Talmudisches

Der beste Arzt kommt in die Hölle

Es wäre gut und empfehlenswert, wenn jeder Arzt – sogar der beste – sowohl bei Diagnosestellung als auch bei der Festlegung von Therapiemaßnahmen an die Hölle denkt. Foto: Thinkstock

Eine optimale medizinische Versorgung war schon in der Antike wichtig. Einen Hinweis darauf finden wir im Talmud, Sanhedrin 17b. Dort steht, ein Schriftgelehrter dürfe nicht in einer Stadt wohnen, in der es keinen Arzt gibt.

An anderer Stelle heißt es: »Wohne nicht in einer Stadt, deren Vorsteher ein Arzt ist« (Pessachim 113a). Was ist der Grund für diese merkwürdige Warnung? Rabbi Schmuel ben Meir, der Talmudkommentator Raschbam (1085–1158), ein Enkel Raschis, erklärt: weil der Arzt mit medizinischen Dingen beschäftigt ist und sich daher nicht mit Stadtangelegenheiten befassen kann.

schadensrecht Erwähnenswert ist eine Vorschrift aus dem talmudischen Schadensrecht: »Wenn der Schädiger zum Verletzten sagt: ›Ich will einen unentgeltlichen Arzt holen‹, so kann der Verletzte ihm erwidern: ›Ein Arzt für nichts ist nichts wert‹« (Baba Kamma 85a). Der Verletzte hat Anspruch auf einen kompetenten Arzt und kann daher einen Mediziner ablehnen, von dem er Grund hat anzunehmen, dass er nicht zu den guten zählt.

In der Reihe der sachlichen Aussagen über Ärzte scheint folgende Feststellung aus der letzten Mischna im Traktat Kidduschin (4,14) eine Ausnahme zu sein: »Der beste der Ärzte ist auf dem Weg zur Hölle!«

Zwar haben Forscher aufgrund alter Handschriften behauptet, dass es sich bei diesem Satz um eine spätere Hinzufügung zur Mischna handelt, aber da der erwähnte Spruch in unsere gedruckten Talmudausgaben gelangt ist (Kidduschin 82a), sind wir gezwungen, seinen Sinn zu ergründen.

wohltäter Ärzte leisten für ihre Patienten einen äußerst wertvollen Dienst – warum werden diese Wohltäter mit der schrecklichen Hölle in Verbindung gebracht? Der bekannte Talmudkommentator Raschi (1040–1105) gibt mehrere Erklärungen, von denen ich hier nur zwei anführe. Die eine: Manchmal unterlaufen einem Arzt Behandlungsfehler, die zum Tod des Patienten führen. Die andere: Der Arzt könnte einen Armen heilen, und er tut dies nicht. Unterlassene Hilfeleistung aus finanziellen Gründen führt also in die Hölle.

Rabbiner Schmuel Elieser Edels, bekannt als der Maharscha (1555–1631), gibt der Wendung »der beste der Ärzte« eine interessante Deutung. Gemeint sei nicht jeder Mediziner, sondern nur ein solcher, der meint, er wisse alles besser als seine Kollegen, und sich deshalb nicht mit ihnen berät. Kritisiert wird in der Mischna also nicht jeder praktizierende Arzt, sondern nur derjenige, der hochmütig ist und sich als beratungsresistent erweist.

Der italienische Arzt und Rabbiner Jacob Ben Yizhak Zahalon (1630–1693) erklärt den Satz in seinem Werk Otzar Hachajim wie folgt: Es wäre gut und empfehlenswert, wenn jeder Arzt – sogar der beste – sowohl bei Diagnosestellung als auch bei der Festlegung von Therapiemaßnahmen an die Hölle denkt, damit er zu keiner Zeit nachlässig handelt.

entscheidungen Ähnlich habe Rabbi Jonathan dem Richter geraten, sich stets vorzustellen, es sei die Hölle unter ihm offen (Sanhedrin 7a). Folgen von medizinischen und juristischen Entscheidungen sind sorgfältig zu bedenken. Jede Nachlässigkeit zieht negative Konsequenzen nach sich, die den unvorsichtigen Täter direkt in die Hölle führen können.

Der Talmud will den Beruf des Arztes keineswegs in ein negatives Licht rücken – im Gegenteil: Die Arbeit der Ärzte wird als eine sehr wichtige Mizwa angesehen, und es ist kein Zufall, dass so bedeutende Toralehrer wie Maimonides (1135–1204) und Nachmanides (1194–1270) als Ärzte wirkten. Man kann den prägnanten Satz »Der beste der Ärzte geht zur Hölle« leicht als generelle Ablehnung der Mediziner missverstehen. Doch er will lediglich auf die Gefahren aufmerksam machen, die jeder Arzt kennen sollte, um sie möglichst zu vermeiden.

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert