Toldot

Den guten Ruf verteidigen

Warum es unterschiedliche Angaben darüber gibt, wie alt Riwka war, als sie Jizchak heiratete

von Igor Mendel Itkin  20.11.2020 09:44 Uhr

»Rebekka am Brunnen«, Tizian (1488–1576), Öl auf Leinwand, Museum für Ostasiatische Kunst, Chabarowsk Foto: ullstein bild - Heritage Images / Fine Art Images

Warum es unterschiedliche Angaben darüber gibt, wie alt Riwka war, als sie Jizchak heiratete

von Igor Mendel Itkin  20.11.2020 09:44 Uhr

Unser Wochenabschnitt beginnt mit den Worten: »Jizchak war 40 Jahre alt, als er sich Riwka zur Frau nahm« (1. Buch Mose 25,20). Doch wie alt war Riwka? Dazu schweigt die Tora.

Der mittelalterliche Kommentator Raschi (1040−1105) schreibt: »Jizchak war 37 Jahre alt, als er gebunden wurde. (…) Als Awraham vom Berg Moria zurückkehrte, starb genau in diesem Moment Sara, und Jizchak war damals 37. Und genau zu diesem Zeitpunkt erfuhr Awraham von Riwkas Geburt. So finden wir, dass Rebekka drei Jahre alt war, als sie Jizchak heiratete.«

Sie drei, er 40. In Deutschland käme Jizchak wegen Kindesmissbrauch ins Gefängnis − 15 Jahre Haft, nicht gerade ein moralisches Vorbild.

KINDERLOS Wie kommt Raschi zu einer solchen Aussage? Wir begegnen Riwka zum ersten Mal mit den Worten: »Sie trug ihren Krug auf der Schulter. (…) Das Mädchen war von sehr schönem Aussehen, eine Jungfrau, noch kein Mann hatte sie erkannt. Sie stieg zur Quelle hinab, füllte ihren Krug und kam wieder herauf« (24, 15−16).

Sie schöpfte Wasser, tränkte die Kamele und war eine schöne Jungfrau. Das klingt nicht nach einem dreijährigen Kind.

Der Talmud setzt sich mit dem Gesetz auseinander, dass eine Ehe geschieden werden soll, wenn sie auch nach zehn Jahren noch kinderlos ist (Jewamot 64a). Die Rabbinen fragen: Warum nach zehn Jahren und nicht nach 20? Die Antwort: Jizchak und Riwka konnten 20 Jahre lang keine Kinder bekommen. Jizchak war bei seiner Heirat 40 (1. Buch Mose 25,20), und bei der Geburt von Esaw und Jakow war er 60 (25,26).

wartezeit Der Talmud hält an der Regel fest, dass die kinderlose Ehe nach zehn Jahren geschieden werden soll, und begründet die 20-jährige Wartezeit von Jizchak und Riwka mit ihrer Unfruchtbarkeit. Beide waren sie unfruchtbar, deshalb haben sie länger als zehn Jahre gewartet, und Jizchak hatte nicht das Recht, sich scheiden zu lassen.

Diese Antwort ist seltsam. Nirgendwo in der Tora steht, dass Jizchak unfruchtbar war, und trotzdem verwendet es der Talmud als Argument für die 20-jährige Wartezeit. Wenn der Talmud nun wirklich glaubte, Riwka habe mit drei Jahren geheiratet, wäre das doch ein viel leichteres Argument.

Der Talmud hätte sagen müssen, Jizchak und Riwka haben 20 Jahre lang kinderlos gelebt und sich nicht scheiden lassen, weil Riwka mit drei Jahren geheiratet hatte. Die ersten zehn Jahre, bis sie 13 wurde, dürfen nicht mitgezählt werden, weil sie noch ein Kind war und keine Kinder bekommen konnte oder weil es für Kinder lebensgefährlich ist, schwanger zu werden (Jewamot 12b).

argument Mit diesem Argument hätten Jizchak und Riwka nur zehn Jahre gewartet und nicht 20. Doch der Talmud bringt dieses Argument nicht, sondern führt Jizchaks Unfruchtbarkeit an. Warum? Weil der Talmud davon ausgeht, dass Riwka mit 14 geheiratet hat, dem gängigen Heiratsalter in der Antike, und nicht mit drei Jahren.

Ein anderes Argument gegen Riwkas Alter von drei Jahren findet sich im Midrasch Bereschit Rabba. Dort wird davon erzählt, dass sechs Paare dasselbe Lebensalter erreichten, darunter Riwka und Kehat, Mosches Großvater.

Er sei 133 Jahre alt geworden, lesen wir in der Tora (2. Buch Mose 6,18). Wenn sie laut Midrasch im selben Alter wie Kehat starb, wurde sie also ebenfalls 133. Sie war 20 Jahre lang unfruchtbar, und als sie starb, war ihr Sohn Jakow 99. Diese Rechnung geht nur dann auf, wenn Riwka mit 14 geheiratet hat.

MIDRASCH Soweit wir bis hierher gesehen haben, sprechen alle Quellen gegen die Annahme, Riwka habe mit drei Jahren geheiratet. Aber wie kommt Raschi darauf?

Er scheint aus dem Midrasch Seder Olam zu zitieren. Doch überraschenderweise gibt es im Seder Olam zwei Lesarten: Die eine gibt Riwkas Alter mit 14 an, die andere mit drei.

