Rabbi Jehoschua sagt im talmudischen Traktat Sota (20a): »Ein Chasid Schote (törichter Frommer), ein listiger Bösewicht, eine sich absondernde Frau und solche, die sich selbst aus falscher Frömmigkeit verletzen – all diese sind Menschen, welche die Welt aushöhlen (mevalei olam).«
Der Talmud definiert diese Menschengruppen: Ein Chasid Schote ist ein sich fromm gebender Mann, der eine ertrinkende Frau nicht aus dem Wasser rettet, um nicht in Gefahr zu geraten, sie unziemlich zu berühren. Er lässt also Unrecht geschehen, weil er sich zu »rein« fühlt, um einzugreifen – aus übertriebener Frömmigkeit.
Ein listiger Bösewicht ist jemand, der die Tora studiert hat und sein Wissen über das Gesetz nutzt, um andere zu überlisten und sich selbst Vorteile zu verschaffen. Eine sich absondernde Frau ist eine Frau, die besondere Frömmigkeit und Bescheidenheit vortäuscht, um Gunst oder Ansehen zu gewinnen. Menschen, die sich aus falscher Frömmigkeit selbst verletzen, sind solche, die zum Beispiel übermäßig fasten – nicht aus Reue oder innerer Umkehr, sondern, um den Anschein besonderer Heiligkeit zu erwecken.
All diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie sind nicht authentisch fromm. Sie handeln nicht aus Wahrheit, sondern aus Selbstdarstellung – und schaden damit anderen, direkt oder indirekt. Die Folge ist ein »Aushöhlen« der Welt. Warum? Weil die Welt ein Ort sein soll, an dem Gʼtt authentisch offenbart wird. Wenn sich aber Lüge und Fassade auf der Welt verbreiten, untergräbt dies das Fundament der Schöpfung.
Es gibt eine chassidische Geschichte, in der ein Rebbe einen Mann sieht, der am Schabbat arbeitet. Der Rebbe schaut zum Himmel und sagt: »Mein G’tt, vergib deinem Diener, er weiß nicht, dass heute Schabbat ist.« Der Mann antwortet darauf: »Rebbe, ich weiß, dass heute Schabbat ist, aber ich muss heute arbeiten.« Der Rebbe schaut wieder zum Himmel und sagt: »Mein Gʼtt, schau, wie großartig dein Diener ist! Er ist ehrlich, auch wenn er dabei seinem Rabbi unangenehme Dinge zugeben muss.«
Wenn sich Lüge und Fassade auf der Welt verbreiten, untergräbt dies das Fundament der Schöpfung.
Diese Geschichte ist keine einfache Anekdote, sondern drückt etwas Tiefes aus: Authentizität ist die Basis jeder Beziehung – auch der Beziehung zu G’tt. Es ist besser, jemand steht ehrlich zu seinen Taten, als dass er nur nach außen lebt, um anderen etwas vorzuspielen. Nahe ist Gʼtt allen, die ihn rufen – allen, die ihn in Wahrheit rufen (Tehillim 145,18): Nicht den äußerlich Frommen, sondern den authentischen ist Gʼtt nah.
Interessanterweise umspannt das Wort »Emet« (Wahrheit) das gesamte Alphabet. Das Alef zu Beginn ist der erste Buchstabe, Taw der letzte, und der Buchstabe Mem befindet sich in der Mitte. Eine der Botschaften ist: Wahrheit umfasst Anfang, Mitte und Ende – sie ist ganzheitlich und trägt die Welt.
Im jüdischen Recht wird ein paradoxer Fall beschrieben: Ein scheinbar schlimmerer Ganove – ein Räuber (Gazlan), der bei Tag mit Chuzpe seine Taten begeht – wird weniger hart bestraft als ein heimlicher Dieb (Ganav), der nachts oder verdeckt stiehlt. Die Tora (2. Buch Mose 22,3) verpflichtet den heimlichen Dieb zur doppelten oder sogar fünffachen Rückzahlung, während der offene Dieb laut der Tora (3. Buch Mose 5,23) nur das Gestohlene selbst ersetzen muss.
Der Talmud (Bava Kama 79b) erklärt: Der heimliche Dieb handelt aus Menschenfurcht – er fürchtet, gesehen zu werden –, aber nicht aus Gʼttesfurcht, denn G’tt sieht ihn immer. Raschi kommentiert: Der heimliche Dieb zeigt, dass er mehr Angst vor Menschen als vor dem Allgegenwärtigen hat – daher ist seine Strafe härter.
Der Ganove, der offen und am helllichten Tag seine Tat begeht, hat wenigstens keine Doppelmoral. Der heimliche Täter hingegen hat keinen Glauben an Gʼttes Gegenwart und ist nur anständig, wenn Menschen zusehen. Das härtere Strafmaß ist daher ein spirituelles Urteil: Wer ein Verbrecher ist, aber so tun will, als wäre er es nicht, ist schlimmer als jemand, der offen zu seinem Vergehen steht.