Haftara

Die Geburt des Propheten Schmuel

Chana war allein schon wegen ihrer Kinderlosigkeit eine unglückliche Frau. Foto: imago images/Cavan Images

Rosch Haschana ist kein leichter Feiertag. Die Gebete sind lang, der Klang des Schofars ernst, und auch die weißen Kleider tragen nicht zu fröhlicher Stimmung bei. Deshalb ist das Toralesen zwischen den Schacharit- und den Musaf-Gebeten eine willkommene Abwechslung, bei der man sich bequem hinsetzen darf und entspannt die interessanten Geschichten hören kann wie etwa von der Geburt Jizchaks oder von Awrahams Versuch, ihn zu opfern.

Während viele Beter noch versuchen, die Toralesung aufmerksam zu verfolgen, lässt die Aufmerksamkeit bei der Haftara, der Lesung des Prophetenabschnitts, der nach dem Toraabschnitt vorgetragen wird, jedoch deutlich nach.

Aber es lohnt sich, auch die Haftara aufmerksam zu verfolgen. Denn da hören wir am ersten Tag des Festes die spannende Geschichte von der Geburt des Propheten Schmuel (Schmuel I 1,1 – 2,10).

Verbindung Die Haftarot, die an den Festen gelesen werden, sollen immer eine Verbindung zu dem jeweiligen Fest haben. Die Geschichte von Schmuels Geburt wird an Rosch Haschana deshalb gelesen, weil seine Mutter Chana lange Zeit kinderlos war und G’tt sie an Rosch Haschana davon erlöst hat.

Chana, die Frau des ehrwürdigen Leviten Elkana, wünschte sich Kinder, blieb aber viele Jahre kinderlos und litt darunter sehr. Elkana hatte eine zweite Frau, Peninna, die mittlerweile schon zehn Kinder hatte, was die Situation für Chana noch unerträglicher machte.

Jedes Jahr pilgerte Elkanas große Familie mehrere Male nach Jerusalem, um im Tempel Opfer darzubringen und die Feste zu feiern. Chana nutzte diese Gelegenheiten, um im Tempel dafür zu beten, dass sie Kinder bekommt. Doch Jahr für Jahr blieben ihre Bemühungen erfolglos.

gnade Eines Tages klappte es plötzlich: Kurz nach der Rückkehr aus Jerusalem wurde Chana schwanger und gebar einen Sohn, der zu einem der größten und bekanntesten Propheten wurde. Wie kam es, dass ihre Gebete endlich erhört wurden? Was war der Auslöser der g’ttlichen Gnade für die arme Frau? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Geschichte ganz aufmerksam betrachten.

Chana war allein schon wegen ihrer Kinderlosigkeit eine unglückliche Frau, doch ihre Nebenbuhlerin Peninna machte ihr das Leben noch schwerer: »Da kränkte ihre Nebenbuhlerin sie, Kränkung über Kränkung, um sie einzuschüchtern, dass der Ewige ihren Mutterschoß verschlossen hatte. Und so geschah es Jahr für Jahr, so oft sie hinaufging in den Tempel, kränkte sie Peninna, dass sie weinte und nicht aß.«

Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, kommt hinzu, dass ihr Mann, der sie sehr liebte, ihr Leid nicht verstand. Er sagte: »Chana, warum weinst du, und warum isst du nicht? Warum ist deinem Herzen weh? Bin ich dir nicht lieber als zehn Söhne?«

wendepunkt Viele Kommentatoren meinen, dass dies ein Wendepunkt war. Enttäuscht und desillusioniert verstand Chana, dass nur G’tt ihr helfen konnte, und so bekamen ihre Gebete besondere Kraft. Jedoch sagen unsere Weisen, dass womöglich erst eine schicksalhafte Begegnung im Tempel die Rettung brachte.

Nach den unbedachten Worten ihres Mannes ging Chana zum Tempel, um dort zu weinen und zu beten. Dabei wurde sie zufällig vom Hohepriester Eli beobachtet. Chana zog seine Aufmerksamkeit auf sich, weil sie sehr ungewöhnlich betete: leise und mit großer Andacht. Da Eli so etwas noch nicht gesehen hatte (normalerweise beteten die Besucher des Tempels laut), schien es ihm, dass Chana betrunken war. Er sagte zu ihr: »Wie lange noch willst du wie eine Betrunkene tun? Lege ab deinen Weinrausch von dir!«

Chana wehrte sich energisch gegen solchen Verdacht und erklärte ihre Situation: »Nicht so, mein Herr! Ein Weib schweren Gemüts bin ich, Wein und Berauschendes habe ich nicht getrunken; ich schütte nur mein Herz aus vor dem Ewigen.«

Da verstand Eli, dass er sich irrte und segnete die arme Frau: »Gehe in Frieden, der G’tt Israels gewähre dein Begehr, was du von Ihm begehrt hast.« Chana ging zurück zu ihrem Zelt – offenbar gut gelaunt, denn wir lesen: »Und ihr Angesicht war nicht (betrübt) wie sonst.«

Zuversicht Was ist passiert? Wie es aussieht, glaubte Chana ausgerechnet nach dem kurzen Gespräch mit Eli, dass ihre Gebete diesmal erhört werden und sie ganz gewiss ein Kind bekommen wird. Es müsste also etwas an Elis Worten sein, dass Chana zuversichtlich machte. Die Antwort ist, dass Chana um die Kraft des Segens wusste. Jeder Mensch kann segnen, doch ein Segen des Hohepriesters wiegt viel mehr.

Aber nicht jeder Segen ist wirksam. Unsere Weisen sagen, dass in zwei Fällen menschlicher Segen eine besondere Kraft haben kann: Wenn ein Mensch jemandem sehr dankbar ist und seinen Wohltäter segnet, oder wenn man jemanden umsonst verdächtigt hat, sich schuldig fühlt und ihn in diesem Zustand segnet.

So bat zum Beispiel Jizchak seinen Sohn Esaw, ihm sein Lieblingsessen zuzubereiten, bevor er ihn segnen wollte. Oder der Vorfall, dass Jizchak den Diener seines Vaters Awraham, Eliezer, zu Unrecht verdächtigte, unterwegs Rivka berührt zu haben. Laut dem Midrasch wurde Eliezer dafür lebendig in den Gan Eden aufgenommen.

hohepriester Ähnlich erging es auch Chana. Der Hohepriester hatte sie zu Unrecht verdächtigt und segnete sie dann aufrichtig (»Der G’tt Israels gewähre dein Begehr«). Für Chana war dies ein Zeichen, dass diesmal ihr Gebet erhört werden wird. Das war der Grund für ihre Zuversicht und gute Laune.

Mit diesem Segen tat Eli nicht nur Chana, sondern dem ganzen jüdischen Volk einen großen Gefallen.

Zum Schluss ein Tipp für ein gelingendes Rosch-Haschana-Fest: Wir beten viel und versuchen damit, uns ein gutes Jahr zu verdienen. Doch wir sollten auch an unsere Mitmenschen denken. Ein aufrichtiger Segen für unsere Freunde, Nachbarn, Kollegen, denen wir für vieles dankbar sein müssen, kostet nicht viel – kann aber Großes bewirken.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinden Dessau und Halle (Saale).

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