Mizwot

Der geheime Hintergrund

Auch er bleibt im Dunkeln: Daniel Craig als James Bond in »Ein Quantum Trost« Foto: ddp

Chukkat, die Parascha für diese Woche, behandelt zahlreiche und mannigfaltige Themen. Über eines der widersprüchlichsten aber lesen wir gleich zu Beginn dieses Abschnittes (4. Buch Moses 19,2). Es handelt sich um das Gebot der Para Aduma, der Roten Kuh, das zu allen Zeiten vielseitige Kontroversen bei den Exegeten hervorrief.

Diese Anordnung schrieb in der biblischen Zeit vor, dass, wenn jemand mit einem Toten in Berührung kam – selbst durch eine Beerdigung, die selbstverständlich eine menschliche und verbindliche Pflicht war und ist –, er in der Gemeinschaft im kultischen Sinne als unrein galt, bis er am dritten und auch am siebenten Tag mit der Asche der Roten Kuh bestreut wurde.

Diese Anordnung der Tora gehört zu den Chukkot, jenen Geboten, die wir mit unserem rationalen Verstand nicht erklären können. Bereits im Talmud finden wir die Charakterisierung dieser Anordnung wie folgt: »weil es den Unreinen reinigt, jedoch den Reinen, der die Utensilien zur Ausführung des Gebotes zubereitet, verunreinigt«.

Diskurs Die talmudische Literatur führt eine Diskussion darüber, ob die Gebote der Tora, die Mizwot, überhaupt einen rationalen, logischen Sinn haben. Der Rambam, Maimonides (1135–1204), der bekannte Philosoph des Mittelalters, betont, dass diese wohl einen tieferen Sinn haben, wir dies jedoch nicht immer erkennen können.

Auch unsere kritische Einstellung lässt hier hinterfragen, warum wir die Begründung für die Mizwot nicht kennen. Dies fragte bereits der Talmudgelehrte Rabbi Jitzchak (Sanhedrin 21b) und gab sich selbst die Antwort: Es gibt zwei Mizwot, für die der Herr deren genauen, tiefen Sinn verkündete. Und doch verursachten gerade diese beiden sogar den Sündenfall des weisen Königs Israels, Salomon.

Die Tora untersagte den Königen Israels, mehrere Frauen zu heiraten und Kriegsrösser zu häufen. Die Übertretung gerade dieser beiden Verbote würde nämlich dazu führen können, dass die Herrscher wichtige Aufgaben im Dienste ihres Volkes vernachlässigen, weil sie zu sehr abgelenkt würden.

Diese talmudische Argumentation meint: Wenn schon ein weiser König »stolpert«, um wie viel eher könnte es dann uns, dem »gemeinen Volk« so ergehen, wenn die Tora stets die Hintergründe der Mizwot begründet hätte? Bedeutet das, die Mizwot sollten daher irrational bleiben, fern von den ausschließlich rational und uns vernünftig erscheinenden Erläuterungen?

Vernunft Die gleiche Talmudstelle enthält aber auch einen anderen Gedanken. Zwar bleiben uns Sinn und Zielsetzung der Mizwot verborgen, das heißt aber nicht, dass sie keinen vernünftigen Sinn hätten. Dies scheint eine andere Stelle der rabbinischen Literatur zu bestätigen.

Ein weiser Mensch, wie es König Salomon war, begriff von sich aus fast alle Mizwot mit ihren Intentionen und Zielsetzungen. Dennoch sprach Salomon laut diesem Midrasch: »Ich habe alle Gesetze erforscht, aber als ich den Abschnitt über die Para Aduma, die Prozedur der rituellen Reinigung, studierte, musste ich merken: Obwohl ich als weise gelte, kann ich mir diese Anordnung doch nicht erklären« (Kohelet Rabba 7,44).

In derselben Midrasch-Sammlung finden wir eine Aussage, die betonen will, dass der Sinn der Mizwot nur darin liegt, dass wir den Willen G’ttes erfüllen. So lehrte Rabban Jochanan ben Sakkaj seine Schüler vor rund 2.000 Jahren: »Nicht die Berührung des Toten macht den Menschen unrein, und auch nicht das Wasser reinigt ihn, sondern es ist eine Verordnung des Herrn, gesegnet sei Er. Ein Gebot ordnete Ich an, so der Herr, und ihr besitzt nicht das Recht, nach den Gründen zu forschen« (Midrasch Tanchuma, Bamidbar Rabba 19,4).

Der bekannte volkstümliche Kommentator Raschi (1040–1105) fand in diesem Gebot ebenso keine »Vernunftsbegründung«. Aber dennoch, betont er, ist dies ein Gebot des Herrn und daher zu befolgen.

Unterschiede Eine bekannte Talmudstelle unterscheidet zwischen den Wesen der Mizwot: Es gibt in der Tora einerseits Mischpatim (Rechtssatzungen), die ihren Sinn jedem offenbaren können. Und andererseits gibt es Chukkot, wie in unserer dieswöchigen Parascha, die von uns nicht zu ergründen sind.

Die Unerklärbarkeit der Chukkot-Gebote versucht man durch jene Auslegung von Gelehrten zu lösen, die behaupten, dieser Zustand der Unerklärbarkeit wäre nur zeitlich eingeschränkt. Am Ende der Zeit, in der messianischen Epoche wird die Möglichkeit bestehen, all diese Chukkot zu begreifen und ihren Sinn zu erkennen.

Nach Aussage der Exegeten wird jene Lehre, die wir diesseits, also in dieser Welt, erlernen konnten, nichtig werden gegenüber jenem Wissen, das uns in der Olam Haba, der künftigen Welt, erwartet (Kohelet Rabba 2,1). Diese Lehrmeinung findet man auch in den Jüdischen Schriften des Philosophen Hermann Cohen (1842–1918), des Begründers des Marburger Neukantianismus.

Zu den kalendarischen Besonderheiten dieses Schabbats gehört, dass dieser Wochenabschnitt wegen des Schaltjahrs nicht, wie sonst üblich, zusammen mit der nachfolgenden Parascha Balak vorgetragen wird. Überdies begehen wir an diesem Schabbat den Rosch Chodesch Tammus, den Beginn des Sommermonats, an dessen 17. Tag wir mit Fasten und Trauer an die Belagerung Jerusalems erinnern.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Paraschat Chukkat
Der Wochenabschnitt berichtet von der Asche der Roten Kuh. Sie beseitigt die Unreinheit bei Menschen, die mit Toten in Berührung gekommen sind. In der »Wildnis von Zin« stirbt Mirjam und wird dort begraben. Im Volk herrscht
Unzufriedenheit, man wünscht sich Wasser. Mosche öffnet daraufhin eine Quelle aus einem Stein – aber nicht auf
die Art und Weise, wie der Ewige es geboten hat. Mosche und Aharon erfahren, dass sie deshalb das verheißene Land
nicht betreten dürfen. Erneut ist das Volk unzufrieden: Sie sind des Mannas überdrüssig, und es fehlt wieder an Wasser.
Doch nach der Bestrafung bereut das Volk, und es zieht gegen die Amoriter und die Bewohner Baschans in den Krieg und erobert das Land.

4. Buch Moses 19,1 – 22,1

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