutreten und dem Gruppendruck zu widerstehen. Ein Mensch muss seiner eigenen Seele, seinem Herzen und seinem G’tt gegenüber loyal sein.

Wenn wir uns während Jiskor an unsere Angehörigen erinnern, müssen wir uns fragen: Bin ich zu einem Buch geworden, oder bin ich immer noch eine Schriftrolle und diene der Tora als deren Füße, wenn ich sie halte und mit ihr tanze? Denke ich an das Große und Ganze im Leben? Bin ich ein richtiger Mensch, der mit wahrem Vertrauen und wahrer Integrität lebt? Und schließlich, lebe ich ein Leben entsprechend meines individuellen und einmaligen Potenzials? Erfülle ich die Aufgabe, für die ich erschaffen wurde?

9. November Wenn wir 73 Jahre nach der Pogromnacht den 9. November betrachten, denken wir nicht nur an den Terror dieser schicksalhaften Nacht und der darauffolgenden Jahre, während dessen sechs Millionen unserer heiligen Brüder und Schwestern ermordet wurden. Wir denken auch daran, wie wir uns an sie erinnern sollten.

So wie jeder Mensch auf seine Weise individuell und einzigartig ist – wie ein Buchstabe in der Tora –, so sollte auch jeder von uns sein Judentum auf individuelle und einzigartige Weise ausleben. Lasst uns den 9. November nicht nur zu einer Erinnerung an die Vergangenheit machen, sondern auch zu einer Inspiration und Ermutigung für die Gegenwart und die Zukunft. Lassen Sie die heiligen Seelen der im Holocaust Ermordeten in uns weiterleben.

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums Berlin.

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