Trauer

Die richtigen Worte

Einsamkeit tut nicht gut: Der Trauernde soll moglichst schnell wieder unter Menschen. Foto: Thinkstock

Im Wochenabschnitt Schemini geht es um die Heiligkeit G’ttes (Schechina) für das Stiftzelt. Dazu bedurfte es einer siebentägigen Vorbereitungszeit, die damit verbunden war, bis zum achten Tag Opfer darzubringen. Daher kommt auch der Name der Parascha: Schemini – der Achte.

Um das Stiftzelt zu errichten, brauchten die Menschen Materialien. Nach Fertigstellung sollte die Heiligkeit empfangen werden. Wie jedoch ist es möglich, dass Materie die Heiligkeit G’ttes erhält? Sind die Menschen überhaupt in der Lage, dieses hohe Maß der G’ttlichkeit zu empfangen?

Dieser Prozess ist nicht einfach, überall lauern Gefahren und Widerstände. Möglich ist das nur, wenn alle Anweisungen, die Mosche von G’tt erhielt und an seinen Bruder Aharon weitergab, genau befolgt werden.

Also bereiteten sie sich sieben Tage lang vor. Der achte Tag war der Höhepunkt: »Und Aharon erhob seine Hände gegen das Volk und segnete sie, und nachdem er so das Sündopfer, das Ganzopfer und Friedensopfer dargebracht hatte, stieg er hinab. Und Mosche und Aharon gingen in das Stiftzelt, und als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk, da erschien die Heiligkeit des Ewigen dem ganzen Volk« (3. Buch Mose 9, 22–23).

flamme Wenig später lesen wir: »Aharons Söhne aber, Nadaw und Awihu, nahmen ihre Rauchpfannen, taten Feuer hinein, legten Räucherwerk darauf und brachten so vor dem Ewigen ein fremdes Feuer, dass er ihnen nicht befohlen hatte. Da ging eine Flamme von dem Ewigen aus, verzehrte sie, und sie starben vor dem Ewigen« (10,1).

Wenn wir das lesen, sind wir schockiert. Gerade im wichtigsten und kritischsten Moment passiert diese Tragödie. Wie reagierte Aharon auf dieses persönliche Unglück und schwere Schicksal, dass ihn getroffen hatte? Wir wollen betrachten, wie Mosche versuchte, seinen Bruder zu trösten.

Der Trost im Judentum basiert auf Mosches Verhalten gegenüber Aharon, wovon wir in diesem Wochenabschnitt lesen. Normalerweise bricht bei solch schrecklichen Verlusten ein großes Weinen und Schreien der Hinterbliebenen auf. Davon steht in der Tora nichts, sondern es werden sofort nach dem Unglück Mosches tröstende Worte erwähnt. Und es wird beschrieben, wie ruhig, gemäßigt und sachlich Aharon darauf reagierte.

»Dann sprach Mosche zu Aharon: Das ist es, was der Ewige gesprochen hat: ›Durch die, die sich mir nahen, werde ich geheiligt und vor dem Angesicht des gesamten Volkes verherrlicht!‹ Und Aharon schwieg« (10,3). Das heißt, er wurde ruhig und akzeptierte Mosches Äußerungen.

Es ist denkbar, dass er zuvor schrecklich weinte und den Verlust seiner Kinder beklagte. Die Tora erzählt uns nichts darüber. Nach Mosches Worten schweigt er, eine Stille bricht hinein. Vielleicht ist Aharon sprachlos, im Inneren erfüllt von Trauer, Wut, Zerrissenheit und Fragen. Aber diese Stille zeigt, dass er G’ttes Gericht annimmt.

Heiligkeit Nadaws und Awihus Tod kam, weil sie sich G’tt näherten. Vielleicht wollten sie Ihm mit dem fremden Feuer eine zusätzliche Freude bereiten. Mosche sagt, ihr Tod habe dem Volk Israel Heiligkeit gebracht, zu einer positiven Bilanz geführt, er war also nicht sinnlos.

