Brit Mila

Der große Unterschied

Beim festlichen Mahl am Sederabend wird an das Pessachopfer erinnert. Foto: Flash 90

Bevor die Söhne Israels Ägypten verließen, machte Mosche bei allen männlichen Personen eine Brit Mila. Nur dann war es ihnen erlaubt, das Korban Pessach (Pessachopfer) zu essen. In ihrem ersten Jahr in der Wüste beschnitten die Bnei Israel alle männlichen Neugeborenen am achten Tag. Aber ab dem zweiten Jahr beschnitten sie die Säuglinge nicht mehr. Warum nicht?

Die Wolkensäule, die die Israeliten seit ihrem Auszug aus Ägypten begleitete, blieb manchmal eine Woche oder einen Monat an ihrem Platz, manchmal aber auch nur ein bis zwei Tage. Das g’ttliche Zeichen bestimmte, wann die Israeliten rasten sollten und wann sie weiterziehen mussten. Das Volk wusste nie, wann die Säule weiterzog. Deshalb wäre es riskant gewesen, die neugeborenen Jungen zu beschneiden, denn bis die Wunde heilt, braucht es Zeit.

Ein weiteres Problem war, dass während der Wüstenwanderung kein Nordwind wehte. Er hätte für Sonnenschein gesorgt, aber ohne ihn war es trüb in der Wüste. Dass der Nordwind nicht blies, lag an der Sünde der Kundschafter. Der Stamm Levi war der einzige, der seine Neugeborenen weiterhin beschnitt. Nach einem Jahr in der Wüste konnten die Israeliten kein Pessachopfer mehr darbringen. Denn einem Vater, dessen Kind nicht beschnitten ist, war das verboten.

Pessachopfer Nachdem die Israeliten in Eretz Israel angekommen waren, gab es keinen Grund mehr, auf die Brit Mila zu verzichten. G’tt sagte zu Jehoschua: »In drei Tagen ist der 14. Nissan, die Zeit, das Pessachopfer darzubringen. Du und deine Helfer müsst eine Brit Mila machen an allen Männern, die noch keine haben.«

Jehoschua verkündete den Menschen: »Haschem hat euch befohlen, die Mizwa der Beschneidung zu erfüllen, sonst könnt ihr das Pessachopfer nicht darbringen. Außerdem will Haschem uns Eretz Israel nicht in unsere Hände geben, bevor alle von uns beschnitten sind.«

Genauso hatte G’tt vorher Awraham versprochen, dass seine Kinder Israel nur dann erobern können, wenn sie beschnitten sind. Tausende quer durch alle Altersgruppen benötigten die Brit Mila. Für die Älteren ist es schmerzhafter. Sie wussten, wenn sie sich beschneiden ließen, waren sie für einige Tage krank, schwach und angreifbar.

Die Israeliten lagerten in der Nähe Jerichos. Sie wussten von ihren Spionen, dass die Knaanim sich vor ihnen fürchteten, und sie vertrauten auf Haschems Schutz. Sie hatten seit ihrem Auszug aus Ägypten viele g’ttliche Wunder erlebt, wie die Spaltung des Schilfmeers. Jehoschua und seine Helfer beschnitten an diesem Tag alle Männer, egal, ob jung oder alt, und sie rasteten so lange, bis sie sich von dem Eingriff erholt und zu ihrer alten Stärke zurückgefunden hatten.

Den Ort, an dem die Beschneidungen stattfanden, nennt man Gilgal. An diesem Ort wurde den Juden die Schande genommen, nicht beschnitten zu sein. Jetzt unterschieden sie sich von den Ägyptern und allen anderen damaligen Völkern: Sie trugen das Zeichen des Bundes, die Brit Mila, an ihren Körpern.

Die Bnei Israel blieben in Gilgal und bereiteten das Mischkan vor. Am Nachmittag des 14. Nissan opferte jede Familie ein Schaf oder eine Ziege im Mischkan. In der Nacht aß jede Familie ihr Korban Pessach zusammen mit Mazza und Maror. In vielen religiösen Gemeinden in Amerika und Israel darf auch heute noch kein Unbeschnittener am Pessachseder teilnehmen und zählt auch nicht zum Minjan dazu.

Winterernte Die Tora verbietet es Juden, von der neuen Ernte zu essen, bis das Korban Omer, das Weizenopfer, am zweiten Tag Pessach (16. Nissan) gebracht worden ist. Für die Herstellung der Mazza am ersten Tag Pessach wurde Mehl von der alten Winterernte genommen. Erst nachdem sie am 16. Nissan das Korban Omer geopfert hatten, konnten sie Mazza von der neuen Ernte backen. Allerdings brauchten sie einen Tag zum Ernten.

Die Bnei Israel hatten einen großen Vorrat an Manna angelegt, der nicht verfaulte. Sie wussten, als Mosche starb (40 Tage vorher), dass es kein Manna mehr geben würde. Nur durch Mosches Verdienste bekam Israel das Manna. Sie konnten aber erst nach dem zweiten Tag Pessach die Frühlingsernte benutzen. Aus diesem Grund mussten sie sich mit Manna bevorraten.

Als Mosche noch lebte, hatten sich die Bnei Israel oft über das Manna beschwert. Jetzt, da sie feststellten, wie schwer es ist, Getreide selbst anzubauen und zu ernten, merkten die Israeliten, welch großen Fehler sie gemacht hatten. Das von der eigenen Ernte gebackene Brot kam nie an den wundervollen Geschmack des Manna von Haschem heran. Auch stellten sie fest, wie schwer es war, zu pflügen, zu säen und zu ernten.

Kriegshelden Jehoschua machte Pläne für die Eroberung der ersten Stadt in Eretz Israel. Jericho galt damals als uneinnehmbar. Als die Einwohner die Israeliten anmarschieren sahen, verbarrikadierten sie sich. In der Stadt waren die größten Kriegshelden Kanaans versammelt.

Jehoschua stand außerhalb der Stadt und überlegte, wie er sie erobern könnte. Da sah er, wie ihn ein Mann, der ihm gegenüberstand, mit einem Schwert bedrohte. Jehoschua sprach ihn an und fragte, auf wessen Seite er stehe. Der Mann antwortete ihm: »Ich bin der Engel Michael und helfe immer den Bnei Israel. Du bist nicht der General in diesem Krieg. Ich werde die Arbeit für dich erledigen.«

Da fragte Jehoschua, warum er ihn mit einem Schwert bedrohe. Der Engel antwortete: »Hashem ist nicht zufrieden mit dir und meint, du verdienst eine Strafe.« Da war Jehoschua voller Angst und fragte, was er denn falsch gemacht habe. Der Engel erklärte ihm, er sei so stark damit beschäftigt gewesen, Jericho auszuspionieren, dass er vergessen habe, ernsthaft Tora zu studieren und das tägliche Tamid‐Opfer zu bringen.

Da versprach der Prophet dem Engel, von nun an immer Tora zu lernen, auch in der Nacht vor einem Krieg. Er fragte den Engel auch, was er als Tschuwa tun könne. Der Engel antwortete: »Ziehe deine Schuhe aus! Der Platz, auf dem du stehst, ist heilig.«

Michael ließ Jehoschua wissen, dass er jetzt wie ein Trauernder sei. Und auch Jehoschua sollte traurig sein. Denn dadurch, dass die Bnei Israel jetzt kein Manna mehr bekamen, mussten sie ihr Getreide selbst anbauen und konnten nicht mehr den ganzen Tag Tora lernen.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Hof (Saale).

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