Schawuot

Das zeitlose Gesetz

Warum die Tora sich von anderen Rechtsschriften grundsätzlich unterscheidet

von Rabbiner Dovid Gernetz  25.05.2023 09:25 Uhr

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Warum die Tora sich von anderen Rechtsschriften grundsätzlich unterscheidet

von Rabbiner Dovid Gernetz  25.05.2023 09:25 Uhr

An Schawuot feiert das jüdische Volk ein Ereignis, das vor über 3000 Jahren (im Jahr 2448 seit der Erschaffung der Welt) in der Wüste am Fuße des Berges Sinai stattgefunden hat. In Anwesenheit von über zwei Millionen Menschen offenbarte sich G’tt dem jüdischen Volk und übergab ihm die Tora, das Gesetzbuch des jüdischen Volkes.

Auf den ersten Blick ist es ein Gesetzbuch wie jedes andere, mit zahlreichen Ge- und Verboten. Gesetze sind wichtig, weil sie die Grundlage des kollektiven Zusammenlebens darstellen und für Gerechtigkeit, Ordnung und Sicherheit sorgen.

Wenn sich Menschen in einer Gemeinschaft zusammenschließen, dann vereinbaren sie Regeln, die das friedliche und produktive Zusammenleben sicherstellen sollen. In Deutschland haben wir zum Beispiel das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und in den USA die Constitution of the United States.

Rechtssystem Aus diesem Grund ist der Bestand eines Rechtssystems und seine Durchsetzung eines der sieben Noachidischen Gebote, die für alle Nachkommen von Noach und somit für die gesamte Menschheit gelten, weil das kollektive Zusammenleben ansonsten nicht möglich wäre. So lehren unsere Weisen in Pirkej Awot (»Sprüche der Väter« Kapitel 3, Mischna 2): »Rabbi Chanina, der Vertreter der Priester, lehrte: Bete für das Wohl der Regierung; denn wäre nicht die Furcht vor ihr da, so würde einer den andern lebendig verschlingen.«

Doch wir finden nirgends, dass die Einführung einer Verfassung jahrein und jahraus gefeiert oder in irgendeiner Weise daran erinnert wird. In der Regel wird der Tag gefeiert, an dem sich eine Gruppe von Menschen in einer Gemeinschaft zusammengeschlossen oder ihre Unabhängigkeit erklärt hat, während der Beschluss von Gesetzen lediglich als notwendige Maßnahme für die Beständigkeit des Zusammenschlusses betrachtet wird.
Gesetze sind wichtig, weil sie die Grundlage des Zusammenlebens darstellen.

Rabbi Schimschon Raphael Hirsch (1808–1888) erklärt in seinem Kommentar zum Pentateuch, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem jüdischen Gesetz und den Gesetzen anderer Völker gibt: Die Gesetze der Völker werden von den Menschen selbst für ihre Gesellschaft verabschiedet und hängen jeweils davon ab, was in dieser Gesellschaft zur jetzigen Zeit für richtig gehalten wird. Je nach Zeitgeist können gewisse Tätigkeiten strengstens verboten sein und nach einigen Jahren für vollkommen normal erklärt werden – und andersherum. Manchmal sind es medizinische oder wissenschaftliche Entdeckungen, die dazu führen, dass sich die Gesetzeslage verändert.

FORTSCHRITT Genauso, wie sich Medizin, Wissenschaft und Kultur entwickeln, unterliegen auch Gesetze mit dem Fortschritt der Menschheit stets Überarbeitungen und Anpassungen an die sich wandelnden Normen und Erkenntnisse der Gesellschaft.

Nehmen wir das Spucken in der Öffentlichkeit als Beispiel: Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in den Vereinigten Staaten sogar für noble Gentlemen nicht als unhöflich betrachtet, in Salons, Hotels und Banken auszuspucken. Doch mit der Zeit veränderten sich die Regeln des Anstandes, und zusätzlich wurde man sich mit der Entdeckung des Tuberkulose-Bakteriums im Jahr 1882 auch der gesundheitlichen Risiken des öffentlichen Ausspuckens bewusst. Heutzutage ist das Spucken in öffentlichen Orten mancherorts (etwa in Kalifornien) sogar strafbar.

Im Gegensatz dazu ist die Tora, das jüdische Gesetz, keine menschliche Erfindung, sondern ein Geschenk von G’tt an das jüdische Volk. Das g’ttliche Gesetz dient nicht nur dazu, Gerechtigkeit, Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten und das kollektive Zusammenleben zu ermöglichen, sondern den Menschen als Individuum und das Volk als Ganzes auf die höchste Stufe der Spiritualität zu erheben und G’tt am nächsten kommen zu können.

