Emor

Die Folgen des Fluchs

Einsam: Wer von der Gruppe isoliert wird, bekommt Wut auf die anderen. Foto: Getty Images/iStockphoto


Wenn Rabbiner etwas zum Wochenabschnitt beitragen wollen, konzentrieren sie sich in der Regel auf die ersten Sätze der Parascha. Die hinteren Kapitel werden häufig vernachlässigt.

Im Wochenabschnitt Emor lohnt es sich jedoch, den Text einmal von hinten zu beginnen. Denn gegen Ende spielt sich eine Geschichte ab, die aus dem Rahmen fällt, selten kommentiert wird und allgemein wenig bekannt ist. Wir hören von einem Juden, der Gott verflucht hatte und daraufhin gesteinigt wurde.

Die Tora verrät uns seinen Namen nicht. Wir erfahren lediglich, dass er der Sohn einer jüdischen Mutter vom Stamm Dan und eines nichtjüdischen Ägypters war. Wegen der Mutter war der Mann jüdisch, doch weil sein Vater nicht jüdisch war, gehörte der Mann keinem der zwölf Stämme an, denn die Stammeszugehörigkeit folgt dem Vater.

Dieser Jude musste also sein Zelt in der Wüste immer außerhalb der zwölf Stämme aufschlagen. Wir wollen hier nicht Partei ergreifen − doch außerhalb der zwölf Zeltplätze zu nächtigen, muss ein hartes Los gewesen sein. Die Angehörigen der zwölf Stämme lagerten um das Mischkan, das Heiligtum. Außerhalb der angestammten Plätze musste damals nur lagern, wer Aussatz hatte.

VORGESCHICHTE Die Vorgeschichte zu der Steinigung ist hochinteressant und wurde meines Erachtens psychologisch nie ganz beleuchtet

Wie der mittelalterliche Bibelkommentator Raschi schreibt, trat der Jude zu den zwölf Stämmen hin und fragte sich laut: »Warum sind unsere Schaubrote am Schabbat kalt?« Im Mischkan wurden dem Ewigen zwölf Brotlaibe als Opfer dargebracht. Durch ein Wunder blieben sie am Schabbat warm (Talmud, Chagiga 26b). Das wusste der Mann vermutlich nicht, denn er steigerte sich in den Vorwurf: «Einem König werden doch warme Brötchen serviert!«

Sein Geschrei wurde als unverschämt empfunden. Ein anderer Jude ermahnte ihn, mit der Lästerei aufzuhören.

Ein einfacher Zeitgenosse war der Mann wahrlich nicht. Raschi erwähnt einen weiteren Vorfall, bei dem sich der Gotteslästerer in die Zelte Dans begab und darauf bestand, dass er zu ihnen gehöre. Man schleppte ihn vor Mosche, der ihm eine Absage erteilte. All das führte bei dem Mann offenbar zu einer Kurzschluss­reaktion, und er sprach Gotteslästerungen aus. Dummerweise tat er das direkt vor Mosche.

Halacha Es ist nicht das erste Mal, dass eine Einzelperson eine Änderung in der Halacha verlangte. Erinnern wir uns an Mosches Schwiegervater Jitro. Dieser folgte dem jüdischen Volk in die Wüste und krempelte die Justizordnung um.

Bis dahin waren alle Menschen, wenn sie eine halachische Frage hatten, vor Mosche getreten. Jitro erkannte, dass die langen Wartschlangen Mosche überforderten und den Justizapparat lähmten. Also schlug er vor: Juristische Fragen in Zusammenhang mit Geld gelangen an kleine Richtergremien, Mosche hingegen wird erst hinzugezogen, wenn es um schwerwiegende Fragen über Leben und Tod geht.

Wenn Jitro als weiser Mann gefeiert wird, warum kommt dann der Mann in unserem Wochenabschnitt so schlecht weg? Er wollte durchsetzen, dass auch Juden mit nichtjüdischen Vätern zu einem Stamm gehören. Und das Wunder mit den Schaubroten kannte er nicht.

Ich denke, dass es sich hier um eine politische Entscheidung handelte. Der Talmud erzählt uns, dass sich der Gotteslästerer über die Gesetze mokierte. Seine Aussage mit den kalten Broten war ironisch gemeint.

Das mag sein, doch vielleicht meinte der Mann etwas ganz anderes. Er verglich sein armseliges Leben fernab der zwölf Stämme, die ihn nicht aufnehmen wollten und konnten, mit den zwölf Schaubroten. Er stellte die Frage: Warum seid ihr zwölf Stämme so kalt zu mir? Warum stoßt ihr mich aus eurer Mitte und sucht keinen Kompromiss? Ich bin ein Jude wie ihr, mit allen Rechten und Pflichten, doch ihr nehmt mich nicht als Israeliten wahr!

