Religion

Der Segen der Priester

Die Kohanim handeln im Auftrag G’ttes

von Gabriel H. Cohn  03.04.2012 07:35 Uhr

Lustiges zu Pessach von Comic-Zeichner Ben Gershon

Die Kohanim handeln im Auftrag G’ttes

von Gabriel H. Cohn  03.04.2012 07:35 Uhr

An den bevorstehenden Festtagen von Pessach werden die Kohanim, die Priester, wieder die Gemeinde segnen. Oft wird gefragt, warum dieser Segen von den Kohanim vorgenommen wird. Unterstreicht das Judentum nicht immer wieder das Streben nach einer direkten Beziehung zu G’tt, ohne die Mithilfe von Vermittlern?

In zahlreichen jüdischen Gemeinden war der Segensspruch der Priester Anstoß reger Diskussionen, nicht zuletzt auch deshalb, weil gemäß der Halacha auch jene Gemeindemitglieder andere »segnen« können, die kein traditionelles jüdisches Leben führen.

Durch eine Analyse des Priestersegens lässt sich die Funktion der Kohanim bei diesem Akt klären: »G’tt sprach zu Moses: Sprich zu Aharon und seinen Söhnen: So sollt ihr Israels Söhne segnen, ihnen sagen: Es segne dich G’tt und behüte dich. Es erleuchte G’tt dir dein Angesicht und sei dir gnädig. Es wende dir G’tt sein Antlitz zu – und gebe dir Frieden. Und sie legen meinen Namen auf die Söhne Israels, und ich segne sie« (4. Buch Moses 6, 22-27).

Vorbeter Der Text des Priestersegens ist festgelegt. Deshalb spricht der Vorbeter beim G’ttesdienst in der Synagoge den Priestern auch jedes Wort vor. Zudem lässt sich aus der Stelle verstehen, dass die Kohanim durch ihren Segen den Kindern Israels den Namen G’ttes verkünden und dass schließlich G’tt sie segnen wird – »und ich segne sie«.

Dies geht auch aus dem Segen selbst deutlich hervor: »Es segne dich G’tt. Es erleuchte G’tt dir dein Angesicht. Es wende G’tt dir sein Antlitz zu.« G’tt steht im Zentrum dieses Segens. Es ist sein Segen. Welche Aufgabe kommt dann aber dem Priester zu? Er soll dem Volk seine Abhängigkeit von G’ttes Segen verdeutlichen.

Die Priester hatten seit jeher eine bedeutende Rolle als Erzieher (»Des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, und Tora soll man von seinem Munde erfahren.« Malachi 2,7) Und so ist es am Priester in seiner Funktion als Erzieher, das Volk zum Segen G’ttes zu erziehen.

Dieser Gedanke lässt sich noch besser verstehen, wenn wir jene Mischna hinzuziehen, die den Sieg Josuas über Amalek behandelt. Während des bedeutsamen Kampfes saß Moses mit erhobenen Händen seinem Volk gegenüber, und solange seine Hände erhoben waren, war Josua erfolgreich (2. Buch Moses 17,12).

Hände »Sind es die Hände Moses, die im Krieg über Sieg oder Niederlage bestimmen? Nein. Solange die Kinder Israels nach oben blicken und ihr Herz ihrem Vater im Himmel zuwenden, werden sie die Oberhand über ihre Feinde haben, tun sie dies nicht, so werden sie ihnen unterliegen.« (Rosch Haschana 3,8)

In Analogie zur Mischna können wir sagen: »Sind es die erhobenen Hände der Kohanim, die uns den Segen bringen? Nein. Sie symbolisieren lediglich die Abhängigkeit von G’ttes Segen.«

Der Priestersegen ist ein erzieherischer Akt: Der Kohen wendet sich zum Segen der Gemeinde zu. Er erhebt die Hände als Ausdruck der Verbundenheit mit der Gemeinde. Zudem wird das jüdische Volk im Segen in der Einzahl aufgerufen – »Es segne dich G’tt und behüte dich« –, um zu betonen, dass nur ein geeintes Volk auf G’ttes Segen hoffen kann.

So dankt der Priester G’tt dafür, das Volk mit Liebe, »behawa«, segnen zu dürfen. Er segnet es mit Liebe, wünscht ihm aber auch Kraft zum Lieben, denn nur, wenn Liebe und gegenseitiges Verständnis zwischen den Mitgliedern der Gemeinde herrschen, sind die Versammelten auch G’ttes Segen würdig.

Dadurch wird verständlich, warum gemäß der Halacha der Priestersegen auch dann vorgenommen wird, wenn ein Minjan ausschließlich aus Kohanim besteht und alle zehn gemeinsam den Segen sprechen (Rambam, Hilchot Tefila 15,9).

Die Priester segnen nicht – sie erziehen, auch sich selbst. Nur eine Gemeinschaft, die sich ihrer Abhängigkeit von G’ttes Segen bewusst ist und alles daran setzt, dieses Segens würdig zu sein, kann G’ttes Segen auch erhoffen.

Wajischlach

Er kann nicht mehr

Am Ende seines Lebens ist unser Stammvater Jakow erschöpft. Trotz allem, was um ihn herum geschieht, resigniert er und verstummt

von Beni Frenkel  04.12.2020

Talmudisches

Das unkoschere Kamel

Warum das Wüstentier angeblich den Tod über die Welt brachte

von Rabbiner Netanel Olhoeft  04.12.2020

Ernährung

Koscher und vegan

Der israelische Rabbiner Asa Keisar über sein neues Siegel für den internationalen Markt

von Ayala Goldmann  03.12.2020

Religionswissenschaft

Die Macht des Mythos

Der britische Wissenschaftler Hyam Maccoby sieht die Judaslegende als Treiber des Judenhasses bis in die moderne Zeit

von Gunnar Mokosch  03.12.2020

Corona

Wer zuerst?

Verschiedene Covid-19-Vakzine sollen zugelassen werden. Doch sind noch viele Fragen zu Impfstoff und Verteilung ungeklärt

von Stephan Probst  03.12.2020

Religion

»Teils dogmatischer und tief verwurzelter Judenhass«

EKD-Beauftragter Christian Staffa sieht noch immer Antisemitismus in Teilen der Kirche

 02.12.2020

Religions for Peace

»Dem Guten eine Stimme geben«

Rabbiner David Rosen über interreligiösen Dialog und Hoffnungen auf einen neuen Kurs in den USA

von Ayala Goldmann  29.11.2020

Pandemie

Innenministerium lobt »verantwortungsvolles« Handeln

Zentralrat der Juden und Kirchen tragen Corona-Maßnahmen weiter auf breiter Ebene mit

 28.11.2020

Corona-Pandemie

Zentralrat der Juden: Keine größeren Feiern an Chanukka

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Der Schutz des Lebens ist für Juden das oberste Gebot«

 26.11.2020