Talmudisches

Die Farbe Weiß

Der Talmud ist voller Bezüge auf Weiß. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Die Farbe Weiß

Was unsere Weisen darüber lehrten

von Chajm Guski  22.09.2023 09:20 Uhr

An Jom Kippur tragen viele Weiß. Der Talmud ist voller Bezüge auf diese Farbe. Eine wohlbekannte Szene aus der Tora: Jakow spricht mit einem Mann namens Lawan über Ziegen (1. Buch Mose 30,35). Einige der Ziegen sind weiß, hebräisch »lawan«. An anderer Stelle wird nicht nur über das Weiß von Tieren berichtet, sondern von Zähnen, die laut der Tora »weiß wie Milch« sein können (1. Buch Mose 49,12). Weiß ist auch das Man: »weiß wie Koriandersamen« (2. Buch Mose 16,31).

G’tt befiehlt Mosche bei seiner Begegnung am Dornbusch, er solle seine Hand ins Gewand stecken (2. Buch Mose 4,6). Als Mosche sie wieder herauszog, »war sie voller Aussatz, weiß wie Schnee«. Generell ist Weiß die Farbe von Aussatz (Zaraʼat). Im Buch Jeschajahu wird der Vergleich mit Schnee wieder aufgegriffen: »Oh kommt, dass wir uns versöhnen, spricht der Ewige: Mögen eure Sünden wie Karmesin (rot) sein, es wird alles weiß wie Schnee; wenn sie rot wie Purpur sind – alles soll weiß wie Wolle werden« (1,18).

Das Zitat aus Jeschajahu weist in die Richtung, in der die Weisen des Talmuds die Farbe Weiß verstanden haben. Zunächst ist den Weisen des Talmuds aufgefallen, dass Koriandersamen überhaupt nicht weiß sind! Im Traktat Joma begründet Raw Asi, was die Wendung bedeuten könnte: »Rund wie ein Korianderkorn und weiß wie eine Perle« (75a). Wenig später (75b) heißt es: »Das Man wurde weiß genannt, weil es die Sünden Israels weiß machte.« Es geht also um die Abwesenheit von Sünden.

Sündenbock Im genannten Traktat (39a) wird auch der sprichwörtliche Sündenbock diskutiert, der an Jom Kippur zum Wüsten­dämon Asasel geschickt wird, beladen mit den Sünden des Volkes Israel. »Die Rabbanan lehrten: Während der 40 Amtsjahre Schimon des Gerechten geriet das Los (für G’tt) in die rechte Hand. Danach geriet es zuweilen in die Rechte und zuweilen in die Linke.«

Über den Faden, der an den Bock geknotet wurde, heißt es dann: »Der glänzend rote Wollstreifen wurde immer weiß, danach wurde er zuweilen weiß und zuweilen nicht. Die westliche Lampe (im Tempel) brannte immerwährend, von dann ab brannte sie zuweilen, und zuweilen erlosch sie.« Im Talmud wird ein Blatt weiter (39b) von Rabbi Jitzchak ben Tawlaj in Bezug auf den Tempel gefragt: »Warum wird er Lewanon genannt?« Und er antwortet: »Weil er die Sünden Israels weiß machte (malbin).«

Joma 67a schildert den Vorgang noch etwas genauer: »Rabbi Nachum bar Pappa sagte im Namen von Rabbi Eleasar Ha­Kappar: Anfangs pflegte man den rot glänzenden Wollstreifen an die Tür von innen zu binden, und sobald der Bock die Wüste erreichte, wurde er weiß. Da wusste man, dass mit ihm die Mizwa ausgeübt wurde, denn es heißt: Sind eure Sünden auch karmesinrot, schneeweiß sollen sie werden.«

PRIESTER Das Weiß fand auch konkrete Anwendung für die Kohanim, die Priester. In der Mischna (Middot 5,4) wird berichtet: »Die Quader-Kammer, dort hatte der große Sanhedrin Israels seinen Sitz und traf seine Entscheidungen über alle Kohanim. Wurde an einem Kohen ein Makel gefunden, kleidete er sich in Schwarz und hüllte sich in Schwarz, ging hinaus und entfernte sich. Wurde kein Makel an ihm gefunden, kleidete er sich weiß und hüllte sich in Weiß, ging hinein und versah den Dienst mit seinen Priester-Brüdern.«

Auch der Zahnvergleich aus der Tora findet im Talmud einen eher praktischen Ratschlag. In Ketubot (11b) wird das Bild aufgenommen: »Wer seinem Nächsten die weißen Zähne zeigt, tut mehr, als gäbe er ihm Milch zu trinken, denn es heißt: Weiß die Zähne von Milch, und man lese nicht ›leben schinajim – weiß die Zähne‹, sondern ›lebon schinajim – weiße die Zähne‹.«

Anders gesagt: Ein Lächeln ist gut für den Nächsten, und vielleicht sorgt der freundliche Umgang dann auch dafür, dass weniger »Rot« gesammelt wird.

Weiß auf der Haut hingegen könnte, wie eingangs erwähnt, ein Hinweis auf Zara’at sein – weiße Hautflecken, die (in der Tora) darauf hindeuten, dass sich der Betroffene der schlechten Rede schuldig gemacht hat. Hätte dieser, statt den Mund zu öffnen, das »Weiß der Zähne« gezeigt, hätte dies einen besseren Ausgang gehabt.

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