Pinchas

Der Apfel fällt ganz weit vom Stamm

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Nach dem Tod seiner Geschwister Aharon und Mirjam kündigt der Ewige Mosche an, dass auch seine Tage gezählt sind. Daraufhin bittet Mosche Gott um einen Nachfolger: »Der Gott des Lebensgeistes in allem Fleisch setze einen Mann über die Gemeinde ein, der vor ihr her zum Kampf auszieht und vor ihr her ins Lager einzieht und sie ausführt und sie einführt, damit die Gemeinde des Ewigen nicht ist wie Schafe, die keinen Hirten haben« (4. Buch Mose 27, 15–17).

Warum äußert Mosche diesen Wunsch? Eine Antwort geben unsere Weisen, indem sie auf die Geschichte von Zelofchads Töchtern hinweisen. Diese fünf Frauen beanspruchen das Erbe ihres verstorbenen Vaters und überzeugen mit ihren Argumenten. Der Kommentator Raschi (1040–1105) erklärt dazu, dass auch Mosche das Erbe für seine Söhne einfordert, nach allem, was er in seinem Leben erreicht hat.

Es ist aufschlussreich, das Ende Mosches mit dem seines Bruders Aharon zu vergleichen. Dieser erlebt, dass sein Sohn Eleasar sein Erbe als Hohepriester antritt. Bis heute existieren die Kohanim als eine Dynastie Aharons. Es verwundert nicht, dass auch Mosche den Wunsch hegt, einer seiner Söhne, Gerschom oder Elieser, möge seine Nachfolge in der Führung des Volkes antreten. Doch Gott erfüllt ihm diesen Wunsch erstaunlicherweise nicht, während er den Töchtern Zelofchads das Erbe des Vaters nicht verweigert.

Um die Blamage des Großvaters zu vertuschen, veränderte man den Namen

Im Buch der Richter wird erzählt, dass auf dem Gebirge Efraim ein Mann namens Micha Götzendienst ausübt. Dazu stellt er einen jungen Leviten an. Als der Stamm Dan dort vorüberzieht, bemächtigen sie sich des geschnitzten und gegossenen Götzenbildes und des Hausgottes. Auch überreden sie den Priester aus Jehuda, mit ihnen zu gehen. Nachdem die Daniter die Stadt Lajisch erobert haben, richten sie das von Micha entwendete Götzenbild für sich auf. »Und Jonathan, der Sohn Gerschoms, des Sohnes des Mosche, er und seine Söhne waren Priester für den Stamm der Daniter« (Richter 18,30).

Hier wird offenbar, dass Mosches Enkel im Götzendienst für den Stamm Dan tätig war. Um diese Blamage des Großvaters zu vertuschen, ergänzte man in der rabbinischen Literatur den Namen Mosche um den Buchstaben N, sodass er »Menasche« lautet.

Doch bleibt die Frage: Wie lässt sich erklären, dass ein Enkel Mosches, der Vater aller Propheten, zum Götzendiener wird? Einige Weisen sind der Meinung: Mosche begab sich mit seiner Heirat in den Einflussbereich midjanitischen Götzendienstes. Mosches Frau Zippora war eine Tochter Jitros, des Priesters von Midjan, der Götzendienst ausübte. Mosche selbst war mit der Führung des Volkes beschäftigt. Er hatte keine Zeit, sich um seine Kinder zu kümmern. Er verließ Midjan ohne seine Familie, um in Ägypten die Führung seines Volkes zu übernehmen. Erst nach der Spaltung des Roten Meeres wird erzählt, dass er seine Familie wiedersieht. Während dieser langen Zeit seiner Abwesenheit standen Kinder und Enkelkinder unter dem Einfluss seines midjanitischen Schwiegervaters.

