Ägypten

Das Wunder der Freiheit

Demonstration in Kairo: Das Volk geht zu Hunderttausenden gegen das Regime von Husni Mubarak und für eine demokratische Regierung auf die Straße. Foto: getty

Haben Sie schon von der Botschaft gehört, die Israel in der vergangenen Woche an Ägypten geschickt hat? »Liebe ägyptische Brüder! Bitte zerstört nicht die Pyramiden. Wir werden sie nicht wieder aufbauen. Wir sind viel zu beschäftigt, und auch viel teurer, als wir damals waren. Danke. Die Juden.«

Aber mal im Ernst: Die Ägypter versuchen nun selbst einen Exodus. Sie sollten sich vielleicht einige Ratschläge von den Juden holen. Denn immerhin begann unsere Geschichte mit einer Revolte gegen den ägyptischen Herrscher. Sein Name war nicht Muhammad Husni Mubarak, er war kürzer und rief mehr Furcht hervor: Pharao.

Ratschläge Hier einige Tipps. Erstens: Wir wissen aus Erfahrung, dass die ägyptische Führung es ohne die zehn Plagen nicht kapieren wird. Einige Demonstrationen reichten nicht aus. Wenn man das Blut, die Frösche und Flöhe heranschaffen kann, dann besteht eine Chance. Aber dafür braucht man einen Moses, und schon gibt es ein Problem: Er ist Jude. Die Muslimbruderschaft würde ihn lynchen.

Zweitens: Ägyptische Führer sind gerissen. Sie werden versuchen, die Opposition zum Schweigen zu bringen, indem sie die Dinge verzögern. Wir wissen das aus unserer Erfahrung mit dem Pharao. Mubarak hält sich an diese Tradition.

Drittens: Seid vorsichtig mit Revolutionen. Euer Führer mag korrupt sein, aber der Nachfolger könnte noch schlimmer werden. Wir haben den Pharao gestürzt und Moses dafür bekommen. Kein schlechter Tausch. Die Russen hingegen haben zwar den Zar gestürzt, aber dafür traten Lenin und Stalin an seine Stelle. Es reicht nicht aus, zu revoltieren, man muss einen Plan haben.

Viertens: Nachdem wir uns von der Unterdrückung durch die Ägypter befreit hatten, bestand unser Hauptziel darin, eine neue Richtung zu finden. Wir wollten unsere neu gefundene Freiheit nicht dazu nutzen, dem Hass zu verfallen. Aus diesem Grund hat sich unsere Freiheit bewährt. Anders in Ägypten die Muslimbruderschaft, die wohl gerne die Macht übernehmen würde. Einer ihrer Sprecher, Muhammad Ghannem, sagte vor wenigen Tagem dem iranischen Nachrichtendienst Al‐Alam, dass sich das ägyptische Volk auf einen Krieg gegen Israel vorbereiten solle.

Liebe Ägypter: Ein freies Land lässt sich nicht auf Hass aufbauen. Ein solches Fundament ist nicht von Dauer. Wenn ihr die Freiheit wollt, dann tut es wie wir: Holt etwas Mazza und Maror, und sprecht vom Wunder der Freiheit. Nicht darüber, wie sehr ihr die Juden hasst.

Prinzip Nun möchte ich über den Geist und die Energie hinter der aktuellen Situation in Ägypten sprechen, denn dies erlaubt es, eine der wichtigsten Ideen im Judentum zu würdigen. Im Buch der Könige, in dem von Salomon berichtet wird, der den ersten Tempel in Jerusalem errichtete, geht es um das Verhältnis zwischen einem Volk und seinem Anführer. »König Salomon«, so steht es in der Bibel, »legte ganz Israel eine Steuer auf. Die Steuer bestand aus 30.000 Männern. Er schickte sie in den Libanon [um Holz für den Tempel zu fällen] … Salomon hatte 70.000 Träger und 80.000 Steinmetze in den Hügeln.«

Der Tempel war bewundernswert. Das jüdische Volk erlebte Frieden und Wohlstand unter der Herrschaft des brillanten und erfolgreichen Königs Salomon. Aber sie zahlten einen hohen Preis: Der Bau des Tempels verwandelte Israel in ein riesiges Arbeitslager. So lange Salomon lebte, beschwerten sich die Menschen nicht. Sie unterwarfen sich widerstandslos. Als der König aber starb, versammelte sich eine Delegation mit einem Anführer namens Jeroboam, die zu Salomons Sohn und Nachfolger Rehoboam ging. Sie stellte eine einfache Forderung: »Euer Vater hat uns eine schwere Last auferlegt. Nun mache die Arbeit weniger schwer und verringere die Last, und wir werden dir dienen.«

