Talmudisches

Die arme Frau und das Mehlopfer

Wie auch arme Leute G’tt ein Geschenk machen können

von Netanel Olhoeft  28.05.2018 20:40 Uhr

Die Tora sieht freiwillige Mehlopfer zwar vor, diese dienten aber im Allgemeinen nur als Ersatz für Tieropfer. Foto: Thinkstock

Wie auch arme Leute G’tt ein Geschenk machen können

von Netanel Olhoeft  28.05.2018 20:40 Uhr

Ahawat Haschem», die Liebe zu G’tt, ist ein großes, freilich nicht sehr leicht zu erfüllendes Gebot der Tora. Die Tradition beschreibt daher eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie man es umsetzen kann. Vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels war eine davon, ein freiwilliges Opfer (Nedawa) zu spenden, das auf dem großen Bronzealtar im Innenhof des Heiligtums dargebracht wurde.

In der Literatur des Midrasch finden wir einige Geschichten, die beschreiben, wie auch arme Leute sich dieses Mittels bedienten, um G’tt ein Geschenk zu machen. So lesen wir in Wajikra Rabba 3,5 die Geschichte von einer armen Frau, die eine faustgroße Menge von reinem Mehl als Speiseopfer in den Tempel brachte.

Vision «Da spottete der am Altar amtierende Kohen über die geringfügige Menge ihres Mehlopfers. ›Schaut, was die da als Opfer bringen will! Wie sollen denn die Priester davon ihren Anteil bekommen? Wie soll man denn davon etwas auf dem Altar darbringen?‹ Doch in der darauffolgenden Nacht hatte der Kohen eine Vision: ›Spotte nicht über sie. Denn vor Mir gilt ihre Gabe so, als hätte sie ihre Seele dargebracht.‹»

Zum genauen Verständnis dieser Geschichte sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Tora freiwillige Mehlopfer zwar vorsieht, diese aber im Allgemeinen nur als Ersatz für Tieropfer dienten.

Der Kommentator Raschi (1040–1105) erklärt, es würden vor allem arme Leute Mehlopfer darbringen. Denn die Armen hatten entweder überhaupt keine Tiere, deren Erhalt schließlich nicht ganz billig war, oder aber nur so wenige, dass es für sie finanziell nicht infrage kam, eines davon als Opfer wegzugeben.

Privileg Die hier auftretende Frau ist aber nicht nur arm, sondern sinnbildlich gesprochen auch noch die Ärmste der Armen! Nicht nur, dass sie sich kein Tieropfer leisten kann, nein, auch das von ihr dargebrachte Mehlopfer ist so gering, dass man es – zwar nicht halachisch, aber doch moralisch – leicht als ungenügend abtun könnte. Diesen Weg schlug der genannte Kohen dann auch tatsächlich ein. Doch wie man hätte erwarten können, ist es G’ttes alleiniges Privileg, die Qualität der an Ihn gerichteten Geschenke zu bewerten – und eine Seiner handelnden Eigenschaften ist es, «die armen Leute zu retten» (Tehillim 22,28).

In der dem Kohen zuteilwerdenden Eingebung des Ewigen wird offenbart, dass G’tt eben mehr sieht als bloß die materielle Leistung. Das ganze Wesen der Person wird mit begutachtet. Wie unsere Weisen betonen, benutzt die Tora gerade auch aus diesem Grund bei der Beschreibung des Mehlopfers die im Kontext der Opfervorschriften ungewöhnliche Formulierung «eine Seele, die ein Opfer darbringt» und nicht die üblichere Wortwahl «ein Mensch».

Tieropfer Die inneren Dimensionen und Absichten des Gebenden haben eine große Relevanz. Im Fall unserer Geschichte rechnet G’tt es der armen Frau so an, als hätte sie ihren ganzen Besitz, ja, ihr eigenes Leben für G’tt hingegeben und somit aus Liebe alles Ihm überantwortet. Dies zählt mehr, als wenn ein Wohlhabender viele prächtige Tieropfer darbringt, aber dabei wenig Anstrengung in der Liebe zu G’tt aufbringen musste.

Dieses Prinzip gilt nach den Gelehrten des Talmuds universell. Vergleichbar dazu lernen wir etwa in Chagiga 5b, dass die Tora es demjenigen, der einen Tag im Jahr Tora lernt – und dies das individuelle zeitliche Maximum dessen ist, was er in seiner momentanen Lebenslage studieren kann –, es ihm so anrechnet, als hätte er das ganze Jahr hindurch gelernt. Mehr noch: «Wenn ein Mensch beabsichtigte, eine Mizwa zu erfüllen, doch dann unfreiwillig an ihrer Ausführung gehindert wurde, rechnet es die Tora ihm so an, als hätte er diese Mizwa dennoch vollbracht» (Brachot 6a).

Man sollte also immer das Beste geben, aber auch nich gleich verzweifeln, wenn die eigenen Leistungen unvollständig
sind.

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