Daraus lernen wir, den Gedanken beiseitezuschieben, ein Mensch würde sterben, weil er schlecht und böse gewesen ist. Nein, im Gegenteil! Er war ein guter Mensch, und sein Tod bewirkt etwas Positives für die Hinterbliebenen und die Zukunft. Diese Worte bewirkten, dass sich Aharon im Moment der Stille beruhigte und ausgeglichener wurde.

Ein ähnliches Beispiel des Trostes finden wir bei unseren Weisen in Awot Derabbi Natan, Perek 14. Dort wird vom Tod des Sohnes von Raban Jochanan Ben Sakai berichtet. Als dieser starb, kamen viele Menschen, die seinen Vater trösten wollten. Einer sagte zu ihm: »Hiob hatte mehrere Kinder, und alle sind an einem Tag gestorben. Schließlich akzeptierte Hiob G’ttes Entscheidung. Deshalb solltest auch du den Tod akzeptieren.« Rabbi Jochanan erwiderte: »Ist es nicht genug, dass ich mir in meinem Schmerz leidtue, dass du mich noch mit dem Kummer Hiobs belastest?«

Da kam Rabbi Elasar ben Arach und sagte zu Rabbi Jochanan etwas Treffendes. Er erzählte eine Geschichte: »Es war einmal ein Mann, der sollte wichtige Dinge des Königs aufbewahren, die dieser sich zu einem späteren Zeitpunkt zurückholen wollte. Diese Verantwortung war dem Mann zu groß. Es wäre ihm lieb gewesen, sich dieser Aufgabe friedlich zu entziehen, doch das konnte er nicht. So war er nervös und angespannt. Auch du, Rabbi Jochanan, hattest deinen Sohn zur Aufbewahrung von G’tt erhalten. Dein Sohn hielt die Gesetze, lernte die Tora, war anständig und verstarb ohne Sünde. Du hast ihn tadellos an G’tt zurückgegeben, wie du ihn von ihm erhieltest.« Da sagte Rabbi Jochanan: »Du, mein Sohn, hast mich getröstet, so wie man Menschen richtig tröstet.«

Dies zeigt uns, dass Rabbi Elasar in der Lage war zu trösten, indem er die guten Seiten des Verstorbenen aufzeigte.

bedeutung Eine weitere Seite von Mosches Trösten war, dass er Aharon sagte, der Tod sei nicht sinnlos gewesen. Er hatte eine Bedeutung, denn durch ihn kam G’ttes Heiligkeit.

Es stellt sich die Frage, wie durch den Tod der beiden Söhne Heiligkeit erlangt wurde? Warum G’tt sie so hart verurteilte, wissen wir nicht. Ihr Tod jedoch war für die künftigen Generationen nicht umsonst, sondern davon können wir lernen. Wir müssen wissen, was zum Tempel und zum Tempeldienst gehört. Und wir müssen wissen, wie groß G’ttes Heiligkeit ist. Wir müssen aber auch wissen, wie gefährlich es ist, wenn wir uns nicht an die Anweisungen halten.

Nach dem Tod der beiden wurde der Dienst im Tempel sofort fortgesetzt, obwohl die Trauer groß war. Hieraus lernen wir weiteres über den Umgang mit dem Tod: Der Mensch soll und muss so schnell wie möglich wieder am alltäglichen Leben teilnehmen.

Im Judentum gibt es verschiedene Trauerstufen. Zuerst zählt man die sieben Tage der Trauer, dann bis zum 30. Tag und weiter bis zum vollen Jahr. Mittels dieser Trauerschritte, in deren Verlauf sich die Gebote und Verbote immer weiter lockern, bereiten wir den Trauernden wieder auf ein normales Leben vor. Auch Mosche war es, der alle wieder zur Arbeit bewegte, obwohl der plötzliche Tod von Nadaw und Awihu so schrecklich war.

Diese Parascha mit Mosches Worten und Taten ist das Fundament der Trauerarbeit im Judentum. Um die Trauer zu bewältigen, bedarf es überlegter und einfühlsamer Worte, aber auch des Wiedereinstiegs des Trauernden in ein normales Leben.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne als Priester sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026