Jenseits

Das Leben danach

In Clint Eastwoods neuem Kinodrama »Hereafter« macht sich George (gespielt von Matt Damon) Gedanken über das Leben nach dem Tod. Foto: cinetext

Rabbi Chanina ben Dossa lebte in großer Armut. Eines Tages hält seine Frau ihn dazu an, aufgrund seiner guten Taten den Himmel um einen Vorschuss auf die kommende Welt, »le’Alma de’atej«, zu bitten. In der Nacht erhält er ein goldenes Tischbein. In der darauffolgenden Nacht träumt die Frau, wie alle Gerechten in der Zukunft an goldenen, dreibeinigen Tischen sitzen, sie und ihr Mann jedoch an einem zweibeinigen (recht wackeligen) Tisch. Erschrocken bittet sie ihren Mann, der Ewige möge das Tischbein wieder zurücknehmen, was dann auch geschieht.

Diese Erzählung (Talmud, Ta’anit 25a) zeigt uns, dass die Menschen zu talmudischer Zeit (bis zum Jahr 550) an eine kommende Welt glaubten. Und dass es dort anscheinend auch etwas zu essen geben wird.

Olam Haba Und wie komme ich in diese Welt? »Elu Devarim – dies sind die Dinge, deren Früchte der Mensch in dieser Welt genießt, und deren Licht ihm in der kommenden Welt scheint: Ehrung der Eltern, Nächstenliebe, Krankenbesuche, Gastfreundschaft, Synagogenbesuch, Friedensstiftung zwischen Freunden und Eheleuten, und das Torastudium wiegt sie alle auf.« Mit diesen Worten beginnen viele Juden ihren Tag und somit das tägliche Torastudium, denn der Text stammt aus der mündlichen Tora, dem Traktat Schabbat im babylonischen Talmud. Wer diese erwähnten Dinge beherzigt, scheint also in der Zukunft Kontakt mit einer kommenden Welt, der »Olam haBa«, zu bekommen.

Bis heute spekulieren wir darüber, was passiert, wenn wir sterben. Das Einzige was wir sicher wissen, ist, dass wir eines Tages sterben und unsere Überreste, jedenfalls im westlichen Kulturkreis, entweder verbrannt, einbalsamiert oder begraben werden. Soweit die Tatsachen. Was darüber hinaus passiert, gibt seit Menschengedenken Anlass zu vielen Spekulationen.

Eine der wenigen Stellen im Tanach, die sich mit der Zeit nach dem eigenen Tod befassen, finden wir im Buch Daniel (12,2): »Und viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen: etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger Schmach und Schande.« Eine Auferstehung der Toten scheint vorprogrammiert. Eine Frage, die sich angesichts dieser »Tatsache« viele Menschen stellen, ist die nach dem »wie«. Wie wird das aussehen? Wird mein Körper wieder aus der Erde auferstehen, oder wird es lediglich meine Seele sein?

Ein Midrasch (Tanchuma, Wajigasch 9) vertritt die Ansicht, alles werde wieder so, wie es zu Lebzeiten gewesen ist. »Jeder wird mit den Fehlern, die er im Leben hatte, auferstehen. Der Blinde wird blind auferstehen, der Taube wird taub auferstehen, der Lahme wird lahm auferstehen, und der Stumme wird stumm auferstehen. Sie werden so gekleidet auferstehen, wie sie es im Leben waren.«

Körper Einer unserer mittelalterlichen Gelehrten, der Rationalist Maimonides, sieht das etwas anders: »In der künftigen Welt gibt es keine Körper, sondern nur die Seelen der Rechtschaffenen ohne Körper, wie die Engel. Da es in der kommenden Welt keine Körper gibt, wird dort weder gegessen noch getrunken noch irgendetwas anderes getan, dessen die Körper der Menschen in dieser Welt bedürfen. Nichts geschieht in der kommenden Welt, was einen Körper voraussetzt, wie etwa Sitzen und Stehen, Schlaf und Tod, Trauer und Gelächter usw.« (Hilchot Tschuva). Also doch keine goldenen Tische?

Die Meinungen darüber, wie es sich nach dem Tod verhält, gehen auch, oder vielleicht gerade, im Judentum weit auseinander. Auf der einen Seite die transzendentalen Asketen, wie der babylonische Gelehrte Raw im Talmud (Brachot 17a): »In der kommenden Welt wird man weder essen noch trinken, weder zeugen noch Geschäfte machen, es weder Eifersucht noch Hass noch Konkurrenz geben. Die Rechtschaffenen aber werden mit ihren Kronen auf dem Kopf dasitzen und die Pracht der Schechina genießen.«

Auf der anderen Seite die eher bodenständigen Gourmets, wie es in einem chassidischen Lied zur Seuda Schlischit, der dritten Mahlzeit am Schabat, heißt: »Was wird sein, wenn der Messias kommt? Wir werden ein Festmahl veranstalten. Und was werden wir da essen und trinken? Den Wein, den Noach gekeltert (und für uns aufbewahrt) hat und den Leviathan (einen großen urzeitlichen Fisch), der uns aufgetischt werden wird.«

Aber hier sind wir schon bei einem weiteren Punkt der zukünftigen Welt: Dem Maschiach. Das Kommen des Maschiach, des Königs aus dem Hause Davids, wird oft mit der Olam Haba, der kommenden Welt, gleichgesetzt. In der Tradition wird hier jedoch unterschieden. Das eine hat mit dem anderen nicht direkt zu tun.

