Kinderlosigkeit

Die andere gute Hoffnung

Eine orthodoxe Frau über Perspektiven für ein Leben ohne Nachwuchs

von Bayla Sheva Brenner  05.01.2015 17:10 Uhr

Ein schwerer Weg: kinderlos in der religiösen Welt, in der sich alles um Kinder dreht Foto: Flash 90

Eine orthodoxe Frau über Perspektiven für ein Leben ohne Nachwuchs

von Bayla Sheva Brenner  05.01.2015 17:10 Uhr

Obwohl ich spät geheiratet habe, war ich sicher, dass ich Kinder bekommen würde. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es nicht passieren wird.

In der religiösen Welt, in der sich alles um Kinder dreht, wird eine kinderlose Frau Tag für Tag daran erinnert, was ihr fehlt – an jeder Haltestelle des Schulbusses, im Supermarkt, Kleiderladen, in der Synagoge und beim Torastudium, in jeder jüdischen Zeitung, in jedem jüdischen Magazin und unweigerlich in jedem Gespräch. Ich sehnte mich danach, mit Menschen zu sprechen, die so waren wie ich – mit der religiösen Gemeinschaft eng verbunden und doch Lichtjahre von ihr entfernt.

Ich suchte nach kinderlosen Frauen, die nicht länger versuchten, schwanger zu werden. Bekannte, die ich darauf ansprach, erklärten, sie fänden es schwierig, eine kinderlose Freundin, Nachbarin oder Tante darauf anzusprechen. Das Thema sei zu »heikel«. Dennoch meldeten sich einige Frauen bei mir, um über ihre Erfahrungen zu reden. Die meisten von ihnen wollten aber anonym bleiben.

Adoption Die Gründe für ihre Unfähigkeit, Kinder zu gebären, waren unterschiedlich. Entweder sie hatten spät geheiratet, oder es gab medizinische Probleme. Bei einigen war der Versuch, ein Kind zu adoptieren, gescheitert; für andere kam Adoption nicht infrage. Was sie verband, war der Schmerz und eine schwer erkämpfte Weisheit, die erwächst, wenn man ohne das leben muss, was man sich am meisten wünscht.

»Schon als ich noch ganz jung war, träumte ich davon, zehn Kinder zu haben«, sagt die über 60‐jährige Bracha. »G’tt hat bestimmt, dass dies nicht mein Weg sein wird. So schwierig es ist, dies zu akzeptieren: An dem Nein ist nicht zu rütteln.« Wie viele von uns suchte Bracha medizinische Hilfe und betete; wie wir alle weinte sie.

Noch bevor sie überhaupt heirateten, erlebten viele ein überwältigendes Gefühl von Dringlichkeit. »Die Männer, mit denen ich mich verabredete, wollten immer wissen, ob ich Kinder bekommen könnte«, sagt Tziporah, Therapeutin in Brooklyn, in ihren 60ern, die heiratete, als sie Mitte 40 war. »Ich habe deswegen Scham empfunden. Auch wenn ich mich heute nicht mehr für das schäme, was G’tt für mich bestimmt hat«, sagt sie, »träume ich immer noch von Babys.«

Wenn in der orthodoxen Gesellschaft Mutterschaft die Identität einer jüdischen Frau definiert – wer ist dann eine Frau, die keine Familie hat? Das ist eine Frage, die wir uns immer und immer wieder stellen. Unser Leben besteht nicht aus der Erwartung des Geburtstermins, dem ersten Tritt des ungeborenen Babys, Geburtstags‐, Bar‐ oder Batmizwa‐Feiern, Elternsprechtagen, Schultheater, Hochzeiten von Kindern und Enkelkindern. Wir müssen jeden gelebten Tag bewusst aufbauen – und damit unseren Nachas (Stolz).

Plan B An die Stelle der täglichen Herausforderungen des Mutterseins tritt ein nicht nachlassendes Fragen nach Sinn. Ganz gleich, wie unser Plan B aussieht, es muss etwas sein, dem wir uns mit Seele und Leib hingeben, etwas so Ewiges wie die Hingabe an andere. Die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, tragen Bedeutendes zur Gemeinschaft bei: als Erzieherinnen, Ärztinnen, Therapeutinnen, Beraterinnen oder Jugendgruppenleiterinnen.

Doch ganz gleich, wie lohnend die Arbeit ist – wenn alles gesagt und getan ist, sind sie noch immer kinderlos. Es kostet viel Anstrengung, den Mut nicht zu verlieren. Man braucht die richtigen Instrumente und eine Menge spiritueller Kreativität, um zu lernen, mit der Kinderlosigkeit umzugehen.

Obwohl ihr Job als Kindergärtnerin sie ausfüllt, gibt die 53‐jährige Yidis zu, dass sie jeden Tag kämpft, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. »Ich beschäftige mich ständig. Ich frage mich: Was ist meine Aufgabe in diesem Augenblick?«

Vor 15 Jahren erlebte Yidis einen jener Momente, der ihre Gefasstheit hart auf die Probe stellte, ihr gleichzeitig aber einen Geistesblitz bescherte, der ihr Leben änderte: Durchs Fenster beobachtete sie eine Gruppe Nachbarinnen, alles Mütter, die fröhlich miteinander schwatzten, während ihre Kinder spielten. »Ich dachte: Yidis, du hast die Wahl zwischen zwei Dingen: Du kannst entweder verrückt werden, oder du kannst etwas Produktives tun.« Sie entschied sich für Letzteres und rief ein Torastudienzentrum ins Leben, offen für alle jüdische Frauen unabhängig von ihrem Hintergrund: »Man muss ein anderes Gefäß für seine Ängste finden.«

Geschenk Bracha lehnte es ab, sich im Schmerz zu suhlen. Sie arbeitet als staatlich anerkannte Mediatorin und ist Gruppenleiterin von »Sister to Sister« (Schwester zu Schwester), ein Netzwerk zur Unterstützung alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder. Daneben arbeitet sie ehrenamtlich für eine Organisation, die Eltern von Kindern mit Lernproblemen unterstützt. »Ich habe G’tt um ein Geschenk gebeten: um die Fähigkeit, an den Kindern anderer Menschen Freude zu haben, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu lachen. Ich will nicht aus dieser Erfahrung ausgeschlossen sein.«

Anders als unsere Altersgenossinnen, die Mütter sind, müssen wir Gelegenheiten ausspähen, um unsere mütterlichen Instinkte auszuleben. »Mein Mann ist der Candyman, der an unserer Synagoge die Süßigkeiten an die Kinder verteilt«, berichtet Sarah, Internethändlerin in den 60ern, die seit 23 Jahren verheiratet ist. »Daher bin ich Frau Candyman.« Das Ehepaar hat viele dankbare unverheiratete Männer und Frauen am Schabbat bewirtet. »Wir sind dafür bekannt, dass wir Menschen in letzter Minute hereinholen«, sagt Sarah, die viele Jahre lang Single war. »Keiner soll allein essen müssen.«

»Ich habe gelernt, dass Frauen der Welt auf vielerlei Art und Weise etwas geben können«, sagt Tziporah. »Ich weiß, dass ich der Welt etwas gebe über die Beziehung zu meinem Mann. Ich habe ihm beigestanden in seiner Entwicklung und fühle, wie unsere Liebe zueinander wächst.«

Schmerz Frauen lieben es, über ihr Leben zu sprechen. Wenn sie Mütter sind, reden sie über ihre Kinder – ständig. »Natürlich wollen sie niemanden damit verletzen«, sagt Chana, 54, seit 30 Jahren verheiratet, die einzige Frau in ihrer kleinen Gemeinde ohne Kinder. »Aber leider halten sie auch nicht einmal inne, um zu überlegen, welche Wirkung das, was sie sagen, auf andere haben könnte. Ich versuche zuzuhören und schiebe meinen Schmerz beiseite.«

Leah, Ärztin und Toralehrerin, graute es vor Gemeindeversammlungen. »Vor einigen Wochen quengelte auf unserer Freitagabend‐Lerngruppe eine Frau über ihre große Familie. Die Woche darauf schwärmte eine andere Frau von ihrem Enkel und fand kein Ende. Ja, ich will etwas über die Kinder und Enkel von anderen Leuten hören, aber wenn die Angeberei so ausartet, kann ich es nur schwer aushalten.«

Hochzeiten und Barmizwa‐Feiern sind für kinderlose Frauen besonders aufreibend. Wie es der Anlass mit sich bringt, beginnen die Mütter rund um den Tisch Gespräche über Schwangerschaften, Schulen und Heiratsvermittlung – ohne Rücksicht auf die kinderlose Frau, die neben ihnen sitzt. »Wenn ich sehe, dass ich das Gespräch nicht auf etwas anderes lenken kann, stehe ich auf und tanze mit den Kindern«, sagt Bracha. »Einmal umarmte ich eines der kleinen Mädchen, und das Mädchen fragte mich, ob ich ein Aua hätte; sie hatte eine Träne auf meiner Wange gefühlt. Ich sagte, etwas sei mir ins Auge geflogen.«

Behutsamkeit Wie alle, die außerhalb dessen leben, was in der Gemeinschaft als normal gilt, lernen kinderlose Frauen – wenn auch auf steinigem Weg – mit anderen Menschen behutsamer umzugehen und sie nicht zu verletzen. »Wenn ich mit unverheirateten Freundinnen zusammen bin, passe ich auf, dass ich nicht ›mein Mann‹ sage«, erzählt Bracha. »Stattdessen nenne ich ihn beim Namen. Ich glaube, das ist weniger schmerzlich für sie.«

Das Wissen, niemals Kinder zu haben, kann dazu führen, dass die Frauen sich in einer Opferrolle einrichten. Doch einige haben beschlossen, darin eine Chance zu sehen, ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Adina, Kunstlehrerin im Ruhestand, hat sich entschieden, sich nicht auf das, was sie nicht hat, zu konzentrieren, sondern auf das, was sie im Überfluss hat: nämlich freie Zeit. »Keiner kriegt alles in diesem Leben. Also beschloss ich, nach dem zu streben, was am wichtigsten ist – ein so guter Mensch zu werden, wie es mir möglich ist.« Sie besucht regelmäßig Torakurse und hat das Projekt »We Are Doing A‐OK« ins Leben gerufen, in dem Frauen Hilfsaktionen organisieren.

Da sie nicht pausenlos mit den Aufgaben einer Mutter beschäftigt sind, entwickeln kinderlose Frauen oft ein erhöhtes Bewusstsein für das Verrinnen der Zeit. »Kinder helfen zu vergessen, dass wir sterben werden«, sagt Naomi, von Beruf Informatikerin. »Du siehst sie als einen Teil von dir, der weiterleben wird. Ich glaube, als Kinderlose bin ich mir mehr bewusst, dass ich hier allein und auf mich gestellt bin. So habe ich ein Gefühl der Dankbarkeit entwickelt, ich bin dankbar dafür, jeden einzelnen Tag zu erleben.«

Zukunft Unsere Jobbeschreibung ist nicht die einer religiösen jüdischen Frau. Wir müssen G’tt an jedem Tag und in jeder Situation fragen, was er von uns möchte. Meine Momente, in denen ich mich am meisten frage: »G’tt, was willst du von mir?« sind bei Beschneidungen, Barmizwas und Hochzeiten. Für mich ist es Herkulesarbeit, meine Gefühle von Neid und Verlust zu akzeptieren, während ich an den Freuden von Familien teilhabe, die die Zukunft des jüdischen Volkes errichten. Ich konzentriere mich dann auf die spirituelle Realität meines inneren Tauziehens: Hier ist meine goldene Gelegenheit, eine Herausforderung zu meistern und zu meinem höheren Selbst vorzustoßen. Ich habe nicht immer Erfolg damit; der Kampf geht weiter.

Als Familientherapeutin sieht Tziporah Eltern, die ständig daran arbeiten müssen, die Menschen zu werden, die sie sein sollten – obwohl sie »alles haben«. »Okay, Sie haben eine Familie. Aber eines der Kinder hat Probleme in der Schule, und der Mann kann nicht anders, er schreit das Kind deswegen an. Wir alle sind hier, um unser Bestmögliches zu geben.«

Weil wir den für eine religiöse jüdische Frau typischen Job nicht bekommen haben, müssen wir G’tt fragen, was Er von uns will, jeden Tag, in jeder Situation.

