Gesetzentwurf

»Die Kotel gehört allen Juden«

Diskussion zwischen einer ultraorthodoxen Frau und einer »Woman of the Wall« an der Kotel Foto: Flash 90

10.000 Schekel (2600 Euro) Strafgebühr oder ein halbes Jahr Gefängnis – für eine Frau, die am falschen Ort die falsche Kleidung trägt: Das sah ein Gesetzentwurf zur Westmauer in Jerusalem vor, der vergangene Woche in israelischen Medien kursierte. Laut dem Plan, vorgestellt von der sefardischen Schas-Partei, sollten bestimmte Verhaltensweisen, die orthodoxen Traditionen widersprechen, an der Kotel kriminalisiert werden.

So sollte es etwa Frauen verboten werden, dort einen Tallit zu tragen, laut aus der Tora zu lesen oder Tefillin anzulegen. Im orthodoxen Judentum sind diese Traditionen Männern vorbehalten, liberale Strömungen wie das Reform- oder konservative Judentum dagegen erlauben sie auch Frauen.

konflikte An der Westmauer kommt es seit Jahren immer wieder zu Konflikten über die Frage, welche Art von Gebet dort gestattet ist. Die feministische Aktivistengruppe Women of the Wall (WoW) veranstaltet regelmäßig Gruppengebete im Frauenbereich der Kotel, bei denen die Teilnehmerinnen Tallit und Tefillin tragen.

Immer wieder werden sie dabei von ultraorthodoxen Männern beschimpft, manchmal sogar körperlich angegriffen. Davon haben sich die Frauen bislang nicht abschrecken lassen. Am vergangenen Donnerstag schien es, als hätten ihre Gegner einen anderen Weg gefunden, nichtorthodoxen Gebeten an der Kotel ein Ende zu setzen.

Die Reaktionen fielen erwartungsgemäß heftig aus. Manche Kommentatoren verglichen die geplante Regelung mit den Kleidervorschriften im Iran. »Das ist ein empörender Angriff auf die Religionsfreiheit an unserem heiligsten Gebetsort«, ließ WoW verlauten. »Die Kotel gehört allen Juden! Wenn wir ins Gefängnis müssen, gehen wir ins Gefängnis.«

Überraschenderweise kritisierte selbst eine ultraorthodoxe Nachrichtenseite den Vorschlag. Das Gesetz werde nur zu weiteren »Provokationen« an der Westmauer sowie zu weiterer »Polarisierung« führen, hieß es auf dem Portal »Kikar HaSchabbat«.

STATUS QUO Nach wenigen Stunden kam die Entwarnung: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu meldete sich per Videobotschaft in den sozialen Medien zu Wort, um zu verkünden, das Gesetz würde in dieser Form nicht verabschiedet. Die Absätze, die beispielsweise die Kleidung betreffen, seien vor 40 Jahren verfasst worden und »für niemanden akzeptabel«, sagte Netanjahu. »Der heutige Status quo an der Westmauer, die dem ganzen Volk Israel teuer ist, bleibt erhalten.«

In einer überraschenden Volte distanzierte sich anschließend sogar die Schas-Partei selbst von ihrem eigenen Gesetzentwurf. Die Partei begrüße die Verlautbarung des Ministerpräsidenten, hieß es in einer Erklärung; die Westmauer »benötige kein Gesetz«.

Dass der Streit um die Westmauer damit beigelegt wäre, ist indes nicht zu erwarten. Liberale Strömungen des Judentums, in Israel sowie in der Diaspora, beklagen seit Langem, dass an der Kotel orthodoxe Traditionen dominieren und etwa in dem wesentlichen Areal vor dem Heiligtum kein gemeinsames Gebet von Männern und Frauen gestattet ist.

EGALITÄRES GEBET Nur an einem kleineren, etwas abgelegenen Stück der Mauer wird liberales Gebet bisher offiziell zugelassen – und dennoch kommt es vor, dass radikale Ultraorthodoxe die dort Betenden verbal oder gar körperlich belästigen.

Im Jahr 2016 einigte sich Netanjahu, der auch damals die israelische Regierung anführte, mit einer Reihe progressiver jüdischer Gruppen und Organisationen darauf, diesen Bereich instand zu setzen und zu erweitern. Doch auf Druck orthodoxer Kräfte rückte er bald darauf wieder davon ab.
Vertreter des Reform- und konservativen Judentums drängen auf eine Umsetzung der Einigung.

»Die Rabbinerversammlung ist zutiefst enttäuscht über das Versäumnis von Premierminister Benjamin Netanjahu, das Versprechen eines egalitären Gebets an der Kotel einzuhalten«, hieß es letzte Woche in einem Statement der Vereinigung konservativer Rabbiner. Doch angesichts des Einflusses, den die beiden ultraorthodoxen Parteien in der aktuellen Regierung haben, ist mit einer baldigen Einigung kaum zu rechnen.

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