Jüdische Theologie

Der Anfang der Erlösung?

Religiöses Ritual in einer säkular geprägten Stadt: Juden bei der »Taschlich«-Zeremonie an Rosch Haschana am Strand von Tel Aviv Foto: Flash 90

Die traditionelle jüdische Theologie erwartet ein Ende des Exils erst mit dem Kommen des von Gott gesandten Messias. Zuvor dürfen zwar einzelne Juden in das Heilige Land ziehen, nicht aber in großen Gruppen und schon gar nicht mit dem Ziel, einen Staat zu gründen.

Dies ist der Grund, weshalb die ultraorthodoxen Charedim den Staat Israel bis heute ablehnen oder gar bekämpfen. Doch die Vertreter der 1912 gegründeten ursprünglich antizionistischen Agudat Is­rael haben angesichts der Fluchtwellen aus Europa seit 1935 ihren Frieden mit dem Zionismus geschlossen und dominieren nun durch das staatliche Oberrabbinat das religiöse Leben in Israel wie auch versuchsweise in der Diaspora.

Voraus‐Messias Trotz des altrabbinischen Verbots gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch konservative Rabbiner, welche den Zionismus unterstützten. Führend war der serbische Rabbiner Jehuda Alkalai (1798–1878), der ein messianisch‐apokalyptisches Programm verkündete und darin noch vor Theodor Herzl (1860–1904) die Einsetzung eines jüdischen Parlaments forderte, dessen Vorsitzender als der Voraus‐Messias Ben Josef betrachtet werden dürfe.

Diese Versammlung sollte im Einvernehmen mit den Großmächten die massenhafte jüdische Einwanderung nach Palästina organisieren, staatliche und wirtschaftliche Strukturen errichten, samt dem Wiederaufbau des Tempels, um sodann den Messias Ben David in einem fertig gebauten Staat begrüßen zu können.

Alkalai hat die heute weltweit gebräuchliche Formel der Atchalta di-Ge’ulla, also »Anfang der Erlösung«, für das zionistische Unternehmen und die erstrebte Staatsgründung geprägt. In seinen Fußstapfen entstand der religiöse Zionismus, dessen Führer Jizchak Jakob Reines (1839–1915) hernach der Vater der zionistischen Misrachi‐Bewegung wurde.

Abraham Kook Den nächsten bedeutsamen Schritt machte der erste aschkenasische Oberrabbiner, Abraham Jizchak Kook (1865–1935). Kook sah in der Aufbauarbeit auch der säkularen Zionisten ein heiliges Werk, welches den göttlichen Plan der Welterlösung voranbringt, auch wenn diese ihr Tun nicht so verstanden.

Kook selbst interpretierte jedoch den Zionismus nicht als »Anfang der Erlösung«. Denn nach seiner Auffassung wirkte das »Licht des Messias« als die Macht, welche die Erlösung nahebringt, schon seit Anbeginn der Schöpfung, und dies auch mithilfe der gottfernen Kräfte.

Diese gottgewollte Mischung von gottnahen und gottfernen Elementen sah Kook auch im Volk Israel. Darum ist es nach seiner Auffassung gerade die Zusammenarbeit von Religiösen und Nichtreligiösen, welche die Erlösung schafft. Und sie vermag dies in besonderem Maße im Heiligen Land, weil dort die Seelenkerne aller Israeliten verborgen sind, die sich nun mit den Seelen der Menschen verbinden. Dies war der Grund für Kooks Hinwendung zu den säkularen Zionisten.

Die politisch‐messianische Deutung der Theologie von Abraham Jizchak Kook formulierte erst dessen Sohn Zwi Jehuda. Später wurde sie zur Ideologie der 1974 entstandenen Siedler‐Bewegung des Gusch Emunim. Die Heiligkeit des Landes Israel liegt nach Zwi Jehuda Kook in der konkreten Scholle. Sie steht in einer fast naturhaften Verbindung zur Volksseele mit der Konsequenz, dass die Seele Israels nur vollkommen sein kann, wenn das gesamte Land in der Hand der Israeliten ist.