Weil die Tora nicht dem irdischen Dasein entspringt und aus einer vollkommen anderen, objektiven Realität stammt, unterliegt sie keinen Veränderungen und keiner Überarbeitung. Wie sehr sich die Menschheit auch weiterentwickeln wird, die Tora wird trotz aller neuen Erkenntnisse aktuell bleiben, weil sie genauso wie G’tt zeitlos ist und damit über der Dimension der Zeit steht.

ÄGYPTEN »Wenn du das Volk aus Mizrajim führst, werdet ihr G’ttes Diener werden an diesem Berg« (2. Buch Mose 3, 12). Mit dem Auszug aus Ägypten wurde das jüdische Volk zwar frei und unabhängig, aber das eigentliche Ziel war es, die Tora zu erhalten und zu dem Volk zu werden, welches das Joch der Tora auf sich nehmen wird.

Die Tora ist ein Baum des Lebens für diejenigen, die sie ergreifen.

Es waren hauptsächlich die Werte der Tora, die dem damaligen Zeitgeist vollkommen entgegenstanden, dank derer sich die Menschheit aus einer barbarischen und instabilen Gemeinschaft, die Götzen anbetet und Menschenopfer bringt, in eine zivilisierte Gesellschaft verwandelte, in der die Würde des Menschen oberste Priorität hat und Freiheit und Gleichberechtigung herrschen. Dabei darf die Anstrengung, welche für diese Transformation nötig war, nicht außer Acht gelassen werden.

Rabbiner Yisrael Lipschitz (1782–1860) erklärt in seinem Kommentar zur Mischna einen perplexen Ausspruch unserer Weisen im Talmud (Traktat Yevamot 60b): »Rabbi Schimon ben Jochai lehrte: Die Gräber von Nichtjuden machen Gegenstände nicht unrein, denn es heißt: ›Und ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, seid Adam (Menschen)‹, (Jechezkel 34, 31). Ihr (das jüdische Volk) werdet Adam genannt, während die anderen Völker nicht als ›Adam‹ bezeichnet werden.«

Adam Der Talmud begründet die Tatsache, dass die Gesetze der Tumah und Tahara (spirituelle Unreinheit) nicht für die anderen Völker gelten, damit, dass die Tora bei der Einführung dieser Gesetze den Ausdruck »Adam« verwendet. Aus den Worten des Propheten Jechezkel geht hervor, dass sich der Ausdruck »Adam« nur auf das jüdische Volk bezieht.
Rabbiner Lipschitz wundert sich, wie dies sein kann, wenn doch alle Menschen im Ebenbild G’ttes erschaffen wurden? Er antwortet, dass in diesem Ausspruch mit »Adam« nicht »Mensch« gemeint ist, sondern »Adam HaRischon«, der erste Mensch. Unsere Weisen lehren, dass Adam als Erwachsener erschaffen wurde und sich gleich von Anfang an auf einem hohen Niveau befand, ohne etwas dafür tun zu müssen, und in diesem Aspekt ähnelt ihm das jüdische Volk.

Denn im Gegensatz zu den Nationen der Welt, deren Transformation in eine zivilisierte Gesellschaft ein sehr langer und aufwendiger Prozess war, haben wir Juden schon vor über 3000 Jahren die 613 Ge- und Verbote erhalten. Doch die anderen Völker sind uns darin überlegen, dass sie diese Errungenschaft sich selbst zu verdanken haben.

Das jüdische Gesetz ist keine menschliche Erfindung, sondern ein Geschenk von G’tt.

Mit der Übergabe der Tora an das jüdische Volk wurde uns die Aufgabe zugeteilt, das Licht der Tora in die Welt zu projektieren und als Beispiel eines heiligen und erhabenen Volkes voranzuschreiten. An Schawuot feiern wir dieses Privileg und diese Verantwortung. Jeder hat die Möglichkeit, sich dem jüdischen Volk anzuschließen und dieses Privileg und diese Verantwortung auf sich zu nehmen.

G’tt und seine Tora sind ewig, und solange wir daran festhalten, sind wir auch Teil dieser Ewigkeit. Sie ist ein Baum des Lebens für diejenigen, die sie ergreifen. Und wer sie festhält, ist glücklich (Mischlei 3, 12).

Der Autor ist Rabbiner und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

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