Manchmal braucht es eine kinderlose Frau, damit Mütter zu schätzen wissen, womit sie gesegnet sind. Zehava, Künstlerin (60), hielt bei einer koscheren Pizzeria an, um Mittag zu essen. Sie lächelte, als eine junge Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter das Restaurant betrat. Doch das Lächeln verging ihr schnell, als die Mutter ihre Tochter niedersitzen hieß und ihr ein Stück Pizza hinschob, während sie unaufhörlich in ihr Handy redete. »Das arme Mädchen sah fortwährend auf seine Mutter, dann knabberte es ein bisschen an seiner Pizza«, erzählt Zehava.

Eine weitere Mutter kam mit ihren vier Kindern herein und setzte sich mit ihnen an einen nahen Tisch. Sie kommunizierte mit jedem ihrer Kinder und fragte jedes einzeln, was es möchte. Sie erzählte Geschichten, und die Kinder lachten.

Therapie »Das andere Mädchen konnte seinen Blick nicht von diesen Kindern abwenden«, fährt Zehava fort, »als würde sie fragen: ›Warum kann ich das nicht auch haben?‹ Bevor ich den Laden verließ, ging ich zu der Frau mit dem Handy und sagte: ›Entschuldigung, aber ich konnte nicht vermeiden, mit anzusehen, wie Sie während der ganzen Zeit, die sie mit Ihrer Tochter hier waren, kein einziges Wort zu ihr gesagt haben. Wenn Sie ihr nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, wird sie bald eine Therapie machen müssen.‹ Es ist ein Geschenk, Kinder zu haben. Ich möchte es in die Welt rufen: Lerne zu schätzen, welches Geschenk dir gegeben wurde.«

Doch ich, als Ba’alat Teschuwa (Rückkehrerin zum Glauben), als Tochter von Holocaust‐Überlebenden, bin sehr traurig. Statt die zerrissene Bindung an Tausende Jahre von Tradition und Aufopferung wieder neu zu knüpfen, endet alles mit mir.

Arianna, eine Frau in den 50ern, fragt: »Wer wird Kaddisch und Jiskor für mich sprechen?« Doch obwohl die Früchte unserer Mühen nicht so offensichtlich sind wie bei Frauen, die Mütter wurden, bringen auch wir trotz unserer scheinbaren Leere Positives hervor.

In der schwierigen Zeit, in der sie sich gegen Unfruchtbarkeit behandeln ließ, sprach Bracha mit einem hoch geehrten Rabbiner. Als sie sein Mitgefühl spürte, brach sie zusammen und weinte. »Er hat tatsächlich gelacht. Ich fragte ihn, warum er lache. Er sagte: ›Du hast mehr Kinder, als du zählen kannst.‹«

Tat Seine Worte haben sie damals verwirrt. Heute ist sie nicht mehr verwirrt. »G’tt möchte, dass ich in dieser Welt etwas bewirke, und zwar so gut, wie ich es vermag«, sagt Bracha. »Wenn jemand eine gute Tat vollbringt aufgrund meines gelebten Beispiels, dann habe ich ein Kind. Der Mensch, dem die gute Tat galt, trägt sie weiter, und so geht es immer fort. Wie der Rebbe sagte: Ich habe mehr Kinder, als ich zählen kann.«

Ob wir Kinder haben oder nicht, wir verlassen diese Welt nur mit uns selbst und dem Verhältnis zu G’tt, das wir im Leben geschmiedet haben. »Diese Erfahrung hat mich G’tt nähergebracht«, sagt Tziporah. »Je mehr ich Ihm vertraue und mich Seinem Willen öffne, desto weniger fühle ich mich, als sei Er zornig auf mich und als würde Er mich ablehnen. Ich weiß, die Herausforderung des heutigen Tages ist die, der ich mich stellen muss. Wenn ich nicht vergesse, den Ausgang Ihm zu überlassen, läuft der Tag wunderbar.«

Gekürzter Abdruck und Übersetzung mit Genehmigung von Jewish Action. Link zur Originalversion: www.ou.org/jewish_action/06/2014/life-unexpected-frum-childless

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