Talmudisches

Die Allmacht des Ewigen

Spaltung des Schilfmeers Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Talmudtraktat Pessachim heißt es: »Für Gʼtt ist die (finanzielle) Versorgung des Menschen genauso schwer wie die Spaltung des Meeres« (118a).

Diese Aussage wirft viele Fragen auf. Wie kann man behaupten, dass eine Sache für Gʼtt schwer ist? Gʼtt ist doch allmächtig und der Schöpfer des Universums, das Erschaffen des Universums kostet ihn genauso wenig Kraft wie alles andere auch. Seine Worte und Befehle erschaffen die Realität.

An einer anderen Stelle im Talmud (Sota 2b) heißt es, für einen Menschen einen Ehepartner zu finden, ist für Gʼtt genauso schwer wie die Spaltung des Meeres. Auch bezüglich dieser Aussage lässt sich die Frage stellen: Wie kann etwas für Gʼtt zu schwer sein?

Paradox Diese beiden Fragen können mit einer anderen, bekannten philosophischen Frage in Verbindung gebracht werden. Eine Frage, über die sich schon Saadia Gaon (882–942), aber auch muslimische Philosophen wie Ibn Ruschd (1126–1198) oder christliche Mystiker wie Thomas von Aquin (1225–1274) Gedanken machten: »Kann Gʼtt einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass Er selbst ihn nicht hochheben kann?«

Das sogenannte Allmächtigkeits-Paradox. Unabhängig davon, ob die Antwort ein Ja oder Nein ist, scheint die Allmächtigkeit Gʼttes eingegrenzt zu werden.

Nachdem wir die Fragen präsentiert haben, kommen wir zu den Antworten: Der Chatam Sofer (1762–1839) hat eine sehr kreative Antwort darauf gefunden, wieso der Talmud behauptet, dass die Versorgung eines Menschen genauso schwer ist wie die Spaltung des Meeres. Er sagt, wenn zwei Dinge gleich schwer sind, dann sind sie automatisch auch gleich leicht. Die alltäglichen Dinge, dass ein Mensch genug Kraft hat, um zur Arbeit zu gehen, dass er einen Arbeitsplatz hat, der es ihm ermöglicht, seine Familie zu versorgen, gehört genauso zur Schöpfung Gʼttes. Es ist ein Wunder und geschieht durch Seine Gnade genauso wie das große biblische Wunder der Spaltung des Meeres. Mit anderen Worten: Die gesamte Natur ist voller Wunder, und für Gʼtt ist nichts zu schwer. Die beiden oben zitierten talmudischen Stellen lehren uns, das Wunder im Alltäglichen zu sehen.

Nach einer weiteren Interpretation habe sich das Meer zur Zeit von Mosche erst gespaltet, als Nachschon ben Aminadav ins Meer hineinlief. Genauso wie die Spaltung des Meeres Eigeninitiative erforderte, so erfordern auch das Geldverdienen und die Partnersuche Eigeninitiative.

Eigenini­tiative Gʼtt hat die Welt in so einer Art und Weise erschaffen, dass man sich erst bemühen muss, Geld zu haben oder zu heiraten. Daher ist die Angelegenheit für Gʼtt »schwer«, da er in diesen beiden Dingen, genauso wie im Fall der Spaltung des Meeres, seine Allmacht begrenzt und sein Wirken an die Eigenini­tiative der Menschen gekoppelt hat.

Ähnlich erklärt es auch der israelische Rabbiner Jigal Cohen. Er benutzt aber statt des Wortes »Eigeninitiative« das Wort »Selbstliebe«. Der Mensch muss glauben, dass er es verdient hat, eine gute Arbeit zu haben, dass er es verdient hat, eine gute Partnerschaft zu haben, weil er oder sie ein Kind Gʼttes ist und es verdient hat, in Würde zu leben. Genauso wie Nachschon ben Aminadav während er ins Meer lief, daran glaubte, dass es das jüdische Volk verdient hat, aus den Händen der Ägypter errettet zu werden. Daher ist die Angelegenheit für Gʼtt »schwer«: Er hat sein Handeln an unsere Selbstliebe gekoppelt.

Ich denke, die Interpretationen widersprechen sich nicht unbedingt, sondern ergänzen sich. Und ich denke, dass die Interpretationen auch das Allmächtigkeits-Paradoxon erklären können.

Gʼtt ist allmächtig, und in seiner Allmacht entscheidet Er sich, Sein Handeln an bestimmte Regeln zu knüpfen. Er entscheidet sich, Seinen Wunsch zurückzuhalten, uns ständig zu versorgen, damit wir uns selbst entwickeln können und in unseren Taten frei sind. Er kann sich auch entscheiden, sich einzugrenzen, sodass Er einen Stein nicht heben kann. Der Stein ist dabei die perfekte Metapher für den freien Willen des Menschen.

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