Purim

Den Ruf hören

Auch wenn der Name des Ewigen nicht ein einziges Mal im Buch Esther erscheint, ist das Lesen der Megilla ein wichtiger Bestandteil (fast) jeder Purimfeier. Foto: Gregor Zielke

In der Gemara werfen unsere Weisen eine seltsame Frage auf: »Esther min haTora minajin?« (»Wo in der Tora finden wir einen Hinweis auf das Buch Esther?«), das letzte in den Kanon aufgenommene Buch des Tanach, der Hebräischen Bibel. Die Gemara antwortet mit den Worten: »we’anochi haster astir panai« – »an jenem Tag werde ich mein Gesicht verbergen«. Die furchtbarste Warnung von Haschem war stets, dass es eine Zeit geben würde, in der »Hester Panim« herrscht, das verborgene Gesicht Gottes. Eine Zeit, in der es den Anschein hat, Haschem kommunizierte nicht mehr mit uns.

Darin sahen die Weisen eine Anspielung auf das Buch Esther. Wir wissen, dass Esther eines der einzigen beiden Bücher im Tanach ist, in denen der Name Haschem nicht vorkommt – das andere ist Schir HaSchirim, das Hohelied. Aber während Schir HaSchirim ein Buch über die Liebe Haschems zu uns ist, ist Esther ein Buch der Angst, weil es den Moment festhält, in dem erlassen wurde, man solle alle »Juden, jung und alt, auch Kinder und Frauen, am gleichen Tag (…) erschlagen, ermorden und ausrotten …« – der erste Aufruf zum Völkermord am jüdischen Volk.

Purim ist das einzige jüdische Fest, das zur Gänze im Exil spielt.

GEGENWART Purim ist das einzige Fest im jüdischen Jahr, das zur Gänze im Exil spielt. Jedes andere Fest basiert auf einem Ereignis, das entweder in Israel oder auf dem Weg nach Israel stattfand. Nur Purim handelt am Ort von »Hester Panim«: Wir sind nicht in Israel. Wir sind an einem Ort, an dem es schwieriger ist, die Gegenwart Gottes zu spüren.

Das ist das Buch Esther. Es stammt aus einer nahezu säkularisierten Welt, in der wir die Gegenwart Gottes in der Geschichte suchen und sie dort nicht finden. Dennoch gibt es eine Zeile in der Megilla, die mich wie ein Messer durchbohrt. Sie ist die stärkste Aussage im Judentum, die ich kenne, und sie besagt, dass Haschem uns nicht verlassen hat.

Gegen Ende des vierten Kapitels erklärt Esther ihrem Onkel Mordechai all die Probleme, die ihr Versuch, bei König Achaschwerosch zugunsten des jüdischen Volkes zu vermitteln, mit sich bringen würde. Mordechai hört sie an und antwortet ihr dann mit den berühmten Worten: »Wenn du in diesen Tagen schweigst, dann wird den Juden anderswoher Hilfe und Rettung kommen. Wer weiß, ob du nicht gerade dafür in dieser Zeit Königin geworden bist?«

wajikra Diese Worte sind für mich der höchste Ausdruck von »Haschgacha pratit«: Wo immer wir sind, verlangt Haschem zuweilen von uns, dass wir erkennen, warum er uns an diesen Platz gestellt hat, mit diesen Gaben, zu diesem Zeitpunkt, mit diesen Gefahren, an diesen Ort. »Haschgacha pratit« ist unser tiefer Glaube, dass Gott uns nie im Stich lässt. Er hat uns an diesen Platz gestellt, um etwas zu tun. Selbst im schlimmsten Verborgensein Gottes kannst du hören, wenn du genau hinhörst, wie er uns als Individuen zuruft: »Sind diese Schwierigkeiten nicht gerade der Grund, dass wir genau zu dieser Zeit genau an diesem Ort sind?«

Das ist der Wesenskern des ersten Wortes des dritten Buches der Tora (mit dessen Lektüre wir am letzten Schabbat begannen) – »Wajikra«. Wenn Sie in eine Tora schauen, werden Sie feststellen, dass dieses Wort mit einem sehr kleinen Alef am Ende geschrieben ist. In seinem Kommentar zu dieser Stelle unterscheidet Raschi zwischen den Formulierungen »Wajikra el Mosche« – »und Er rief Moses« – und »Wajikar el Bilam – »und Er erschien Bilam«.

Die Esther‐Megilla ist außer dem Hohelied das einzige Buch im Tanach, in dem Haschem nicht erwähnt wird.

