Wajeze

Der Weg zu G’tt

Was es mit der Leiter in Jakows Traum auf sich hat

von Rabbiner David Kern  06.12.2019 09:59 Uhr

»Und er träumte, und siehe, eine Leiter stand auf dem Boden, und ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe, die Engel G’ttes stiegen auf und ab« (1. Buch Mose 28,12).

Was es mit der Leiter in Jakows Traum auf sich hat

von Rabbiner David Kern  06.12.2019 09:59 Uhr

Auf Geheiß seiner Eltern Jizchak und Riwka ist Jakow zu seinem Onkel La­wan unter­wegs. Das Ziel der Reise ist: Charan. »Und Jakow verließ Beer Sheva und ging nach Charan. Er begegnete dem Ort und verbrachte die Nacht dort« (1. Buch Mose 28, 10–11).

Warum wird Jakows Ankunft an einem Ort als »Begegnung« bezeichnet, und weshalb wird auf den Ort als »der Ort« Bezug genommen, wenn er zuvor noch gar nicht angegeben wurde?

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) erklärt, dass Jakow nicht beabsichtigt hatte, an diesem Ort anzuhalten. Er war noch nicht an seinem Reiseziel angekommen. Dennoch wurde er von dem starken Gefühl überwältigt, dass dies ein besonderer Ort sei, der eine, der sich von allen anderen abhob; der Ort schlechthin.

verbindung »Und er träumte, und siehe, eine Leiter stand auf dem Boden, und ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe, die Engel G’ttes stiegen auf und ab« (28,12). Was bedeutet das Bild von der zum Himmel reichenden Leiter? Jakow wird offenbart, dass es eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, dem Geistigen und dem Körperlichen, zwischen G’tt und dem Menschen gibt.

Ein außerordentlicher Gedanke: das Körperliche und Geistige, zwei diametral entgegengesetzte Realitäten. »Aber, sagte Er, du kannst Mein Gesicht nicht sehen, denn der Mensch kann Mich nicht sehen und leben« (2. Buch Mose 33,21). Der Vers leitet die Beschreibung von Jakows Vision mit »siehe« ein: Wow, sieh dir das an! Vollkommen unerwartet, und doch – eine Leiter!

Warum wird betont, dass die Leiter »auf den Boden gestellt« wurde? Das Bemühen, Himmel und Erde zu verbinden, sollte nicht als menschliche Anmaßung und Größenwahn missverstanden werden. Es ist von G’tt ganz so beabsichtigt, um es dem Menschen zu ermöglichen, »zum Himmel zu gelangen«. So hat die Leiter ihren Ursprung »dort oben« und wird »auf den Boden« herabgesenkt.

»Und siehe, G’tt stand über ihm und sprach: Ich, der Ewige, der G’tt Awrahams, deines Vaters, und der G’tt Jizchaks; das Land, auf dem du liegst, will Ich dir und deinen Kindern geben« (28,13).

Wer die Leiter erfolgreich bestiegen hat, heiligt jeden Aspekt seiner irdischen Existenz.

Die Leiter verkörpert die Verbindung und den Weg zu G’tt. Demnach sollte es nicht überraschen, dass sich G’tt in Jakows Traum oben auf der Leiter offenbaren würde. Der Vers sagt jedoch: »... und siehe, G’tt stand über ihm«, als würde er auf etwas äußerst Verwunderliches aufmerksam machen wollen.

existenz Rabbiner Hirsch erklärt deshalb, dass G’tt nicht oben auf der Leiter, sondern unten bei ihm, also unmittelbar über Jakow stand. Ein Mensch, der die Leiter erfolgreich bestiegen hat, heiligt jeden Aspekt seiner irdischen Existenz. Er erlebt die Welt als Ausdruck der Quelle und lebt hier auf der Erde mit G’tt. Alltäglichem wird spiritueller Sinn verliehen: Essen, Schlafen, Arbeiten, Hausarbeit, Einkaufen, Familienleben.

In diesem Sinne ist auch die eingangs beschriebene Begegnung mit »dem Ort« zu verstehen: Der für die Verbindung zu G’tt bestimmte Ort ist nicht nur Schauplatz des Geschehens, sondern wird selbst geheiligt. »Und deine Nachkommen werden wie der Staub der Erde sein, und du wirst Stärke nach Westen und Osten und nach Norden und Süden gewinnen; und durch dich sollen alle Geschlechter der Erde und durch dich gesegnet werden« (28,14).