Tod Geschichtlich betrachtet, werden die Überlegungen darüber, was mit uns nach unserem Ableben geschieht, mit der Zeit immer detaillierter. Hat sich der Mensch zu Abrahams Zeiten eher weniger Gedanken um das Sein nach dem Tod gemacht, bietet sich uns heute eine ganze Bandbreite an vorgestellten Möglichkeiten. Vielleicht hat das mit der Individualisierung unserer Gesellschaften zu tun. Der damalige Mensch sah sich eher als Teil einer Gruppe, akzeptierte seine zeitliche Begrenztheit. Wenn wir den Ausdruck lesen, »er wurde zu seinen Vätern versammelt«, klingt das sehr poetisch, war damals aber wörtlich gemeint.

Eine gewisse Zeit nach dem Tod wurden die Knochen gereinigt, und in eine Kiste zu den Knochen der Väter und Großväter gelegt. Damit war das Leben beendet und abgeschlossen. Wir heute sind von unserer individuellen Wichtigkeit überzeugt, versuchen immer mehr, uns zu »entgrenzen«. Dies geht bei manchen so weit, dass sie so sehr von ihrer Unentbehrlichkeit überzeugt sind, dass sie sich nach ihrem Tod einfrieren lassen, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgetaut werden können, um die Nachwelt mit ihrer Anwesenheit zu beglücken.

Literatur Wenn wir uns die Entwicklung des Gedankens einer kommenden Welt in der jüdischen Literatur ansehen, stellen wir fest, dass der Begriff »Olam Haba« im Tanach kein einziges Mal vorkommt. Erst zur Zeit des zweiten Tempels werden uns verschiedene Ansichten über den Zustand nach dem Tod überliefert. Die Peruschim, die Pharisäer, glaubten an eine Wiederauferstehung der Toten, die Essener an die Unsterblichkeit der Seele, und die Zadukim, die Sadduzäer, eher an keine dieser Möglichkeiten.

Eine Mischna im Traktat Sanhedrin lehrt uns, dass derjenige, der nicht an eine Wiedererweckung der Toten glaubt, an der kommenden Welt keinen Anteil habe. Die Gemara berichtet schon von Menschen, die Unterhaltungen unter Toten mit angehört haben oder sogar selbst mit Toten gesprochen haben, und stellt die Frage, ob die Toten etwas von dem mitbekommen, was auf Erden passiert. Die Antwort ist nicht definitiv.

Interessant ist dabei aber, dass die Vorstellung von einer Parallelwelt der Toten existiert. Das heißt, dass die Toten in einer anderen Welt oder einer anderen Dimension weiter existieren. Dass es ihnen dort nicht einfach nur gut geht, erfahren wir aus dem Midrasch Mischlej (17,1), dem rabbinischen Kommentar zu den Sprüchen Salomos. Dieser mittelalterliche Midrasch sagt: »Wir haben gelernt, dass das Strafgericht über die Schlechten im Gehinom zwölf Monate dauert«.

Garten Eden Dieser Ansicht nach durchwandert die Seele nach dem Tod mehrere Stadien der Reinigung oder Heilung. Nach maximal zwölf Monaten im Gehinom gelangt die Seele in den Gan Eden, wo sie für immer bleiben wird. Dieser Garten Eden ist jedoch in zwei Niveaus unterteilt, ein hohes und ein niedriges, und auch hier muss die Seele Arbeit tun, um sich hochzuarbeiten.

Damit könnte es jetzt ja gut sein, aber die etwas masochistischer Veranlagten unter uns haben der Seele auf dem Weg zurück zu ihrem Schöpfer noch ein paar schmerzhafte Zwischenstufen wie Chibut Hakever, den Grabesschmerz, oder Kaf Hakela eingebaut, um die Seele wirklich porentief rein zu bekommen. Von vielen Rabbinern und Kommentatoren wird die Olam haSe, diese Welt, nur als Vorstufe oder Weg zur Olam haBa, dem eigentlichen Ziel des Daseins, gesehen. Was wir in dieser Welt an Verdiensten durch gute Taten anhäufen, wartet schon auf uns in der nächsten.

Nach so viel Seelenschmerz kehren wir nun zurück in diese Welt, schließlich wird das Judentum doch so gerne als »Diesseits-Religion« bezeichnet. Mosche Chajm Luzzato schrieb im 18. Jahrhundert, dass der Mensch in dieser Welt und »solange ihm von seinem Schöpfer die Kraft hierzu gewährt ist, die Kraft der Willensfreiheit«, gute Taten vollbringen soll, und alles nach seinen Möglichkeiten tun soll, denn im Grab wird er hierzu keine Gelegenheit mehr haben.

Martin Buber

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