Unetane Tokef

Das Urteil abändern

In Zeiten von Corona auch an Rosch Haschana unverzichtbar: Desinfektionsmittel und Nase-Mund-Schutz neben Apfel, Honig, Schofar und Granatapfel Foto: Getty Images

Unter den zahlreichen Pijutim in der Liturgie der Hohen Feiertage nimmt das »Unetane Tokef« eine ganz besondere Stellung ein. Wir beten es in der Mussaf-Amida sowohl zu Rosch Haschana als auch an Jom Kippur – stellt es doch den inneren Zusammenhang zwischen beiden Feiertagen dar: »An Rosch Haschana wird man eingeschrieben, an Jom Kippur wird es besiegelt.« Die Entstehung des Gebets vor etwa 1000 Jahren wird Rabbi Amnon von Mainz zugeschrieben und ist untrennbar mit der Überlieferung von dessen Martyrium und Tod verbunden.

Aber auch dann, wenn man diesen Hintergrund nicht kennt, ist der Text erschreckend und aufrüttelnd. »Wir wollen die Macht der Heiligkeit des Tages anerkennen, denn furchtbar ist er und erschreckend«, so beginnt das Unetane Tokef, in dem das »nora« der Jamim Nora’im vom Ehrfurchterfüllten tatsächlich zum Furchtbaren wird.

So mancher Beter, der sich vom Dahinfließen der Gebete durch den Gottesdienst tragen lässt, schreckt an dieser Stelle auf. Mit drastischen Worten und in anschaulichen Bildern bringt Unetane Tokef auf den Punkt, worum es an diesen Tagen geht: um Leben und Tod und um das unmittelbare Betroffensein eines jeden einzelnen Menschen.

GERICHT Das Gebet spricht zu Beginn davon, dass der Ewige, der Herr über die ganze Welt und damit über alle Menschen, gleichzeitig Richter und Zeuge der Anklage ist – eine Situation, die vor einem menschlichen Gericht absolut fatal wäre. Nicht so aber vor dem höchsten aller denkbaren Gerichte, denn der Ewige ist ein barmherziger Richter. Jedoch erwartet Er, dass der Mensch auch etwas dafür tut.

Ein Anrecht auf billige Gnade gibt es nicht, auch keine Massenamnestie. Und falls etwa jemand meint, er habe doch stets alle Gebote gehalten, wird er darauf hingewiesen, dass vom Gericht nicht einmal die Engel ausgenommen sind – von denen man doch annehmen sollte, dass an ihnen kein Fehler sei.

Andererseits ist auch niemand zu schlecht, als dass er nicht durch aufrichtige Reue und Umkehr Barmherzigkeit und Vergebung erfahren könnte. Der Midrasch (Wajikra Rabba 10,5) lehrt, wie Kain unterwegs Adam begegnet und dieser ihn nach seinem Urteil fragt. Da antwortet Kain seinem völlig perplexen Vater frohgemut, er habe Buße getan, und nun sei seine Sache vor dem Ewigen erledigt.

Jedes einzelne Individuum wird vom Ewigen genau beurteilt, wie von einem Hirten, der seine Schafe eines nach dem anderen unter seinem Hirtenstab vorbeiziehen lässt. Und jedem einzelnen Individuum misst der Ewige, Herr über Leben und Tod, sein persönliches Urteil zu, bestimmt dem Menschen Lebenszeit und Schicksal für das kommende Jahr. Wer wird leben, wer sterben, und wie wird er sterben? »Wer durch Wasser, wer durch Feuer, wer durch das Schwert und wer durch ein wildes Tier, wer durch Hunger und wer durch Durst, wer durch Sturm und wer durch Seuche?«

WARNUNG Wie erschreckend aktuell die Warnung des Unetane Tokef ist, haben wir gerade in jüngster Vergangenheit erfahren müssen, durch Tsunami und Großfeuer, durch Orkane und andere Folgen des Klimawandels, aber auch durch das Schicksal von Menschen, die auf der Flucht vor Krieg (dem Schwert also) und Verfolgung (durch Menschen, die »wie wilde Tiere« sind) im Meer ertrinken oder auf dem Landweg umkommen.

In diesem Jahr wurde uns auf unmissverständliche Weise klar, dass auch die Seuche kein bloßes Schreckgespenst aus vergangenen Zeiten ist, sondern eine höchst reale Lebensbedrohung darstellt.

Und in diesem Jahr wurde uns auf unmissverständliche Weise klar, dass auch die Seuche kein bloßes Schreckgespenst aus vergangenen Zeiten ist, sondern eine höchst reale Lebensbedrohung darstellt.

So wie am vergangenen Pessach in der Sedernacht das Umgehen des Todesengels vor dem Auszug aus Ägypten eine neue Bedeutung für uns erhalten hat, so bringt die Corona-Pandemie nun ein ganz neues Verständnis des Unetane Tokef mit sich. Ein 1000 Jahre altes Gebet ist plötzlich hochaktuell geworden.

BESIEGELN An Rosch Haschana wird unser Urteil für das kommende Jahr geschrieben, an Jom Kippur wird es besiegelt. Bedeutet das etwa, dass sowieso schon alles vorherbestimmt ist? Ja und nein. Die Botschaft der Jamim Nora’im, der Ehrfurcht erweckenden Tage, ist ernst zu nehmen wie ein bereits abgefasstes Urteil. Und doch kann der Urteilsspruch jederzeit abgeändert werden, wenn wir uns aufrichtig darum bemühen, durch Teschuwa (Umkehr), Tefila (Gebet) und Zedaka (Wohltätigkeit).

In vielen Machsorim steht über diesen drei Worten in Großdruck noch ganz klein Zom (Fasten), Kol (Stimme) und Mamon (Geld), quasi als konkrete Anweisung, was zu tun sei.

Man könnte auch sagen, durch unsere Gedanken (Teschuwa), Worte (Tefila) und Taten (Zedaka) erreichen wir dieses Ziel, indem wir unser Inneres erforschen, die Verbindung mit dem Ewigen suchen und gleichzeitig unsere Verantwortung gegenüber den Mitmenschen wahrnehmen, gerade jetzt in Zeiten von Corona.

Unetane Tokef gemahnt uns eindringlich an die Zerbrechlichkeit unserer menschlichen Existenz. Gleichzeitig lehrt es uns aber auch, auf den Ewigen zu vertrauen, der uns in der Vergangenheit behütet und bewahrt hat. Möge Er auch im neuen Jahr mit uns sein. In diesem Sinn: Mögen Sie alle eingeschrieben sein zu einem guten Jahr!

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

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