Vor den Gottesflüchen kamen Hilferufe. Doch die Männer, die ihn zum Schweigen bringen wollten, verstanden diese Zwischentöne nicht. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808−1888) urteilt in seinem Bibelkommentar hart: »(Dieser Mann) trat hinaus aus einer ihm gebührenden Schranke in die Mitte der Söhne Israels, wohin er nicht gehörte.«

In Kapitel 24, Vers 10 steht aber »Waji­nazu« − »und es stritten«. Die Vertreter des Stammes Dan stritten sich mit ihm, dem kleinen Versager. Am Ende verfluchte er Gott und wird gesteinigt.

ERWÄHNUNG Aus historischer Sicht ist diese Geschichte eigentlich unbedeutend. Ein Jude lästert und wird getötet. Wahrscheinlich gab es während der 40-jährigen Wüstenwanderung noch andere üble Dinge, die allerdings keine Erwähnung in der Tora gefunden haben.

Warum wird der Gotteslästerer erwähnt? Die Antwort ist: weil kein Mensch Gott flucht, ohne dass er zuvor bei den Menschen scheiterte. Die kurze Geschichte des Wochenabschnitts Emor zeigt das exemplarisch: Dieser Jude wohnt außerhalb der zwölf Stämme. Daneben, nicht mittendrin. Auch die beiden Volkszählungen, von denen die Tora berichtet, finden ohne ihn statt, da nur Stammesangehörige erfasst wurden. Wie geht die jüdische Gesellschaft mit so einem armen Tropf am besten um?

Warum nicht so, wie bei den Töchtern Zelofchads im 4. Buch Mose (27, 1−11)? Ein Vater stirbt und hinterlässt »nur« fünf Töchter. Die Frauen erstreiten für sich und alle anderen das Erbrecht, das zuvor nur männlichen Nachkommen vorbehalten war. Mit etwas Geschick hätte unser Gesteinigter vielleicht auch eine Gesetzesnovelle erwirken können, nämlich, dass auch Juden, die einen nichtjüdischen Vater haben, einem Stamm zugeschlagen werden.

Doch bei dem Mann handelte es sich um einen Querulanten, der seinen Gefühlen freien Lauf ließ und damit viele Menschen verprellte.

Ich persönlich erkenne in diesem Juden einen Satiriker. Diese Leute hatten es schon immer schwer, vor allem jüdische unter Juden. Man sieht sie als Nestbeschmutzer an, und etliche wünschen sich insgeheim ihre Steinigung. Das ist verheerend. Denn eigentlich stellen sie uns immer wieder vor die Frage: »Warum seid ihr so kalt untereinander?«

Der Autor hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.

INHALT

Am Anfang des Wochenabschnitts Emor stehen Verhaltensregeln für die Priester und ihre Nachkommen. Ferner wird beschrieben, wie die Opfertiere beschaffen sein müssen. Außerdem werden kalendarische Angaben zu den Feiertagen gemacht: Schabbat, Rosch Haschana, Jom Kippur, und die Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot werden festgelegt. Gegen Ende des Wochenabschnitts wird erzählt, wie ein Mann den Gottesnamen ausspricht und für dieses Vergehen mit dem Tod bestraft wird.

3. Buch Mose 21,1 – 24,23

Initiative

»Deutschland singt« will am 3. Oktober bundesweit Danke sagen

Die Schirmherrschaft zu der Aktion hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, übernommen

 21.09.2020

Religion

Debatte über möglichen interreligiösen Feiertag geht weiter

Josef Schuster: »Wir stehen dem eher skeptisch gegenüber«

 18.09.2020

Sicherheit

Bundesregierung unterstützt den Schutz jüdischer Einrichtungen mit 22 Millionen Euro

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Für jüdische Gemeinden stellen die Ausgaben für Sicherheit häufig eine erhebliche finanzielle Belastung dar«

 17.09.2020

Schabbat

Familiengeschichten

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in den Geschichten von Jizchak und Jischmael gibt

von Chajm Guski  17.09.2020

Unetane Tokef

Das Urteil abändern

Wie ein 1000 Jahre altes Gebet in Zeiten der Pandemie eine neue Bedeutung bekommt

von Rabbinerin Yael Deusel  17.09.2020

Corona

Horn mit Maske

Was Wissenschaftler und Rabbiner zum Schofarblasen in Zeiten der Pandemie sagen

 17.09.2020

ARK

Zusammenwirken

Die Pandemie ist eine besondere Herausforderung, die man am besten gemeinsam meistert

 17.09.2020

ORD

»Der Beginn neuen Lebens«

In der Bedrohung durch Corona gilt es jetzt, das Potenzial der Krise zu nutzen

 17.09.2020

Rosch Haschana

Im Zweifel für den Angeklagten

Wie wir am Tag des Gerichts ein mildes Urteil erwirken können

von Rabbiner Avraham Radbil  17.09.2020