In seinem Kommentar zum Seder Olam hält Rabbiner Jakob Emden (1697−1776) die Angabe von 14 Jahren für eine Berichtigung der Drucker. Doch das ist falsch, denn die besten aschkenasischen Manuskripte − dazu gehört der Münchener Codex Hebraicus 95 − geben Riwkas Alter mit 14 an. Da aber keine andere Quelle − weder der Midrasch noch der Talmud, der sonst dem Seder Olam strikt folgt − davon ausgeht, dass Riwka bei ihrer Heirat drei Jahre alt war, ist die Lesart, dass sie 14 war, die sinnvollere.

Wir müssen uns fragen, was Raschi dazu bewogen hat, entgegen der Evidenz aller Quellen Riwkas Alter mit drei Jahren anzugeben. Warum ist er nicht dem Talmud gefolgt?

geburtsrecht Raschi war der erste jüdische Autor in Europa, der apologetisch gegen die christliche Bibelauslegung schrieb. Er wollte seinen Lesern, die mit schwierigen ethischen Fragen konfrontiert waren, Antworten geben. Wie konnte Jakow mit List und Tücke das Geburtsrecht seines Bruders stehlen?

Raschi wollte die moralische Integrität der biblischen Protagonisten aufrechterhalten − manchmal mit aberwitzigen Methoden (siehe seinen Kommentar zu 1. Buch Mose 27, 19 und 34).

In Riwkas Fall hat Raschi einen apologetischen Ansatz gewählt, um zu vermeiden, sie auch nur im Geringsten als befleckt anzusehen von den Betrügern im Hause ihres Vaters und ihres Bruders. Die Vorstellung, sie habe mit 14 Jahren geheiratet, würde jenen den Weg ebnen, die sie herabwürdigen wollen.

atmosphäre Denn demnach hätte Riwka in diesem Alter bereits die Atmosphäre zu Hause aufgesogen und sei möglicherweise von dem arglistigen Handeln beeinflusst worden, das sie zu Hause erlebte. Kein Wunder also, dass sie ihrem Sohn Jakow riet, den Vater zu betrügen.

Raschi versuchte, eine solche Reaktion auf den Text zu vermeiden. Die Interpretation, dass Riwka erst drei Jahre alt war, macht sie über jeden Verdacht erhaben, das Umfeld, in das sie hineingeboren wurde, habe sie korrumpiert. Denn in so jungem Alter hätte sie nichts von dem unmoralischen Verhalten aufnehmen können. Sie wäre also reinen Herzens zu Jizchak gekommen.

Jakow zu raten, den Segen vor seinem Bruder Esaw zu erlangen, war demnach weder etwas, das sie sich selbst ausgedacht hatte, noch wurde es aus dem Haus, in dem sie geboren wurde, übernommen. Vielmehr leitete sie die Idee aus den Worten des Ewigen ab: »Zwei Völker sind in deinem Leib, und zwei Nationen werden sich aus deinem Schoße scheiden. Eine Nation wird der anderen überlegen sein, und die ältere wird der jüngeren dienen« (1. Buch Mose 25,23).

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin, ist Mitautor von talmud.de und betreibt einen Podcast.


inhalt
Der Wochenabschnitt Toldot erzählt von der Geburt der Zwillinge Esaw und Jakow. Für ein »rotes Gericht« erkauft Jakow von seinem Bruder das Erstgeburtsrecht. Wegen einer Hungersnot muss Jizchak das Land verlassen. Er geht zu Awimelech, dem König von Gerar. Dort gibt er seine Frau Riwka als Schwester aus, weil er um sein Leben fürchtet. Als Jizchak im Sterben liegt, will er Esaw segnen, doch er wird von Riwka und Jakow getäuscht und segnet so Jakow.
1. Buch Mose 25,19 – 28,9

Religions for Peace

»Dem Guten eine Stimme geben«

Rabbiner David Rosen über interreligiösen Dialog und Hoffnungen auf einen neuen Kurs in den USA

von Ayala Goldmann  29.11.2020

Pandemie

Innenministerium lobt »verantwortungsvolles« Handeln

Zentralrat der Juden und Kirchen tragen Corona-Maßnahmen weiter auf breiter Ebene mit

 28.11.2020

Corona-Pandemie

Zentralrat der Juden: Keine größeren Feiern an Chanukka

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Der Schutz des Lebens ist für Juden das oberste Gebot«

 26.11.2020

Talmudisches

Die drei Eide

Was es mit den Schalosch Schewuot auf sich hat

von Yizhak Ahren  26.11.2020

Wajeze

Botschaft der Einheit

Warum sich Jakow auf zwölf Steinen niederlegte und auf nur einem erwachte

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  26.11.2020

Ethik

Das Prinzip Verantwortung

Die jüdische Tradition verpflichtet uns, auf unsere Gesundheit und die unserer Mitmenschen zu achten

von Vyacheslav Dobrovych  26.11.2020

Toilettenpapier

Vorbereitung im Badezimmer

Am Ruhetag ist Zerreißen prinzipiell verboten – daran sollte man spätestens am Freitag denken

von Rabbiner Avraham Radbil  26.11.2020

Martin Buber

Zehntausende Briefe werden digitalisiert

Das Projekt ist auf 24 Jahre ausgelegt und soll mit 9,2 Millionen Euro finanziert werden

 23.11.2020

Dialog

Mehrreligionenhäuser wollen sich vernetzen

Berliner Bauprojekt »House of One« lädt zu virtueller Konferenz ein

 20.11.2020