Talmudisches

Die kostbare Perle

In der Antike war es üblich, Perlen zu zerstoßen, da man ihnen wegen ihrer geheimnisvollen Herkunft eine heilende und magische Wirkung zuschrieb. Foto: Thinkstock

Bevor Rabbi Akiva zu einem der bedeutendsten Gelehrten des rabbinischen Ju­dentums wurde, diente er, des Lesens und Schreibens unkundig, als Hirte bei einem reichen jüdischen Mann namens Kalba Sabua. Dessen Tochter Rachel verliebte sich in Akiva und spornte ihn zum Lernen an. Doch als die beiden heirateten, warf der Schwiegervater sie aus dem Haus, denn in seinen Augen war die Partie nicht standesgemäß.

Nun, da Akiva ein anerkannter, großer Gelehrter geworden war, schenkte ihm sein Schwiegervater – er war einer der drei reichsten Männer Jerusalems – sein ganzes Vermögen. Dadurch wollte er wettmachen, was er ihm einst angetan hatte.

Edelsteine Von Zeit zu Zeit verkaufte Rabbi Akiva Diamanten und Edelsteine, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eines Tages wollte ein seltsamer Kunde auf dem Markt eine kostbare Perle von ihm kaufen. Rabbi Akiva kannte den Mann und hatte ihn immer für mittellos gehalten, denn er war schäbig gekleidet und studierte stets unter den armen Leuten im Beit Hamidrasch.

»Ich möchte die Perle kaufen«, sagte der Mann, »und ich zahle deinen Preis. Aber ich habe kein Geld bei mir. Sei so gut und komm mit mir nach Hause, damit ich dich bezahlen kann.« Rabbi Akiva dachte, der Mann scherze. Aber er wollte ihn nicht beleidigen. Deshalb beschloss er, mit ihm zu gehen.

Als sie sich dem Haus des Mannes näherten, war Rabbi Akiva sehr überrascht: Zahlreiche Diener kamen herausgerannt, um ihren Meister zu begrüßen und ihn in die Wohnung zu geleiten. Rabbi Akivas Staunen steigerte sich noch mehr, als er beim Betreten des Hauses sah, wie die Diener dem Mann einen schönen goldenen Stuhl hinschoben. Sie brachten Wasser und wuschen ihm sogleich die Füße.

Medikament Der Mann ließ seine Diener die Kassette holen, in der er sein Geld aufbewahrte, und zahlte Rabbi Akiva den vollen Preis für die Perle. Dann befahl er den Dienern, die Perle zusammen mit sechs weiteren Perlen zu einem feinen Pulver zu zerstoßen und es in eine Medikamentenkapsel zu füllen. Rabbi Akiva war verblüfft und fragte den Mann: »Du hast so viel Geld für die kostbare Perle bezahlt, und dann lässt du Pulver daraus machen? Warum tust du das?«

»Siehst du, verehrter Rabbi«, antwortete der Mann, »ich kaufe Perlen, zermalme sie zu Pulver und vermische sie mit bestimmten Medikamenten, um sie den Armen zu geben.« Es war im Altertum üblich, Perlen zu zerstoßen, da man ihnen wegen ihrer geheimnisvollen Herkunft eine heilende und magische Wirkung zuschrieb.

Der Mann ließ den Tisch mit den besten Speisen und Weinen decken und lud Rabbi Akiva und seine Schüler ein, mit ihm zu essen. Als sie fertig waren, sagte Rabbi Akiva zu dem Mann: »Ich sehe, dass der Allmächtige dich mit großem Reichtum gesegnet hat. Doch ich frage mich, wie kommt es, dass du so demütig bist? Auch ist es merkwürdig, dass ein Mann deines Reichtums sich so zerlumpt kleidet und unter den Armen sitzt, als wäre er einer von ihnen.«

Zedaka »Rabbi!«, antwortete der Mann. »Ich höre oft unsere großen Weisen lehren, dass G’tt stolze Männer nicht mag. Aber warum sollte ich stolz auf meinen Reichtum sein? Vielleicht ist er nur ein vorübergehender Schatten, und bald werde ich arm sein. Wenn dies so kommen sollte, dann wird es mir nicht schwerfallen, meinen Platz unter den Armen zu finden. Wenn ich nicht hochklettere, tut mir der Sturz nicht weh. Ich übe Zedaka, Wohltätigkeit, im Stillen, denn ich suche keine Ehre für mich. Ich glaube, dass alle Menschen gleich sind, sowohl die Armen als auch die Reichen. Wir alle haben den gleichen Vater im Himmel.«

Sodann segnete Rabbi Akiva den Mann, wünschte ihm ein langes Leben und lange währenden Reichtum, damit er auf seine wunderbare Weise weiterhin viel Gutes tue.

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  22.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026