Gemäß der uralten jüdischen Tradition sagte Rehoboam ihnen, sie sollten in drei Tagen wiederkommen, und er werde ihnen eine Antwort geben. Rehoboam musste nun eine strategische Entscheidung treffen, daher befragte er den Ältestenrat. Dessen Antwort ist faszinierend: »Wenn du diesen Menschen heute zu Diensten bist und ihnen eine angenehme Antwort gibst, dann werden sie dir immer zu Diensten sein.«

Leider beschloss Rehoboam diesen Rat zu ignorieren. Stattdessen fragte er seine Freunde. Die rieten ihm das Gegenteil. Daraufhin erklärte er Jeroboam und seinen Leuten: »Mein Vater hat euch eine schwere Last auferlegt, ich werde sie sogar noch schwerer machen.«

Das Resultat war vorhersehbar. Die Mehrheit des Volkes revoltierte. Jeroboam wurde zum neuen König gekrönt. Nur der Stamm von Juda blieb dem alten König treu. Das Reich wurde geteilt. Es war der Anfang vom Ende eines vereinten jüdischen Volkes unter einem König.

Führerschaft Die Worte des Ältestenrates spiegeln eine der revolutionärsten Ideen im Judentum zum Thema Führerschaft wider: »Wenn du diesen Menschen heute zu Diensten bist, und ihnen eine angenehme Antwort gibst, dann werden sie dir immer zu Diensten sein.«

Die Aufgabe eines Königs besteht nicht darin, ihnen Lasten aufzuerlegen. Die Macht eines König rührt nicht aus seiner Überlegenheit gegenüber dem Volk, sondern daher, dass er ihm ein Diener ist. Die Autorität eines Königs liegt nicht in seiner Fähigkeit zu kontrollieren und zu dominieren, sondern vielmehr in seiner Machtlosigkeit – in seiner kompletten Hingabe zum Volk. Das ist die einzige Rechtfertigung dafür, einem Menschen so große Macht zu verleihen.

Gemäß dem jüdischen Gesetz (Talmud Berachot 34b) muss ein König seinen Kopf das ganze Amida‐Gebet über gebeugt halten, währen alle anderen Juden ihren Kopf nur am Anfang und am Ende dieses Gebetes vor G’tt verbeugen! Warum? Weil der König mehr – nicht weniger – Bescheidenheit haben muss. Macht korrumpiert, und viel Macht korrumpiert noch mehr. Und wenn man Macht hat, muss man ganz besonders bescheiden sein.
Aber es gibt noch einen tiefer liegenden Grund: Was erlaubt es einem Menschen, Macht über andere Menschen zu haben? Warum sollte ein Mensch einen anderen Menschen beherrschen? Die Antwort ist: Weil ein Anführer sich selbst als selbstlos betrachtet, als Leiter, der seinem Volk dient.

Positionen Es gibt eine faszinierende Stelle im Talmud (Horayot 10 a‐b), in welcher Rabban Gamliel zwei Rabbiner, Elazar Chisma und Yochanan ben Gudgada, in Führungspositionen erheben wollte. Sie zögerten, diese anzunehmen. Rabban Gamliel sagte: »Meint ihr, ich würde euch die Herrschaft verleihen? Nein, ich mache euch zu Sklaven. Hört auf diese Worte: Ein Führer zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes, ist, ein ultimativer Sklave zu sein.«

Im Midrasch Tanchuma gibt es einen Kommentar zu einem Vers aus dem 5. Buch Moses (29,9): »Ihr alle, die ihr hier heute vor eurem Herrn, eurem G’tt steht – Anführer eurer Stämme, die Ältesten, die Offiziellen – das ganze Volk Israel.« Die Problematik ist offensichtlich: Der Vers beginnt damit, von den Anführern zu sprechen, und hört damit auf, »vom ganzen Volk Israel« zu sprechen. Der Midrasch liest es so: »[G’tt sagte zu ihnen] Auch wenn ich für euch Anführer, Älteste und Offizielle ernannt habe, so seid ihr, vor Mir, alle gleich – das ist es, was da steht, alle sind das Volk Israel.«

Die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen überlegen ist, steht im Widerspruch zur Grundüberzeugung des Judentums. Dem liegt die Prämisse der Würde jedes einzelnen Menschen zugrunde. G’tt wollte, dass freie Menschen Ihm zu Diensten sind. Er wollte Menschen, die mit ihrer ganzen individuellen Kreativität und Ausdrucksweise freiwillig eine Beziehung mit Ihm eingehen.
Deshalb sagte der Ältestenrat dem Rehoboam sinngemäß: Wer ein wahrer Führer sein will, muss bereit sein, der ultimative Diener zu werden. Wenn jemand meint, dass es bei Führerschaft um Macht geht, gegen den werden die Menschen revoltieren. Wenn nicht heute, dann morgen.