Holocaust‐Theologie Ein entscheidender Faktor zur Neubewertung des Zionismus und dann vor allem der Staatsgründung durch orthodoxe Denker war die Schoa. Sie hat in den USA ab den 60er‐Jahren die sogenannte Holocaust‐Theologie entstehen lassen, bei der für die meisten Denker die Gründung eines jüdischen Staates nach 2000 Jahren die einzig mögliche und nötige Antwort für das Überleben des Judentums war.

In diesem Sinn kämpfte auch der Vordenker des neoorthodoxen Judentums, Rabbiner Josef Dov Soloveitchik (1903–1993), mit aller Vehemenz gegen Versuche, den Staat Israel und die Diaspora auseinanderzudividieren, denn die Geschicke von Staat und Diaspora seien untrennbar verbunden. Jede andere Sicht nennt Soloveitchik eine Illusion. Dies betrifft sowohl die Feindschaft der muslimischen Völker gegen den Staat Israel wie auch die Einsamkeit dieses Staates in der gesamten Völkerwelt.

Deswegen rief Soloveitchik die Juden weltweit dazu auf, aus Schoa und Staatsgründung die richtigen Folgerungen zu ziehen. Im Leiden sieht Soloveitchik etwas Schicksalgegebenes, für das man nie eine Erklärung finden kann. In das Leiden ist der Mensch unverschuldet und passiv hineingeworfen. Demgegenüber müsse er durch aktives Handeln Herr seiner selbst werden und das Leiden als eine Berufung verstehen, nämlich durch eigenes Wollen sein Leben gestalten.

In der Gründung des Staates Israel, der mit Unterstützung aller Juden jüdisches Leben streitbar verteidigt und selbst in die Hand nimmt, ohne auf die stets enttäuschte Gutwilligkeit der anderen Völker zu bauen, sieht Soloveitchik die unverzichtbare Willensbekundung aller Juden zum selbstbestimmten Leben. Dies ist der Auftrag der Schoa, der klagende Rückblick bringt kein wirkliches Leben.

irving Greenberg Andere orthodoxe Rabbiner haben das alte jüdisch‐messianische Denken revidiert. Rabbiner Irving Yitzchak Greenberg (geboren 1933) sieht in der Schoa einen Epochenumbruch gleich dem der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 der Zeitrechnung.

Das Überleben danach war damals nur möglich geworden dank der völligen Neugestaltung des Judentums durch die Rabbinen. Und eben dasselbe gelte für die heutige Gegenwart. Zu diesem neu zu schaffenden Judentum gehört nach Greenbergs Auffassung an erster Stelle auch der wieder gegründete jüdische Staat, mit all seinen Organen und Einrichtungen, inklusive der Streitkräfte.

Etwas konservativer, aber dennoch revolutionär ist das Denken von Eliezer Berkovits (1908–1992). Er stellt die Frage nach der Abwesenheit Gottes in der Schoa und meint, sie und alle vorausgegangenen Leiden der Menschen seien der Preis für die menschliche Willensfreiheit. Durch diese aber ist der Mensch alleine für alles Geschehen in der Welt verantwortlich.

Angesichts dieser entmutigenden Weltsicht glaubt aber Berkovits, dass in dieser scheinbaren totalen Abwesenheit Gottes in der Geschichte die dauernde Fortexistenz des kleinen und schwachen Israel zwischen den machthabenden Völkern ein untrügliches Zeugnis für die Gegenwart Gottes in der Welt sei.

Gottesfinsternis
Folglich ist die Entstehung des Staates Israel nach der totalen Gottesfinsternis der Schoa nur ein weiterer Beweis für Gottes Gegenwart im irdischen Geschehen. Aus dieser Erkenntnis gelte es aber zu lernen, dass die Machtlosigkeit Israels in einer Welt, die nach den Regeln der Macht lebt, ein Hinweis auf die von Gott eigentlich erwünschte Lebensweise der Menschen ist.

