Moral

Die Erde in den Himmel heben

Es geht nicht darum, den Himmel auf die Erde zu holen – sondern darum, den Alltag zu durchbrechen. Foto: Getty Images

Heiligkeit. Es ist einer dieser Begriffe, die jeder schon einmal gehört hat, dessen Bedeutung aber kaum einer kennt. Ein Begriff, der schwer zu fassen und noch schwerer zu beschreiben ist. Im Judentum taucht der Begriff an ganz unterschiedlichen Stellen und in unterschiedlichen Zusammenhängen auf. Die klassische Fundstelle begegnet uns allerdings im Zentrum der Tora. In der Mitte des 3. Buches Mose heißt es: »Sprich zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sage ihnen: ›Ihr sollt heilig sein, denn Ich, der Ewige, euer G’tt, bin heilig‹« (19,2).

Was aber bedeutet Heiligkeit? Und was ist damit gemeint, heilig zu sein oder zu werden? Offenkundig ist, dass hier nicht von einem unergründlichen Geheimnis die Rede ist. Oder einem Zustand, den wir Menschen nicht erreichen können. Schließlich werden wir ja gerade dazu aufgefordert, heilig zu sein. Und dieser Aufruf ist an das ganze Volk gerichtet. An jeden Einzelnen. Ob Frau oder Mann, jung oder alt, klug oder dumm, Priester oder Prophet. Es gibt keine natürliche Beschränkung auf dem Weg zur Heiligkeit.

GRENZEN Geht es also, wie manche meinen, um eine Form des Rückzugs? Um Absonderung? Ja und nein. Raschi (1040–1105) etwa, der berühmte französische Tora-Kommentator, sah in der Anweisung, heilig zu sein, vor allem die Aufforderung, sich von sexuell verbotenen Beziehungen fernzuhalten. Im vorigen Kapitel der Tora seien nämlich eine ganze Reihe von Beziehungen aufgeführt worden, die vollkommen tabu sind.

Man müsse diese Grenzen also achten und sich von sexueller Unzucht insgesamt fernhalten, um dem Gebot der Heiligkeit entsprechen zu können.
Einige Zeit später ging Nachmanides, bekannt auch als Ramban (1194–1270), ein außergewöhnlicher Kommentator aus Spanien, ein paar Schritte weiter: Er fand Raschis Ansatz zwar richtig, aber nicht ausreichend. Schließlich gebe es noch eine ganze Reihe weiterer Vorschriften, die nicht minder wichtig seien, um ein heiliges Leben zu führen.

KASCHRUT Neben den Einschränkungen sexueller Beziehungen wären da zum Beispiel die Kaschrut, also die Speisevorschriften, die Reinheitsgesetze innerhalb der Familie und vieles mehr. Doch auch damit nicht genug.
Denn so sehr man sich auch an die Beachtung all dieser Heiligkeitsvorschriften halte, so sehr man also die gesetzten Grenzen berücksichtige, garantiere das allein noch lange nicht, dass man dadurch auch heilig werde. Und obwohl man schon auf einem guten Weg sei, bestehe die Gefahr, dass man sich abstoßend verhalte: »Naval birschut hatora«. Also: wie ein Schuft mit Erlaubnis der Tora, wie Nachmanides es formuliert.

Man wird nach jüdischem Verständnis nicht allein dadurch heilig, dass man die Heiligkeitsvorschriften beachtet.

Doch wie kann es sein, dass man sich abstoßend verhält, während man Vorschriften der Tora erfüllt? Ganz einfach! Indem man zum Beispiel die Speisegesetze formal befolgt, aber völlig unkontrolliert, also im Übermaß, isst. Sprich, indem man eher wie ein Tier frisst, als wie ein zivilisierter Mensch zu essen. Die Speisegesetze als solche verbieten das formal zwar nicht, aber es es ist auch nicht im Sinne des Erfinders!

AUTOFAHRER Ein anderes moderneres Beispiel bringt der amerikanische Autor Dennis Prager: Er erklärt, dass es durchaus möglich sei, formal alle Verbote der Straßenverkehrsordnung zu beachten und trotzdem ein schrecklicher, widerlicher Autofahrer zu sein.

Heiligkeit fordert Disziplin und Selbstbeherrschung. Sie setzt Grenzen und schafft einen Handlungsrahmen. Doch das ist noch lange nicht genug! Denn die Heiligkeitsgesetze bieten uns, wie Nachmanides beschreibt, zwar einen Boden, auf dem wir stehen – sie bilden ein Fundament –, wir brauchen daneben aber auch eine Decke. Oder ein Dach. Sonst bleibt unser Haus unvollständig. Oder es regnet ständig herein. Oder noch schlimmer: Dem unfertigen Gebäude fehlt die Stabilität, und es stürzt ein.

Damit das nicht geschieht, bedarf es also weiterer Bausteine. Und es braucht eine Decke, die nicht nur schützt, sondern nach der wir uns auch strecken können. Und diese Decke besteht aus den ethischen Normen. Es sind all die unzähligen Vorschriften, die das Zwischenmenschliche regeln, das Verhältnis der Menschen untereinander. Zusammengefasst werden sie im 5. Buch Mose in einem einschlägigen Satz. Dort werden wir angehalten, das Richtige und das Gute zu tun (6,18).

Man wird nach jüdischem Verständnis also nicht allein dadurch heilig, dass man die Heiligkeitsvorschriften beachtet. Denn wenn dies so wäre, bräuchte es kein spezielles Gebot, das die Heiligkeit einfordert: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

Sprich: Dieses Gebot wäre überflüssig, wenn allein die Beachtung der Heiligkeitsgesetze schon zum Ziel führen würde. Das heißt, dass es keinen Automatismus gibt. Es braucht neben der Erfüllung der verschiedenen Heiligkeitsgesetze noch mehr: Es braucht zusätzlich den Wunsch und den Willen, durch die Ausführung heilig zu werden. Sonst bleibt man auf halbem Wege stehen oder kommt sogar ganz vom Weg ab. Und es braucht den Blick auf das große Ganze und damit auch das Ethisch-Moralische.

IDEALE Es braucht die Absicht, das Richtige und das Gute zu tun. Entscheidend ist also, sein Handeln stets in den Geist zweier Prinzipien zu stellen, zweier übergeordneter Ideale: nämlich heilig zu werden und gerecht und gut zu handeln. Erst wenn diese Ideale zusammengeführt werden, ist man auf dem richtigen Weg. Erst wenn man das eine nicht aus reinem Selbstzweck tut, sondern das andere immer im Blick behält, ist man auf dem richtigen Weg. Und nur dann ist gewährleistet, dass der eigentliche Zweck der Tora verwirklicht wird. Oder um es auf das Wesentliche zu reduzieren: Heiligkeit ohne Ethik ist ein Widerspruch in sich.

Heiligkeit ohne Ethik ist ein Widerspruch in sich.

Die Verbindung von Heiligkeit und Ethik bedeutet aber noch etwas anderes. Denn es wird unmissverständlich klar, dass Heiligkeit im Judentum nicht erreicht werden kann, indem man sich vollkommen absondert, vom Alltäglichen zurückzieht, aus der mitunter rauen und schmutzigen Wirklichkeit flieht. Und auch nicht dadurch, dass man sich die Freuden des Lebens versagt. Ganz im Gegenteil! Das Judentum verlangt, dass man sich mitten ins Geschehen begibt. Mitten hinein ins Leben mit seinen Versuchungen und seinen Herausforderungen. Hinein in den Irrsinn und die Unberechenbarkeit des Alltags.

BEDÜRFNISSE Indem wir das Alltägliche zu etwas Besonderem machen, das Gewöhnliche außergewöhnlich werden lassen, indem wir Zeiten heiligen, wie den Schabbat, und gewöhnliche Vorgänge heiligen, wie das Essen. Und indem wir existenzielle Bedürfnisse heiligen, wie den Sexualakt. Und indem wir Beziehungen heiligen, etwa zum Partner oder zur Familie.

Es geht also nicht darum, den Himmel auf die Erde zu holen, sondern darum, die Erde in den Himmel zu heben, das Alltägliche zu durchbrechen und das Gewöhnliche außergewöhnlich zu machen. Zu erheben. Abzuheben. Besonders zu machen. Zu heiligen. Sicher: Das ist nicht leicht. Es verlangt, fordert und beansprucht. Aber seit wann ist das ein Grund, es nicht zu versuchen?

Der Autor ist Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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