Gastfreundschaft

»... denn Fremdlinge wart ihr«

Auch im Staat Israel nicht erwünscht: Südsudanesische Flüchtlinge demonstrieren in Tel Aviv, März 2012. Foto: Flash 90

Gastfreundschaft

»... denn Fremdlinge wart ihr«

Wer selbst Flüchtling war, sollte für Zuwanderer besonderes Verständnis haben

von Rabbiner Konstantin Pal  06.08.2012 20:00 Uhr

Der Zusammenbruch des Ostens und die Beendigung des Kalten Krieges vor mehr als 20 Jahren haben enorme Veränderungen in der Weltpolitik hervorgerufen. Inzwischen sind fast alle Länder des ehemaligen Warschauer Pakts in die Europäische Union integriert, am Checkpoint Charlie in Berlin stehen keine Panzer mehr, und die einzigen Erinnerungen an die Teilung Deutschlands sind Reste der Berliner Mauer sowie ein paar als GIs und Volkspolizisten kostümierte Studenten, die als Fotodeko für Touristen dienen.

Konsequenzen Doch nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt hat das Ende des Ost-West-Konflikts große Veränderungen hervorgerufen. Ehemalige Verbündete in der sogenannten Dritten Welt sind für die Mächte inzwischen weniger interessant geworden, sei es aus ideologischen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Doch die daraus entstandenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen sind für diese Länder dramatisch, auch wenn die Mehrheit der Menschen im reichen Norden es kaum oder gar nicht wahrnimmt – oder nicht wahrnehmen will.

Immer wieder erreichen uns Nachrichten und schreckliche Bilder aus dem Mittelmeer von gekenterten Booten und ertrunkenen Afrikanern oder Asiaten, die vor Krieg, Gewalt und Verfolgung geflohen sind, um ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu suchen. Diese Menschen sind auf sich allein gestellt, sie können beim Erreichen ihres Ziels kaum auf Unterstützung hoffen, denn die Grenzen werden immer stärker überwacht. In der sogenannten Ersten Welt anzukommen, heißt oft nicht, dass man da bleiben kann. Kein Land der EU will diese Menschen haben, und so werden Abkommen geschlossen, die eine Abschiebung der Flüchtlinge in die Ausgangsländer möglich machen.

schutz Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die israelischen Medien verfolgt hat, dem ist nicht entgangen, dass auch im jüdischen Staat die Zahl der Flüchtlinge stark zugenommen hat. Immer mehr Schutzsuchende sind ins Land gekommen. Sowohl der Staat als auch seine Bürger sehen darin ein Problem und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Die Angst vor den Fremden löst auch in Israel große Debatten aus: Was soll man mit diesen Menschen tun? Sind sie eine Gefahr für den jüdischen Staat, und wie wird sich dieses Problem in Zukunft gestalten?

Und schon erhebt sich populistisches Geschrei gegen die unerwünschten Einwanderer. Die Grenzen sollen dichtgemacht, »die Illegalen« in Flüchtlingslagern in der Wüste untergebracht und letztendlich zurück in ihre jeweiligen Herkunftsländer abgeschoben werden.

Es stellt sich die Frage, wie man mit den Menschen, die Zuflucht suchen, verfahren soll. Darauf gibt die Tora, auch im Wochenabschnitt Ekew, eine Antwort. Sie ist nicht neu, denn der Satz »Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wart ihr im Lande Mizrajim« ist ein eindeutiger Befehl des Ewigen an die Kinder Israels, er wird nicht umsonst mehrmals im Tanach erwähnt.

Mizwa Aber was steckt hinter dieser Forderung? Warum soll das jüdische Volk den Fremden lieben? Die Häufigkeit, mit der diese Mizwa erwähnt wird, deutet darauf hin, dass es ein Fremder damals im Ausland schwer hatte und sich nicht in jedem Fall willkommen fühlte, sondern Ablehnung und Abweisung spürte.

Der Hintergrund für diese Mizwa liegt in der eigenen Vergangenheit der Israeliten, die zum ersten Mal im 2. Buch Moses erwähnt wird: »Und den Fremdling bedrücke nicht, denn ihr wisset, wie dem Fremdling zumute ist, da ihr Fremdlinge gewesen seid im Lande Mizrajim« (23,9).

Dieser Satz soll bei den Israeliten, die das Fremdsein selbst erlebt haben, Mitgefühl hervorrufen. Es soll ihnen verdeutlicht werden, dass die Behandlung, die sie in Ägypten erfahren haben, schlecht war. Daraus sollen sie lernen, jene, die jetzt Fremde sind, ordentlich zu behandeln, denn die Wandlung vom Sklaven zum freien Menschen ist kein Freibrief für unethisches Verhalten. Vielmehr müssen die Israeliten mit gutem Beispiel vorangehen, weil sie selbst erfahren haben, was es bedeutet, Fremde zu sein.

ethik Ein weiteres Ziel dieses Gebotes ist es, den Israeliten zu zeigen, dass es eine göttliche Ethik gibt, die ihnen der Ewige vorgibt, und dass dies ein Teil des neuen göttlichen Gesetzes ist, das alle befolgen müssen. Auch die Erwähnung des Fremden gemeinsam mit den Waisen und Witwen dient zur Warnung: Die Tora warnt uns davor, mit den hilflosen und schutzlosen Bevölkerungsschichten schlecht umzugehen, weil sich anscheinend keiner außer dem Ewigen für sie interessiert.

Denn auch, wenn kein Mensch das Geschrei der Israeliten hörte, der Ewige war es, der auf das Geschrei der hilflosen Sklaven reagierte. Es soll aber auch eine Warnung sein an diejenigen, die nur zuhören und nichts tun, denn jeder, der nur daneben steht und dem Leid anderer zusieht, macht sich mitverantwortlich.

Und so bietet uns der Wochenabschnitt Anlass zum Nachdenken über die heutige Zeit. Was ist der richtige Umgang mit Flüchtlingen und Fremden? Welche Verantwortung haben wir als Juden in Hinblick auf das Gebot, den Fremden zu lieben – heute und jetzt? Müssen wir aufstehen und unsere Stimme erheben, wenn wir sehen, dass Menschen in unserer Mitte benachteiligt werden? Oder können wir einfach wegschauen und die Geschehnisse ignorieren? Eigentlich nicht. Abraham Joshua Heschel (1907–1972) formulierte einmal sehr treffend: »In einer freien Gesellschaft sind nur wenige schuldig, aber alle mitverantwortlich.«

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Paraschat Ekew zählt die Folgen des Gehorsams der Israeliten auf. Wenn sie sich an die Gesetze halten, würden die Völker jenseits des Jordans friedlich bleiben und sich materieller Fortschritt einstellen. Die bisherigen Bewohner müssen das Land verlassen, weil sie Götzen gedient haben – nicht, weil das Volk Israel übermäßig rechtschaffend wäre. Am Ende der Parascha verspricht Mosche, im Land Israel werden Milch und Honig fließen, wenn das Volk die Gebote beachtet und an die Kinder weitergibt.
5. Buch Moses 7,12 – 11,25

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