Talmudisches

Die brave Ehefrau

Vom Unterschied zwischen gut und gut gemeint

von Rabbinerin Yael Deusel  27.11.2017 18:17 Uhr

Die Weisen des Talmuds sagen, das Beste, was eine Ehefrau tun könne, bestehe darin, den Wünschen ihres Mannes nachzukommen. Foto: Thinkstock

Vom Unterschied zwischen gut und gut gemeint

von Rabbinerin Yael Deusel  27.11.2017 18:17 Uhr

Das Judentum kennt zwei verschiedene Talmud-Traditionen, den Babylonischen Talmud der großen Akademien im Osten und den Jerusalemer Talmud, der einst in Eretz Israel entstanden ist. Und so, wie sich die regionalen Gegebenheiten und Auslegungen beider Talmudausgaben in manchem unterscheiden, so unterschied sich auch die Sprache in den beiden Regionen.

Obwohl in beiden Ländern Aramäisch gesprochen wurde, gab es doch durchaus Unterschiede im Dialekt. Der in Eretz Israel gesprochene war dem Syrischen näher, während die Umgangssprache in Babylonien mehr vom Akkadischen beeinflusst war. So ergab sich für das eine oder andere Wort bisweilen eine völlig andere Bedeutung.

sprachraum Das musste zu seinem Leidwesen ein Mann aus dem babylonischen Sprachraum erfahren, der nach Eretz Israel kam und sich dort eine Frau nahm, wie wir im Babylonischen Talmud im Traktat Nedarim 66b lesen. Der Mann wollte eines Tages gern Linsen essen und bat seine Frau, ihm ein paar zu kochen. Die Frau verstand, er wolle ein Paar Linsen essen, und so fand der erstaunte Mann auf seinem Teller genau zwei davon vor.

Um einem erneuten Missverständnis vorzubeugen und sich an den Hülsenfrüchten auch satt essen zu können, erklärte er seiner Frau diesmal, sie solle ihm ein ausreichendes Maß davon zubereiten. »Ein Maß (Se’a) voll?«, dachte sich die Frau und kochte ihm ein volles Se’a. Das dürfte dem Mann für eine ganze Weile genügt haben, denn ein Se’a entspricht einem trockenen Hohlmaß von ungefähr zehn Liter. Nun war der Mann verärgert, obwohl es ihm seine Frau doch nur hatte recht machen wollen.

Linsen konnte er vermutlich auf längere Zeit keine mehr sehen; deshalb sagte er zu seiner Frau, sie solle ihm zwei Butzinej bringen. Dienstbeflissen kam die Frau dem Wunsch ihres Gatten nach. Der hatte sich auf zwei Exemplare dieser zucchiniähnlichen Gemüsesorte gefreut. Was die Gemahlin ihrem entgeisterten Eheherrn dann aber auftischte, waren – zwei Lichter.

Nein, zwei Lampen hatte der Mann nicht haben wollen, und wütend rief er aus, sie solle doch gehen und die Lampen von ihm aus oben an der Tür (Bava) zerschlagen. Bava? Dieses Wort kannte die Frau nicht. Sie kannte nur Bava ben Buta, einen bedeutenden Talmudgelehrten, Schüler des Schammai, der gerade als Richter im Tor zu Jerusalem saß.

Auftrag Um es ihrem tobenden Ehemann nun doch endlich einmal recht zu machen, nahm sie also die beiden unerwünschten Lampen, ging hin zu Bava ben Buta und schlug sie ihm auf den Kopf. Der gelehrte Mann fragte sie, warum sie das getan habe, und sie antwortete ihm treuherzig, das sei ein Auftrag ihres Mannes gewesen.

Nun war Bava ben Buta nicht nur ein sehr bescheidener und wenig auf die eigene Ehre bedachter Mann, sondern auch von großer Geduld. Besonders am Herzen lag ihm zudem der Schlom Bajit, der häusliche Friede in einer Ehe. Und so brauste er ob dieser unwürdigen Behandlung nicht etwa auf, sondern sagte der Frau, sie habe ja nur den Willen ihres Mannes tun wollen und habe es gut gemeint, und daher möge ihr der Ewige, gelobt sei Er, zwei Söhne schenken, entsprechend den zwei Lichtern, und diese Söhne mögen schließlich so werden wie Bava ben Buta.

Wohl war das, was die Frau tat, in den Augen ihres Mannes nicht gut. Aber es war gut gemeint, hatte sie doch wirklich seinen Willen erfüllen wollen, wenn sie ihn auch falsch verstanden hatte.

Unsere Weisen sagen, das Beste, was eine Ehefrau tun könne, bestehe darin, den Wünschen ihres Mannes nachzukommen, wie wir auch im Kommentar des Rema zum Schulchan Aruch lesen. Und deshalb wurde die Frau auch von Bava ben Buta auf diese Weise für ihr Verhalten gesegnet. Mögen ihre Söhne tatsächlich so geduldig geworden sein wie der weise Bava und nicht so unverständig und aufbrausend wie ihr eigener Vater.

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