Darüber hinaus findet sich noch eine weitere Erklärung in der rabbinischen Literatur. Demnach habe der Ewige im Blick auf die Weitergabe und Lehre der Tora die Gründung einer Familiendynastie abgelehnt – anders als bei der Einrichtung des erblichen Priestertums.
Die Ehre, sich mit der Lehre und Weitergabe der Tora zu beschäftigen, soll nicht nur einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht oder Elite Israels zukommen, die sich über andere überhebt. Hier nimmt Gott jeden in die Verantwortung: »Ein Gesetz hat uns Mosche geboten, einen Besitz der Versammlung Jakows« (5. Buch Mose 33,4). Damit wird ausgeschlossen, dass man in Israel auf den Gedanken kommen könnte, die Tora als Erbe von Reichen und Privilegierten anzusehen.

Nicht alle Eltern haben Erfolg mit der Erziehung ihrer Kinder

Es bleibt festzuhalten: Nicht alle Eltern haben Erfolg mit der Erziehung ihrer Kinder. Awraham war der Vater von Jischmael. Jizchak und Riwka waren die Eltern von Esaw und Jakow. Dieser wiederum wurde der Vater der zwölf Stämme, die zwar alle im Bund Gottes geblieben sind. Doch drei von ihnen, Re’uven, Schimon und Levi, enttäuschten ihren Vater, wie er in Bezug auf Schimon und Levi kundtut: »Meine Seele komme nicht in ihren Rat, und meine Ehre sei nicht in ihrer Versammlung; denn in ihrem Zorn haben sie Männer gemordet, und in ihrem Mutwillen haben sie Stiere gelähmt« (1. Buch Mose 49,6).

In der weiteren biblischen Geschichte heißt es von König Schlomos Sohn Rechav’am, dass sein Verhalten zur Teilung des Reiches führte. Chiskijahu war einer der größten Könige Jehudas, aber auch der Vater von Menasche, der seinem Vater als Regent des Reiches keine Ehre machte.
Das Erbe unserer elterlichen Gene, die Bedingungen, unter denen wir aufwachsen, sind keine Garantie dafür, dass wir dem guten Beispiel unserer Eltern folgen. Es wäre auch nicht berechtigt, dass Eltern herangewachsenen Kindern ihre Vorstellung eines gelingenden Lebens aufzwingen. In vielen Fällen ist dies sogar zum Guten. So wissen wir zum Beispiel von Awraham, dass er den Götzendienst seines Vaters verabscheute.

Das Judentum legt in der Tat größten Wert auf verantwortungsvolle Elternschaft und auf eine häusliche Atmosphäre, in der Kindern ermöglicht wird, die Religion und Tradition der Mütter und Väter kennen und lieben zu lernen. Hier sollen beste Voraussetzungen geschaffen werden. Doch sie schließen nicht aus, dass die nachfolgende Generation eigene, andere Wege geht, auch solche, die die Eltern sich nicht vorgestellt haben. Sogar der Ewige sagt von sich: »Ich habe Kinder großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen« (Jeschajahu 1,2).

Mosches Ehrenrettung

Zu Mosches Ehrenrettung können wir das erste Buch Chronik anführen (23,16 und 24,3): Sein Enkelsohn wird dort nicht Jonathan genannt, sondern Schewuʼel. Unsere Weisen erklären, dass es sich hierbei um Jonathan handelte, der sich zu Gott bekehrte. So haben wir bis heute die Hoffnung, dass sich auch unsere Kinder besinnen können, um auf einen verheißungsvollen Weg zurückzukehren.

Raschi erklärt, dass es unsere guten Taten sind, die Bestand haben werden. Wenn unsere Kinder an sie anknüpfen, können wir nur Gott dafür danken. Tun sie es zunächst nicht, sollen wir die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben. Auch der Enkel von Mosche kehrte in die Fußstapfen seiner Vorfahren zurück. Daher sollen auch wir das Licht am Ende des Tunnels sehen. Der letzte Prophet Mal’achi prophezeit für die Wiederkunft Elijas: »Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern« (3,24).

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

INHALT
Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet von dem gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn Gottes abwandte. Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1

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