Die hebräische Sprache, sagt Raschi, hat zwei Wörter, die gleich klingen, aber in Wirklichkeit völlig unterschiedlich, ja entgegengesetzt sind: »mikra« und »mikre«. »Mikre« wird verwendet, um etwas zu beschreiben, das zufällig passiert und nichts mit göttlicher Vorsehung zu tun hat. »Mikra« hingegen wird verwendet, um einen Ruf von Haschem zu beschreiben, der sich an ein bestimmtes Individuum richtet und mit einer bestimmten Aufgabe zu tun hat.Warum also wird das Alef – ein Buchstabe, der keinen Klang hat – klein geschrieben? Um uns zu lehren, dass es manchmal sehr schwer ist, den Ruf Haschems zu hören. Es könnte sogar ein stummer Ruf sein. Im Hebräischen ist das Phänomen bekannt als »Kol demama daka«, eine Stimme, die man nur hören kann, wenn man zuhört. Selbst im schlimmsten »Hester Panim« fordert Haschem uns immer wieder auf, etwas zu tun.

Frankl Einer meiner großen Helden ist ein Mann namens Viktor Frankl; ich habe oft über ihn geschrieben. Viktor Frankl war Psychotherapeut, der in Wien mit Universitätsstudenten arbeitete und während des Zweiten Weltkriegs nach Auschwitz gebracht wurde. Es gab in der Geschichte kein größeres »Hester Panim« als den Holocaust. Doch Viktor Frankl war ein Mann des Glaubens, und er wusste, dass Haschem ihn aufforderte, auch in Auschwitz, noch am Tor zur Hölle, etwas zu tun. Er fragte sich: Was will Haschem von mir, einem Psychotherapeuten, mitten in Auschwitz?

Purim handelt am Ort von »Hester Panim«, an dem Gott sein Gesicht verbirgt.

Frankls Antwort: Haschem will, dass ich meinen Mitgefangenen, meinen Mitjuden, Lebenswillen einflöße, denn nur wenn sie den Willen haben, werden sie auch die Kraft haben, zu überleben. Also ging er zu den Gefangenen, von denen er glaubte, sie würden sich der Verzweiflung überlassen, und wies ihnen eine Rolle im Leben zu, die sie noch erfüllen mussten. Dieses Gefühl, noch eine Aufgabe zu haben, half den Männern, Frauen und Kindern, am Leben zu bleiben, Auschwitz zu überleben, befreit zu werden und ihre Aufgabe zu erfüllen. Das ist es, was Viktor Frankl in Auschwitz hörte: ein »Wajikra« mit einem kleinen Alef.

Und dann ist da die Geschichte eines Mannes namens Eddie Jacobson. Er war ein gewöhnlicher Jude von der Lower East Side in New York und noch ein Kind, als seine Eltern nach Kansas City umzogen, wo er einen Jungen seines Alters kennenlernte. Sie gingen zur gleichen Schule und wurden beste Freunde. Im Ersten Weltkrieg dienten sie gemeinsam als Soldaten und beschlossen, nach Kriegsende zusammen ein Geschäft aufzumachen. Sie gründeten ein Bekleidungsgeschäft in Kansas City, doch das Geschäft war kein großer Erfolg, und bald trennten sich ihre Wege. Eddie Jacobson arbeitete weiter als Handelsreisender, der Kleider verkaufte. Sein Freund Harry S. Truman schlug einen etwas anderen Weg ein und wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

israel In den Jahren 1947/48 brauchten die Juden die Unterstützung der USA für die Ausrufung und Anerkennung des Staates Israel. Das amerikanische Außenministerium war dagegen und riet dem Präsidenten, die Gründung des Staates Israel nicht zu unterstützen. Juden und jüdische Organisationen versuchten alles, um vom Präsidenten im Weißen Haus empfangen zu werden. Jeder einzelne Versuch scheiterte. Selbst dem Führer der zionistischen Bewegung, Chaim Weizmann, dem Mann, der der erste Präsident des Staates Israel werden sollte, wurde ein Treffen mit dem Präsidenten versagt.

Viel Zeit verstrich, und die Sache wurde immer dringlicher. Dann erinnerte sich jemand daran, dass Harry S. Truman einen Jugendfreund namens Eddie Jacobson hatte. Man wandte sich an Eddie und fragte, ob er den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu einem Treffen mit Chaim Weizmann bewegen könne. Eddie rief Präsident Truman an und sagte, er müsse ins Weiße Haus kommen und ihn sehen. Trumans Berater versuchten, das Treffen zu verhindern, aber der Präsident sagte: »Das ist mein alter Freund Eddie! Wie kann ich diesen Mann nicht empfangen?«

Als Eddie im Weißen Haus ankam, sagte Truman: »Eddie, du kannst mit mir über alles reden, außer über Israel.« »Okay«, sagte Eddie, und er stand im Oval Office vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und fing an zu weinen. »Eddie, warum weinst du?«, fragte der Präsident. Eddie zeigte auf eine Marmorstatue im Zimmer und fragte: »Wer ist das, Harry?« »Das ist mein Held, Andrew Jackson«, antwortete Truman. »Du bewunderst diesen Mann?«, fragte Eddie. »Ja.« »Und er hatte Einfluss auf dich?« »Ja«, sagte Truman.