Warum geht Jakows Segen über das Land und seine Nachkommenschaft hinaus, um alle Weiten und »Geschlechter der Erde« einzuschließen? Wenn G’tt nicht nur »da oben« ist, sondern auch »hier unten« zu finden ist, sollte die gesamte Schöpfung in die Lage versetzt werden, diese Realität zu reflektieren: G’tt in Seiner allumfassenden Einheit und in Offenbarung Seines unteilbaren Wesens. Die Aufgabe besteht in der Einung der Welt in G’ttesbewusstsein.

Heerscharen »So sprach der Herr der Heerscharen: In jenen Tagen werden zehn Männer aus den Völkern jeder Sprache jeden Juden an einer Ecke seines Mantels ergreifen und sagen: Lass uns mit dir gehen, denn das haben wir gehört, G’tt ist mit dir« (Secharja 8,23). Wahrlich eine große Aufgabe. Was aber vermag ein »kleines Ich« zu ihrer Erfüllung beizutragen? Hierzu eine Geschichte aus unseren Tagen.

Die Aufgabe besteht in der Einung der Welt in G’ttesbewusstsein.

Sol Werdiger ist der Geschäftsführer und Eigentümer von Outerstuff, einem Unternehmen, das Sportbekleidung herstellt. Vor nicht allzu langer Zeit erhielt er einen Anruf von Oh Joon, dem südkoreanischen UN-Botschafter, der ihn zum Mittagessen in einem koscheren Restaurant in Manhattan treffen wollte. Obwohl Werdiger den Zweck des Treffens nicht kannte, erklärte er sich bereit, sich mit Joon zum Mittag zu treffen.

Als sie sich gegenübersaßen, sagte Joon zu Werdiger: »Ich muss gestehen, dass ich oft negative Stereotypen über Juden und Israel gehört habe und diese immer für bare Münze genommen habe. Dann aber nahm meine Tochter in Ihrem Unternehmen ein Praktikum im Bereich Design auf. Über das ganze Jahr hinweg erzählte sie mir immer wieder, wie schön es sei, in Ihrem Unternehmen zu arbeiten.«

Joon sah Werdiger ernst an und fuhr fort: »Vier Punkte beeindruckten meine Tochter besonders. Erstens: Jeden Tag um 13.30 Uhr – egal, was im Büro gerade anlag – zogen sich alle Männer in einen gesonderten Raum zurück. Zusammen mit Männern aus benachbarten Büros beteten sie dort in tiefem Ernst und mit innerer Ruhe. Zweitens: Jeden Freitag macht das Büro am frühen Nachmittag in Vorbereitung auf Ihren heiligen Schabbat zu und bleibt den ganzen Tag geschlossen. Dies erstreckt sich auf alle Arbeiter, egal, welcher Religion sie angehören. Drittens: Meine Tochter beobachtete, dass jeder, der kam, um eine Spende für einen wohltätigen Zweck zu erbitten – und derer gab es viele –, mit Respekt behandelt wurde und stets einen von einem freundlichen Wort begleiteten Scheck erhielt. Und viertens wurde meiner Tochter ausnahmslos mit äußerstem Res­pekt und Würde begegnet.«

erfahrung Herr Joon hielt inne. Dann sagte er: »Angesichts der beeindruckenden Erfahrung und der wegweisenden Lehren, die das Unternehmen meiner Tochter vermittelt hat, möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, dass ich Ihnen sämtliche Einkünfte meiner Tochter aus dem vergangenen Jahr zurückerstatte.«

»Das kommt nicht infrage!«, sagte Werdiger. »Ihre Tochter hat sich ihr Gehalt verdient, ich werde das nicht annehmen.«

Da offenbarte ihm der Botschafter etwas sehr Erstaunliches: »Wie Sie wissen, habe ich bei den Vereinten Nationen Stimmrechte. Aufgrund meiner erneuten Wertschätzung dem jüdischen Volk gegenüber habe ich mich dreimal der Stimme zu Resolutionen gegen Israel enthalten. Bei einem Antrag war ich die neunte Stimme, die erforderlich war, um die Resolution gegen Israel zu verabschieden. Weil ich mich aber der Stimme enthielt, kam der Antrag nicht durch.«

Keiner der Mitarbeiter in Werdigers Unternehmen hatte die geringste Ahnung, dass die junge Praktikantin die Tochter eines Botschafters war. Und keiner von ihnen hätte sich je ausmalen können, welche Auswirkungen ihr Verhalten haben würde. Der für sie selbstverständliche Umgang untereinander und mit anderen trug so zur Ausbreitung des Segens auf »alle Geschlechter der Erde« und »jede Sprache der Völker« bei. Wir erfüllen also die uns anvertraute Aufgabe, indem wir ein beispielhaftes Leben entsprechend der zeitlosen Lehren und Gebote unserer Tora führen.

Der Autor lehrt an der Yeshivas Toras Simcha in Baltimore.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt.
1. Buch Mose 28, 10 – 32,2

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