Neulich beim Kiddusch

Der dickste Karpfen

Eines Tages wird auch er als Gefilte Fisch enden: verträumter junger Karpfen Foto: fotolia

Neulich beim Kiddusch

Der dickste Karpfen

Was einem in der Synagoge alles passieren kann

von Chajm Guski  15.03.2010 19:14 Uhr

Das ist nett. Ich komme mir vor wie der dickste Karpfen im Teich. Neuerdings werde ich ständig angesprochen: »Wie schön, dass wir uns sehen«, oder »Hey, ich kenn dich. Ich habe mitverfolgt, was du damals geschrieben hast!« oder »Nanu. Dein Gesicht kenne ich doch. Du bist doch …« Man tippt mich an, nimmt mich an die Seite, wendet sich an mich und versichert mir immer und immer wieder, wie toll es doch sei, dass wir uns kennengelernt haben.

Das ist nicht unangenehm. Endlich bekomme ich die Aufmerksamkeit, die mir zusteht. Zwar sagt der Talmud, man solle bescheiden bleiben, aber hey, das bin ich doch. Immer wieder höre ich die Einladung, ich solle unbedingt die Gelegenheit nutzen und auf gar keinen Fall versäumen, in die Synagoge dieser oder jener Stadt zu kommen. Dort sei die Atmosphäre so toll, man könne jede Menge Freunde treffen und Menschen, mit denen man gern befreundet wäre. Es gäbe keinen besseren Ort für einen entspannten Schabbat.

Neue Freunde Das hörte ich mir ein paar Mal an, und dann folgte ich dem Ruf. Einige meiner neuen Freunde waren tatsächlich dort. Ich kam jedoch nicht pünktlich, deshalb konnte ich keine Hände schütteln und die ersten Begrüßungsfloskeln austauschen. Also verlief das Morgengebet ereignislos, und der Kiddusch begann. Aber auch hier war ein recht kühles »Schabbat Schalom« die größte Freundschaftsbekundung in meine Richtung. Ansonsten passierte das, was einem auch in anderen Gemeinden passieren kann, die sich nicht viel aus neuen Gesichtern machen: Man wird auf irgendeinem Stuhl geparkt, wartet tapfer, bis es etwas zu essen gibt, verzehrt es und macht, dass man schon vor dem Tischgebet startklar ist. So scheint aus dem dicken Karpfen das Stück Gefilte Fisch geworden zu sein, das am Ende auf dem Teller liegen bleibt und das niemand haben möchte. Das ist nicht nett, und ich fragte mich ernsthaft, wer wohl das Wasser aus dem Teich gelassen hat. Lieber wieder zurück in die eigenen vier Wände. Zurück ins Goldfischglas.

Nach der Hawdala sind meine »Freunde« plötzlich wieder meine Freunde. »Wie hat es dir bei uns gefallen? Es war nett, dich kennengelernt zu haben«, schreiben sie. Aha. Sie haben also tatsächlich bemerkt, dass ich da war. »Komm doch nächste Woche wieder vorbei. Dann können wir ein wenig plaudern, und ich stelle dir diesen und jenen Bekannten vor.« Sicher nicht, denke ich. Das ist also das vielgepriesene »soziale Netzwerk« im Internet, in dem man 500 Freunde sammeln kann. Allerdings scheinen sie virtuell zu bleiben. Eine Übertragung dieser Freunde ins wahre Leben scheint schwierig zu sein.

Falsche Freunde Zufällig stolpere ich über die AGBs des sozialen Netzwerks und tatsächlich, da steht es Schwarz auf Weiß: »Die gewonnenen Freunde bleiben im Besitz des sozialen Netzwerks. Der Nutzer hat kein Recht, diese Freundschaften über das Netzwerk hinaus zu unterhalten oder zu pflegen.« Das liegt auf der Hand. Denn wenn ich jemanden anrufe, verdienen die kein Geld mit Werbeanzeigen. Wenn ich in der Synagoge jemandem eine Geschichte erzähle, verdienen sie auch nichts daran. Also muss ich mich wohl wieder einloggen. Wir sehen uns!

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