Lehre Um zu entdecken, was das jüdische Volk vor tausenden Jahren gelernt hat, dazu brauchten große Teile der Zivilisation bis zum 20. Jahrhundert. Einige Gesellschaften haben dies in den letzten Wochen entdeckt.

Die Welle der Revolutionen im 20. Jahrhundert begann 1917, als der russische Zar gestürzt wurde. Das Problem war, dass die Bolschewiken, die die Macht ergriffen, Nikolaus hinrichteten und allen Menschen Freiheit versprachen, die Sowjetunion aber zu einem der schlimmsten Albträume der Geschichte machten. Unter der Herrschaft Lenins, Trotzkis und Stalins führte der Schrei nach Freiheit zum Tod von 50 Millionen Menschen.

Danach folgte eine ganze Reihe von Revolutionen – in Deutschland, Spanien, China, Ungarn, Algerien und nicht zuletzt Iran – um nur einige zu nennen. Bei all diesen Revolutionen war es das Ziel, ein Land von einer fehlgeschlagenen Diktatur zu befreien. In vielen Fällen waren die Nachfolger nicht besser, sondern schlimmer.

Iran ist ein trauriges Beispiel: 1979 wurde der Schah gestürzt. Die Dynastie wurde durch eine iranische Republik unter Ajatolla Khomenei, dem Anführer der iranischen Revolution ersetzt. Die Menschen hatten die Nase voll von der korrupten Herrschaft des Schahs, und auch davon, dass er eine Armee unterhielt, um seine Macht zu beschützen. Aber stattdessen bekam das iranische Volk Khomeini, und hat es nun mit Ahmadinedschad zu tun.

Jetzt sind die Tunesier und Ägypter auf den Zug der Revolution gesprungen und rufen nach Freiheit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Geist noch viel mehr Länder in der Region ergreifen wird. Die Bürger Saudi‐Arabiens werden wahrscheinlich eines Morgens aufwachen und sich fragen, warum zehn Menschen den Reichtum von zehn Milliarden Dollar kontrollieren, die aus Ressourcen des Landes stammen. Warum haben ein paar Individuen die Macht über Dutzende von Millionen? Wo ist die Logik?

Die Herausforderung besteht darin: Der Kampf um Bürgerrechte kann nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen werden, er muss in den Herzen und dem Verstand der Menschen gewonnen werden. Das Schlachtfeld kann die alte Garde entfernen, aber wenn die Menschen nicht dahingehend gebildet sind, in Freiheit zu denken, und Vielfalt zu respektieren, ist die Wahrscheinlichkeit groß, wieder zu den alten bösen Gewohnheiten ihrer Vorgänger zurückzukehren.

G’ttlichkeit Vor 3.300 Jahren, als die erste Heimstätte für G’tt, der Mischkan, gebaut werden musste, hatte Er befohlen, dass sie mit den freiwilligen Gaben der Menschen geschaffen werden sollte. »Lasst sie für mich einen Beitrag nehmen« (2. Buch Moses 25,2). Die Grundlage für die Errichtung eines Ortes für G’tt muss der Wille der Menschen sein. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie so viel nehmen, wie sie geben.

Man kann Menschen zu vielen Dingen zwingen. Aber nicht dazu, ihre Herzen und ihr Leben in eine Heimstätte für G’tt zu verwandeln. Dies ist ein Widerspruch. Freiheit ist Teil der menschlichen Seele. Wenn man einen Menschen dazu zwingt, etwas zu tun, hat man ihn nicht wirklich dazu gebracht, es aus freien Stücken zu tun – es hat nur äußerlich den Anschein.
Diese Herangehensweise hat die Perspektive der Welt auf unser Volk und unsere Tradition bestimmt. Diese Lehre, so fürchte ich, muss das ägyptische Volk erst noch lernen.

Der Autor ist Direktor des »Chabad Jüdisches Bildungszentrum Berlin«.

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