Bo

»Die Monate werden euch gehören«

Die Zeitgestaltung der Tora nimmt die wechselnden Mondphasen als Maß. Foto: Getty Images/iStockphoto, Montage: Marco Limberg

Um die Zeit des bürgerlichen Jahreswechsels höre ich von vielen Bekannten, sie wüssten, dass Juden um diese Zeit kein Neujahrsfest feiern. Einmal hat einer hinzugefügt, dass Juden anscheinend auch mit dem Zeitbegriff, mit der Vorstellung von Zeit, anders umgehen.

Das ist richtig. So wie in der Philosophie die Zeit nicht als eine absolute Kategorie betrachtet wird, so unterscheiden viele Menschen zwischen der erlebten, subjektiven Zeit, dem Zeitgefühl, und der Zeit, die sie von der Uhr ablesen können.

MONd Die Zeitgestaltung der Tora nimmt als Maß die regelmäßig wechselnden Phasen des Mondes: Von Neumond bis Neumond soll ein jüdischer Monat dauern.

Den Neumond zu sichten, ist im Mittelmeerraum keine schwierige Angelegenheit, da der Himmel auch nachts zumeist unbewölkt ist. Die strikte Feststellung der Mondzyklen ist wichtig, da die Feiertage jeweils vom Monatsbeginn an berechnet werden. Im Altertum fiel diese Aufgabe den Rabbinatsbehörden zu. Sie arbeiteten basierend auf zuverlässigen Zeugenaussagen aus verschiedenen Orten, um sicherzustellen, dass aufgrund der Berechnungen die jüdische Gemeinschaft als Einheit die Feste zur selben Zeit begehen konnte.

Dies hat uns Juden gelehrt, das Wesen der Zeit vielfältiger wahrzunehmen: als eine heilige Zeit der Feste sowie eine Zeit der Alltage.

Die heilige Zeit benötigt den zuverlässigen Zeitmesser des g’ttlichen Schöpfungswerkes, den Mond. Zusätzlich wird das Tun jener Menschen benötigt, die den Mond sichten und dies verlässlich bezeugen.

Die früheren Gelehrten wollten auch die Unterschiede hervorheben, die zwischen dem Schabbat und den biblischen Festen bestehen. Der Schabbat gilt als ältester und von G’tt geheiligter Ruhetag. Dagegen sind die Festzeiten der Israeliten »Menschenwerk«. Sie werden nach den Mondzyklen von uns festgelegt.

ZEITMESSUNG Die moderne Entwicklung der Zeitmessung, die uns genaue, zuverlässige und neue Wege schenkte, wird heutzutage selbstverständlich genutzt. Nach der Kalenderreform kann jeder Neumond minutiös vorausberechnet werden, ohne nach dem Mond schauen zu müssen. Heute reicht ein Klick im Internet, um sich über die Daten des jüdischen Kalenders weltweit zu informieren. Jeder kann sogar die heiligen Zeiten downloaden. Doch wollen wir nicht verdrängen, dass die »universelle und allgewaltige Zeit« die Zeit G’ttes ist.

In unserer Parascha erreicht die Geschichte vom Auszug aus Ägypten ihren Höhepunkt. Neun schwere Plagen sind über Ägypten hereingebrochen. Die zehnte und letzte steht kurz bevor. Die Kinder Israels haben ihre Sachen gepackt und sind bereit zum Auszug. Aus dem ungeordneten Haufen zur Flucht bereiter Sklaven wird langsam ein geordnetes Volk. Da spricht G’tt zu Mosche und gibt den Kindern Israels ihr erstes Gebot als Volk: »Dieser Monat soll für euch der Anfang der Monate sein. Er soll für euch der erste Monat des Jahres sein« (2. Buch Mose 12,2).

Warum ist von all den 613 Geboten, die unserem Volk gegeben wurden, ausgerechnet einen Kalender festzulegen, das erste Gebot, sozusagen eine Zeitrechnung, die mit der Befreiung aus der Sklaverei und dem Auszug aus Ägypten beginnt? Vor 500 Jahren lebte in Italien Rabbiner Obadja Ben Jacob Sforno. Er wies darauf hin, dass im hebräischen Originaltext das Wort »lachem« steht, zu Deutsch: »für euch«. Die Worte »Dieser Monat soll für euch der Anfang der Monate sein« sagen, dass die Kinder Israels in der Freiheit einen anderen Begriff und ein anderes Verständnis von Zeit haben werden.

