Interview

»Der Mensch soll nicht allein sein«

Rabbiner David Lazar: »Ich habe immer getan, was ich für richtig hielt.« Foto: Ingo Way

Herr Rabbiner, Sie haben am Freitag den Gottesdienst beim ersten Jewish‐Pride‐Event in Berlin geleitet. Wie war das für Sie?
Es war beeindruckend. Der Schabbat wurde von Beth Hillel Potsdam veranstaltet. Ich wurde eingeladen, weil ich mit dem Thema schon lange zu tun habe.

Sie engagieren sich seit Jahren für die Gay‐Community. Wie kam es dazu?
Ich bin in einer sehr liberalen Familie in Südkalifornien aufgewachsen, und als Teenager habe ich aufbegehrt, indem ich orthodox geworden bin. Als ich nach Israel kam, war ich noch orthodox. Dort bin ich nach und nach wieder liberaler geworden. Aber auch in liberalen Kreisen hat man über das Thema Homosexualität kaum gesprochen. In Israel kam das Thema erst in den späten 80ern öffentlich zur Sprache.

Inwiefern?
Vor allem im Zusammenhang mit Aids. Ein Freund von mir, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass er schwul ist, infizierte sich mit HIV. Er arbeitete damals als Lehrer und wurde an einen Büroarbeitsplatz versetzt, weil man ihn nicht einfach feuern konnte. Das war 1992 in Tel Aviv. Ich habe ihn damals gefragt, wie ich ihm helfen kann. Und er sagte: »Nächsten Monat gibt es in Jerusalem ein Treffen von Menschen mit HIV. Kannst du nicht kommen und mithelfen, diejenigen zu betreuen, die durch die Krankheit schon geschwächt sind?«

Und Sie haben geholfen?
Ja, seitdem engagierte ich mich auch in der Israel Aids Task Force und wurde der »halboffizielle« Rabbiner für die schwule Community. Wenn jemand an Aids starb, nahm ich an der Beerdigung teil. Ich betreute die Kranken auf dem Sterbebett, kümmerte mich um die Familien. Dadurch begann ich, mich irgendwann auch für die Rechte von Schwulen und Lesben einzusetzen. So habe ich etwa im Jahr 2001 die erste religiöse gleichgeschlechtliche Hochzeit in Israel abgehalten. Insgesamt habe ich in Israel 19 schwule und lesbische Paare getraut.

Aber diese Hochzeiten werden vom Staat nicht anerkannt.
Nein, aber auch die heterosexuellen Ehen, die ich schließe, werden nicht anerkannt, weil ich kein orthodoxer Rabbiner bin. Das sind rein religiöse Zeremonien. Gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, werden vom israelischen Staat allerdings anerkannt.

Wurden Sie in Israel dafür angefeindet?
Ja, erheblich. Vom orthodoxen Establishment. Und einige alte Freunde haben irgendwann nicht mehr mit mir gesprochen. Selbst innerhalb der Masorti‐Bewegung hatte ich einige heftige Diskussionen.

Diskussionen gab es auch in Ihrer Gemeinde in Stockholm. Dort endet Ihre Rabbineranstellung Ende August – aus welchem Grund?
Die Gemeinde hat mir einen Vertrag angeboten, von dem sie wussten, dass ich ihn nicht annehmen würde, nämlich einen weiteren Zeitvertrag. Das war praktisch die Botschaft, dass sie mich loswerden wollen.

Warum?
Manche Mitglieder meinen, dass ich mich in bestimmten Bereichen zu sehr exponiere. Einer davon sind interkulturelle und interreligiöse Begegnungen. Ich mache viel gemeinsam mit muslimischen Gemeinden oder mit der Schwedischen Kirche, und einigen in der Gemeinde ist das ein bisschen zu viel. Das sagt man mir nicht direkt, aber ich bekomme das zum Beispiel auf Facebook mit. Sie haben nichts gegen interreligiöse Begegnungen, finden aber, dass es keine gemeinsamen Gottesdienste geben sollte.