Aus dieser seiner Sicht kommt Berkovits zu der Schlussfolgerung, dass der Staat Israel noch nicht das Ziel der göttlichen Welterlösung bedeute und dieser Staat sich erst seiner von Gott gegebenen Aufgabe besinnen müsse. Diese Aufgabe, so Berkovits, haben in Israel weder die Säkularen noch die Orthodoxen wahrgenommen. Die Säkularen, die sich in einer politischen Übereinkunft mit der Welt bewegen wollen, seien bereit, die im Sechstagekrieg eroberten urjüdischen Gebiete zurückzugeben, anstatt sie wieder mit jüdischem Leben zu erfüllen.

»Exils‐Halacha« Die Orthodoxen hingegen hätten noch nicht begriffen, dass sie in das alte Land der Väter eine »Exils‐Halacha« mitgebracht hätten und nach dieser die völlig veränderte Situation regulieren wollten. Die dringlichste Aufgabe sei es deshalb, eine völlig neue Halacha zu schaffen, die alle Bereiche des modernen Lebens in diesem Staat nach jüdischen Grundsätzen gestaltet. Derzeit, so Berkovits, ist Israel darum noch nicht als ein »jüdischer Staat« zu betrachten.

Auch liberale jüdische Theologen wie Richard L. Rubenstein (geboren 1924) und Emil Fackenheim (1916–2003) sehen in der Gründung eines jüdischen Staates eine unbedingt nötige Maßnahme zur Sicherung des Überlebens der Juden und den einzig richtigen Schritt zur Gesundung des Judentums. Der Staat ist ein unverzichtbares Fundament für das Selbstbewusstsein der Juden nach der Schoa.

Die klassische Reformbewegung, die ursprünglich jegliche nationale und ethnische Seite ihres Judentums ablehnte, ist nach der Schoa gleichfalls in sich gegangen und bejubelt – wie Eugene B. Borowitz (1924–2016) – den jüdischen Staat, der ein neues Bild vom Juden geschaffen habe.

Zugleich wird aber eine Kluft betont, die im nationalen Staatsverständnis Israels erkannt wird, während man eine –nicht unproblematische – Gemeinsamkeit allenfalls im Religiösen sieht. Die Problematik zeigt sich zum Beispiel in Fragen der Anerkennung von Eheschließungen und Konversionen zum Judentum oder so »einfachen« Fragen wie dem egalitären Beten an der Jerusalemer Westmauer, in welchen das herrschende orthodoxe israelische Rabbinat jegliche konservative, liberale oder gar feministische Auffassungen kategorisch zurückweist.

Jeschajahu Leibowitz Abschließend muss noch auf die Debatten der 50er‐Jahre eingegangen werden, in deren Mitte Jeschajahu Leibowitz (1903–1994) stand. Leibowitz polemisierte mit unvergleichlicher Schärfe gegen die Verquickung von Religion und Staat in Israel. Er war der Auffassung, dass die Religion nur der Beziehung zwischen Gott und Mensch diene und nichts mit dem Staat zu tun haben dürfe.

Das bedeutet nicht, dass Leibowitz den Staat Israel ablehnte, im Gegenteil, nur eben, dass dessen Terrain die Sicherung der nationalen Bedürfnisse der Juden weltweit sei. Dennoch forderte Leibowitz zugleich vom rabbinischen Establishment, die Halacha zu novellieren, weil es zum Beispiel nicht angehe, dass die Orthodoxen zum einen jede Arbeit am Schabbat ablehnen, zugleich aber von den Schabbat‐Arbeiten des Staates profitieren, welche sie den von ihnen verachteten säkularen Juden überlassen.

Gegenwärtig wird außerdem vonseiten konservativer und liberaler Kreise mit Argumenten der jüdischen Tradition die Auflösung des staatlichen Religionsmonopols durch das Oberrabbinat gefordert, das gegen die herkömmliche rabbinische Autonomie verstoße und letztlich nur ein Relikt der osmanischen Religionspolitik sei.

Der Autor ist Judaist und Religionswissenschaftler.

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