Rabbiner Sforno schreibt: »Von nun an werden die Monate euch gehören, damit ihr mit ihnen machen könnt, was ihr wollt – im Gegensatz zu den Tagen der Sklaverei, als eure Tage nicht euch gehörten, sondern dem Dienst und dem Willen anderer unterworfen waren. Deshalb ist dies für euch der erste der Monate des Jahres. Denn mit ihm beginnt eure freie Existenz.«

Rabbiner Sforno bemerkt, dass für einen Sklaven Zeit keine Bedeutung hat. Denn die Bedeutung von Zeit liegt nicht darin, dass sie einfach so vergeht, sondern eben darin, was wir tun, während sie vergeht. Nur wenn wir die Freiheit der Wahl haben, hat Zeit für uns eine Bedeutung.

Für unser jüdisches Volk konnte eine nationale Geschichte erst dann beginnen, als unsere Vorfahren anfingen, den Wert der Freiheit zu schätzen und zu genießen. Der Tag, an dem wir die Befreiung aus der Sklaverei erlebten, war wahrhaftig unser »Unabhängigkeitstag«.

Bemerkenswerterweise finden wir in der Tora das allererste Datum in unserer jüdischen Geschichte in Zusammenhang mit diesem Gebot: der zehnte Tag des Monats Nissan.

FREIHEIT Rabbiner Sforno lehrt uns, dass Geschichte nicht bloß eine Chronologie und Abfolge von Ereignissen ist. Geschichte ist eine Reihe von frei getroffenen Entscheidungen. Erst die Freiheit bietet die Möglichkeit, Geschichte mitzugestalten. Erst die Freiheit bietet die Möglichkeit, durch unsere Entscheidungen die Zeit zu beherrschen.

Die Einsicht von Obadja Sforno vor 500 Jahren bestätigen in unserer Zeit die vielen Einwanderer nach Israel. Für uns war die Alija, die Einwanderung nach Israel, ein Ausdruck von Freiheit. Denn die Menschen haben Staaten und Gesellschaften verlassen, in denen Diktatur, Totalitarismus und Unterdrückung herrschen. Durch ihre Auswanderung wurden die Menschen von Unterdrückten und Passiven zu Befreiten und Aktiven – in ihrem persönlichen Lebenslauf wie auch in der israelischen Gesellschaft. So gesehen, haben sie nicht nur für sich selbst, sondern für Israel und für das ganze jüdische Volk Geschichte geschrieben.

Unsere biblische Schabbatlektüre aus dem 2. Buch Mose berichtet uns auch über die letzten Plagen, mit denen der Herr den Pharao zwang, seine Sklaven freizugeben. Dann erst lesen wir von der Befreiung der Knechte: vom Auszug der Israeliten aus Ägypten.

Die jüdische Ethik bewahrt die Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten mit folgendem mahnenden Gebot aus der Schrift: »Du sollst den Ägypter nicht verachten, denn ein Fremdling warst du in seinem Land« (5. Buch Mose 23,8).

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

inhalt
Der Wochenabschnitt Bo schildert die letzten Plagen, mit denen G’tt die Ägypter heimsucht: Das sind zunächst Heuschrecken und Dunkelheit, dann kündigen Mosche und Aharon die Tötung aller ägyptischen Erstgeborenen an. Doch das Herz des Pharaos bleibt weiter hart. Die Tora schildert die Vorbereitungen für das Pessachfest und beschreibt dann die letzte Plage: Alle Erstgeborenen Ägyptens sterben, doch die Kinder Israels bleiben verschont. Nun endlich lässt der Pharao die Israeliten ziehen. Zum Abschluss schildert der Wochenabschnitt erneut die Vorschriften für Pessach und die Pflicht zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.
2. Buch Mose 10,1 – 13,16

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026

Pro & Contra

Ist die traditionelle jüdische Familie passé?

Ja, sagt Rabbiner Alexander Grodensky: »Die traditionelle Familie ist heute eine Illusion.« Nein, meint Daniela Fabian: »Eine Familie zu gründen, hat Zukunft, weil sie Leben in die Welt bringt«

von Rabbiner Alexander Grodensky, Daniela Fabian  17.05.2026

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026