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Die Last-Minute-Mütter

Ab Mitte 40 werden Frauen nur noch selten mit eigenen Eizellen erfolgreich schwanger. Foto: Thinkstock

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Die Last-Minute-Mütter

Immer mehr Frauen über 50 bekommen Kinder. Was sagt die jüdische Tradition dazu?

von Rabbiner Raphael Evers  23.01.2017 18:24 Uhr

Unsere Stammmutter Sara war 90 Jahre alt, als sie ihren Sohn Jizchak bekam. Lange Zeit galt das als ein Wunder – nun scheinen sich immer mehr Frauen ein aktives Beispiel an Sara zu nehmen: 2007 brachte eine 64-Jährige in Aschaffenburg ein gesundes Mädchen zur Welt; in Indien wurden 70-jährige Frauen Mütter. 2016 gebar eine 65-Jährige in Berlin sogar Vierlinge. Es ist daher geboten, dass sich Rabbiner gründlich mit der späten Mutterschaft auseinandersetzen – auch wenn es nach wie vor schwerfällt, eindeutige Antworten auf die Frage zu finden, ob und inwiefern diese gefördert werden sollte und halachisch zulässig ist.

Jedes »durchschnittliche« kinderlose jüdische Ehepaar, das in die Jahre kommt, wird das Dilemma kennen, denn obwohl die durchschnittliche jüdische Familie in Westeuropa sogar kleiner ist als die nichtjüdische, steht der Kinderwunsch im Judentum traditionell stärker im Vordergrund. Was passiert, wenn die Frau über 45 ist und mit ihren eigenen Eizellen nicht mehr erfolgreich ein Kind austragen kann? Der Gedanke an eine Eizellspende ist bei starkem Kinderwunsch naheliegend. Doch manche Menschen sind voreingenommen, da sie eine solche Entscheidung – und auch die Möglichkeit, sie überhaupt treffen zu können –, nicht als »normal« ansehen.

Einfrieren Eigene Eizellen für eine spätere Schwangerschaft einzufrieren, wie das zur Zeit technisch möglich, aber häufig nicht erfolgreich ist, ist aus jüdischer Sicht nicht verboten. Neue Techniken müssen jedoch dahingehend geprüft werden, was die Tora hierzu sagt. G’tt hat uns damit beauftragt (2. Buch Mose 21,19), heilend zu handeln, und das auch bei Problemen mit der Fruchtbarkeit. Ein medizinischer Eingriff an sich stellt dabei keine Einmischung in G’ttes Lenkung der Welt dar.

Leon Kass, der Vorsitzende des amerikanischen Rats für Bioethik, sagt zu der Problematik: »Alle natürlichen Grenzen, die uns als menschliche Wesen benannt wurden, stehen zur Diskussion. Die Grenze zwischen Mensch und Tier einerseits, die Grenze zwischen Mensch und Übermensch andererseits. Die Grenzen des Lebens, die Grenzen des Todes.«

Doch können Frauen im Großmutteralter überhaupt noch gut erziehen? Manche Kinderpsychologen reagieren zurückhaltend, doch Studien haben ergeben, dass keine größeren Probleme zu erwarten sind. Manchmal kümmert sich ein gut funktionierendes Familiennetzwerk um die Kinder, falls die Mutter (oder auch der Vater) ausfallen sollte.

Eine zentrale Frage aber bleibt: Wer soll Kinderwunschbehandlungen im hohen Alter bezahlen – und wer kann sie sich leisten? Im Reagenzglas wird eine gespendete weibliche Eizelle mit einem männlichen Spermium befruchtet. Danach erfolgt die Einpflanzung in die Gebärmutter. Zusätzlich werden die Frauen hormonell behandelt und die Kinder oft mit Kaiserschnitt entbunden. Letztendlich sind dies hohe Kosten, die auf das gesamte Gesundheitssystem zurückfallen.

Identität Und was sagt die Halacha zu dem Thema? Spenden von Eizellen oder Samenzellen heißen unsere Weisen nicht ohne Weiteres gut, weil dadurch auch Identitätsprobleme bei den Kindern entstehen können. In den meisten westeuropäischen Ländern ist außerdem gesetzlich verankert, dass die gebärende Mutter auch die leibliche Mutter ist.