Geht es auch um Ihr Engagement für die Gay Community?
Ja, obwohl die meisten abstreiten würden, dass das der Grund ist. Und es hat auch mit meinem persönlichen Auftreten zu tun: Ich bin Israeli und gebürtiger Amerikaner. Die schwedische Kultur ist völlig anders. Da wird nicht so offen kommuniziert und diskutiert. Es wird viel hinter dem Rücken von Leuten geredet. Es gibt auch unterschiedliche Auffassungen darüber, was die Rolle eines Rabbiners ist. In meinen Augen ist ein Rabbiner ein spiritueller und moralischer Führer. Viele in der jüdischen Gemeinde Stockholm sehen einen Rabbiner eher als Dienstleister, der Anweisungen befolgt.

Wie sieht Ihr Engagement für Schwule und Lesben konkret aus?
Im August, bei der Stockholmer Gay Parade, werde ich zum dritten Mal einen »Rainbow Kabbalat Schabbat« abhalten. Da kommen in der Regel um die 400 Leute, mehr als zu Rosch Haschana. Da nehmen natürlich auch viele Nichtjuden oder Juden, die keine Gemeindemitglieder sind, teil. Bei der letzten Gay Pride Parade gab es auch einen Wagen der jüdischen Gemeinde mit etwa 60 oder 70 Teilnehmern. In der Woche vor der Parade bieten wir ein Programm an, diesmal zum Beispiel ein Workshop zum Thema »Religiöse Zeremonien für zentrale Lebensereignisse in Regenbogenfamilien« an, also Geburt, Hochzeit, Beerdigung. Am vergangenen Wochenende haben wir die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit in der Großen Synagoge von Stockholm gefeiert.

Antisemitismus in Schweden ist ein großes Thema. Haben Sie davon viel mitbekommen?
Das ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Malmö ist der Antisemitismus tatsächlich sehr schlimm. Obwohl ich auch Freunde in Malmö haben, die der Meinung sind, das werde übertrieben. In Stockholm gibt es gelegentliche Vorfälle, wir haben auch Sicherheitspersonal in der Gemeinde, aber persönlich haben meine Frau und ich in den letzten drei Jahren keinerlei Antisemitismus erlebt. Und ich laufe immer mit Kippa durch die Gegend. Die meisten Leute kennen mich, und ich habe nie negative Erfahrungen gemacht.

Berichten Ihnen Gemeindemitglieder von Vorfällen?
Eigentlich kaum. Zwei‐ oder dreimal wurden Kinder von Mitschülern beschimpft. Das darf nicht verharmlost werden, aber ich halte das nicht für ein Hauptmerkmal des jüdischen Lebens in Stockholm.

Auch von Anfeindungen aus den eigenen Reihen haben Sie sich nie unterkriegen lassen?
Ich habe immer getan, was ich für richtig hielt. Und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass der Mensch nicht allein sein soll. Wir haben nicht das geringste Recht, jemanden davon abzuhalten, mit dem Menschen zusammen zu sein, den er liebt. Mehr noch, es ist unsere Pflicht, dies auf eine geheiligte Weise zu ermöglichen. Im Judentum gab es nie nur den einen, einzig richtigen Weg. Tradition hat sich immer verändert. Manchmal graduell im Laufe der Zeit, aber manchmal muss man auch einen plötzlichen Schnitt machen. Ich persönlich glaube, dass ich der jüdischen Tradition überaus treu bin mit dem, was ich tue.

Mit dem Rabbiner sprach Ingo Way.

David Lazar wuchs in Los Angeles auf. Mit 18 Jahren kam er nach Israel. Bis 2010 war er Rabbiner der konservativ‐jüdischen Masorti‐Bewegung in Ramat Aviv. Anschließend ging er nach Stockholm (Schweden) und wurde Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde.

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