Talmudisches

Der Blinde mit der Fackel

Die Rabbinen sagen, dass auch ein Blinder den Segen »Der das Licht erschafft« rezitieren kann. Foto: Getty Images / istock

Talmudisches

Der Blinde mit der Fackel

Warum wir auch indirekt von Wundern profitieren

von Rabbiner Boris Ronis  15.10.2018 13:37 Uhr

Unsere Weisen lehren, dass sogar ein blinder Mann vom Licht der Gestirne profitiert. So sagt Rabbi Jossi: »Mein ganzes Leben war ich von diesem Vers beunruhigt, den ich nicht verstand: ›Und du wirst mittags tappen, wie der Blinde in der Finsternis tastet‹ (5. Buch Mose 28,29). Ich war verwirrt: Wieso ist es für eine blinde Person wichtig, ob es dunkel oder hell ist? Sie kann doch nicht sehen.

Ich dachte weiter über die Begebenheit nach, bis mir der folgende Vorfall geschah: Ich war nachts im Dunkel unterwegs und sah einen Blinden, der mit einer Fackel unterwegs war. Ich sagte zu ihm: ›Warum brauchst du eine Fackel? Du bist doch blind.‹ Er sagte zu mir: ›Solange ich eine Fackel in der Hand habe, sehen mich die Menschen und retten mich vor Gruben, Dornen und Disteln, die sich auf meinem Weg befinden.‹ Da erkannte ich: Es profitiert also selbst ein Blinder vom Licht, weil er es indirekt nutzt. Deshalb kann er den Segen über das Licht der Himmelskörper sagen.«

Tugend Oft werde ich gefragt: Warum müssen wir gute Dinge auf dieser Welt tun, ohne zu wissen, welche Art Belohnung wir dafür erhalten? Was passiert, wenn wir uns immer redlich verhalten und auf dem Weg der Tugend und Gerechtigkeit wandeln – so wie Gott es in der Tora von uns verlangt? Werden wir in dieser oder in der kommenden Welt dafür belohnt? Wenn wir etwas getan haben, erwarten wir sofort eine Reaktion. Doch leider vergiften wir uns dadurch selbst.

Nicht immer sind die Folgen unseres Tuns zu sehen. Egal, was wir machen, ob nun mit einer positiven Einstellung oder einer negativen – unser Handeln hat Folgen. Diese ebnen dann unseren weiteren Weg oder lassen ihn steinig werden.

Ein Beispiel dafür ist die erste Sünde des Menschen. Weil Adam und Chawa vom Baum der Erkenntnis aßen, bestrafte der Ewige sie hart. Sie wurden beide sterblich und mussten den Garten Eden verlassen.

Manche erklären, das Gift der Schlange habe Chawa vergiftet. Doch hat die Schlange sie nicht gebissen, sondern das Gift der Schlange kam als Überredungskunst daher. Als Folge dieser Verführung biss Chawa in die Frucht des Baumes der Erkenntnis und brachte dadurch sich und ihrem Mann Verbannung und Tod.
Der metaphorische Biss der Schlange im Garten Eden wird also erst außerhalb des Gartens zum tödlichen Gift, das des Menschen Lebensjahre beschränkt und ihn letztendlich sterben lässt.

Nacht Die Rabbinen sagen, dass auch ein Blinder den Segen »Der das Licht erschafft« rezitieren kann. Sie weisen darauf hin, dass einer blinden Person das Licht tatsächlich nützt. Rabbi Jossi bemerkte dies, als er in einer pechschwarzen Nacht spazieren ging und einen Blinden mit einer Fackel sah. Die Fackel half ihm zwar nicht zu sehen, aber durch ihr Licht konnten andere ihn sehen und ihn vor Gefahren bewahren.

Wir alle profitieren nicht nur direkt von den Wundern der Welt, sondern auch indirekt, wenn andere sie gut gebrauchen.
Der Blinde weiß nicht, wem er durch das Leuchten hilft, doch er hofft, auch sich selbst zu unterstützen. Er beleuchtet sowohl seinen Weg als auch den anderer, die davon profitieren können und ihm helfen.

Manchmal hilft man anderen Menschen und hofft, sich dadurch auch selbst einen Gefallen zu erweisen. Eine Hoffnung ist es, keine Verpflichtung. Es ist wie bei einem Gebet: Wir hoffen auf das Wohlwollen des Ewigen – erwarten können wir es aber nicht.

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