Künstliche Befruchtung mit dem Sperma eines Spenders wird im Allgemeinen von Rabbinern nicht erlaubt, da die Identität des Spenders meist geheim gehalten wird. Man geht dabei das Risiko ein, dass das Kind später seine Halbschwester oder seinen Halbbruder (ein anderes Kind des Spenders) heiraten könnte. Es wird zudem als unerwünscht angesehen, dass das Kind seine Abstammung nicht erfährt. Auch auf dem Gebiet des Erbrechts entstehen Schwierigkeiten. Für den Vater wird das Kind nie als sein eigenes gelten können, da es biologisch nicht von ihm abstammt – auch wenn das Gefühl ein ganz anderes sein kann.

Empfängnis Vater wird man ab dem Augenblick der Empfängnis. Laut Rabbiner Akiva Eger (18. Jahrhundert, Ungarn) steht auch die Mutterschaft mit der Empfängnis fest. Rabbiner Joseph Engel (19. Jahrhundert, Polen) meint dagegen, dass eine Frau erst bei der Geburt ihres Kindes Mutter wird.

Laut Rabbiner Engel ist das Kind ausschließlich Familie der gebärenden Mutter. Theoretisch könnte das Kind also Familienmitglieder der Eizellspenderin heiraten (genetische Probleme müssten selbstverständlich vermieden werden). Rabbiner Eger dagegen würde Letzteres verbieten. Der Sicherheit wegen (Lechumra) darf ein im Reagenzglas gezeugtes Kind später weder Familienmitglieder der Eizellspenderin noch der schwanger gewesenen Mutter, die das Kind ausgetragen hat, heiraten.

Für den Fall, dass die Spenderin einer Eizelle jüdisch ist und die Schwangere nicht oder umgekehrt, haben unsere Weisen sich über den Status des Kindes Gedanken gemacht. Wenn die Eizellspenderin nicht jüdisch und die gebärende Mutter jüdisch ist, hängt der Status des Kindes von der halachischen Sichtweise ab. Ist unsere Betrachtungsweise die, dass ein Embryo »Teilstück« der austragenden Mutter wird, dann ist das Kind automatisch jüdisch.

Mikwe Nehmen wir jedoch an, dass ein Embryo kein »Teilstück« der Mutter bildet und somit nicht automatisch ihren Status erhält, dann müsste die schwangere jüdische Mutter unter rabbinischer Aufsicht eines Beit Din, also von drei Dajanim, in eine Mikwe eintauchen. So wird ihr Ungeborenes, unabhängig von der Eizellspenderin, jüdisch. Da das Kind als Fötus zum Judentum übergetreten ist, kann das Kind vor der Bar- oder Batmizwa entscheiden, ob es jüdisch bleiben möchte (obwohl dies heute nicht mehr üblich ist).

Einige Psychologen befürchten allerdings eine Zersplitterung der Mutterschaft. Ein Kind aus einem »kooperativen Fortpflanzungsvorgang« hat mindestens zwei Mütter: eine genetische und eine familiäre. Die Zulassung einer Kombination von Samen- und Eizellspende bewirkt eine noch weitergehende Zersplitterung des Familienbezugs.

Das Spenden von Samen- oder Eizellen ist also problematisch, aber das entstandene Baby wird von den meisten Gelehrten nicht als unehelich oder ungesetzlich betrachtet, nur weil es ohne körperliche Vereinigung der Eltern entstanden ist.

Adoption Abschließend kann gesagt werden: Eltern haben eine biblische Verpflichtung, Kinder in die Welt zu setzen. Auch wenn dies spät erfolgen sollte, bleibt jedes einzelne Menschenleben eine gute Entscheidung. Eines steht jedoch fest: Nach dem jüdischen Religionsgesetz ist niemand verpflichtet, irgendwelche künstlichen Eingriffe zu unternehmen, um Kinder zu bekommen. Die Alternative dazu könnte eine Adoption sein.

Der Autor ist Dajan beim Europäischen Beit Din und war Rabbiner der Niederlande. Er ist jetzt Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

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