Wir müssen uns immer fragen: Was will Haschem von mir an diesem Ort?

Daraufhin sagte Eddie: »Ich habe auch einen Helden. Sein Name ist Chaim Weizmann. Harry, um meinetwillen, empfange diesen Mann.« Harry sah Eddie an, und er wusste, dass er zu seinem alten Freund nicht Nein sagen konnte. So kam es, dass Chaim Weizmann mit Präsident Harry S. Truman zusammentraf, und so kam es, dass die USA für die Gründung des Staates Israel stimmten. Hätten sie nicht zugestimmt, wäre Israel nicht ins Leben gerufen worden. Darüber hinaus machte Harry S. Truman die Vereinigten Staaten zum ersten Land der Welt, das Israel anerkannte, nachdem David Ben Gurion die Gründung des Staates verkündet hatte.

Ich weiß nicht genau, wie Haschem das Drehbuch der Geschichte schreibt, aber wenn es Eddie Jacobson passieren konnte, kann es jedem von uns passieren. Haschem ruft uns alle: Es gibt einen Grund, warum wir hier sind, denn Er hat etwas für uns zu tun, etwas, das nur wir tun können. Wir können die Stimme Haschems hören, auch wenn »Hester Panim« herrscht, wenn es scheint, Er sei verborgen, auch wenn der Ruf, Wajikra, mit einem sehr kleinen Alef geschrieben wird, das man kaum sehen und hören kann.

Teschuwa Im dritten Kapitel von »Hilchot Teschuwa« (Die Gesetze der Reue) lehrt uns Rambam, dass wir uns das ganze Jahr über so sehen sollten, als stünden wir als Einzelne ebenso wie die Welt als Ganzes exakt in der Mitte zwischen Verdienst und Sünde. Unsere nächste Tat kann das Gleichgewicht unseres Lebens beeinflussen. Sie kann das Gleichgewicht des Lebens anderer Menschen beeinflussen. Sie kann das Gleichgewicht der Welt beeinflussen. Wir wissen nie, wann eine unserer Handlungen Folgen haben wird. Wusste Esther, die mit Mordechai aufwuchs, dass eines Tages die ganze Zukunft des jüdischen Volkes von ihr abhängen würde? Man weiß nie, welche Bedeutung eine Freundschaft oder ein kleiner Moment für einen selbst und für andere haben und die Welt verändern könnte.

Man braucht die Welt nicht zu verändern, um die Welt zu verändern. Lassen Sie es mich erklären. Wenn wir wirklich glauben, was im Traktat Sanhedrin in der Mischna steht: »Nefesch Achat k’Olam malei« – »Ein Leben ist wie ein Universum«, dann verändern wir das Universum, wenn wir ein Leben verändern auf die einzige Art und Weise, zu der wir fähig sind: ein Leben auf einmal, ein Tag auf einmal, eine Tat auf einmal.

Wir müssen niemand Besonderes sein, um eine heilige Aufgabe zu haben.

Wir müssen uns immer fragen: Was will Haschem von mir an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt? Weil es immer etwas gibt, das Haschem von uns will. Wir müssen niemand Besonderes sein, um eine heilige Aufgabe zu haben. Wir können einfach eine Jüdin namens Esther oder ein Jude namens Eddie sein, und doch können unsere Handlungen Folgen haben, die wir uns im Traum nicht vorstellen können.

»Hineni« Auch wenn du manchmal das Gefühl hast, dass wir in einer Welt und in einem Zeitalter leben, in dem »Hester Panim« herrscht, in dem du nach Haschem suchst und Ihn nicht findest, sagt Er uns dennoch: »U’ Mi jodea im l’et kazot Higa’ at lamalchut?« – »War es nicht für diesen Moment, dass Ich dich auf die Erde gestellt habe?«Wenn Haschem ruft, möge jeder von uns den Mut haben, »Hineni« zu sagen.

Purim handelt am Ort von »Hester Panim«, an dem der Ewige sein Gesicht verbirgt. zu sagen: Hier bin ich. Haschem, sage mir, was ich tun soll, und ich werde es tun. Möge jeder von uns durch die Welt gehen mit hoch erhobenem Haupt als Jude, ohne Angst als Jude. Möge jeder von uns seinem Glauben treu bleiben und anderen, was immer ihr Glaube ist, ein Segen sein. Möge jeder von uns den Ruf von Haschem hören und ihn annehmen. Möge jeder von uns der Welt Segen bringen. Purim Sameach!

Der Autor war Oberrabbiner von Großbritannien. Mehr von Rabbiner Lord Sacks unter www.rabbisacks.org

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