Talmudisches

Das Kind im Brunnen

Nechunia grub entlang der Straße einen Brunnen, damit sich die Fremden auf ihrer Durchreise mit kühlem Wasser erfrischen konnten. Foto: Getty Images

Talmudisches

Das Kind im Brunnen

Wie Nechunias Tochter gerettet wurde

von Noemi Berger  24.07.2018 11:53 Uhr

In den Tagen von Rabbi Chanina ben Dosa lebte ein sehr armer Mann namens Nechunia (Baba Kamma 50a). Trotz seiner Armut war er so fromm, dass er es sich zur Gewohnheit machte, seine mageren Brosamen mit anderen bedürftigen Menschen zu teilen.

Viele Male mieden arme Leute sein Haus, weil sie wussten, dass er ihnen, wenn er sie sah, sein letztes Stück Brot geben und so seiner eigenen Gesundheit schaden würde.

Eines Tages war Nechunia sehr enttäuscht, weil keiner da war, dem er helfen konnte. Er ging und grub entlang der Straße Brunnen, damit sich die Fremden auf ihrer Durchreise mit kühlem Wasser erfrischen konnten.

Dank Die Reisenden segneten den Menschen, der so rücksichtsvoll und aufmerksam war. Doch sie wussten weder, wie er hieß, noch, wo er wohnte – denn Nechunia hob die Brunnen immer nur nachts aus, wenn es niemand sah, um ja keinen Dank oder eine Würdigung entgegennehmen zu müssen.

Einmal ging seine Tochter die Straße entlang, verlor ihren Halt in der Nähe eines großen und tiefen Brunnens und fiel hinein.

Verzweifelt schrie sie um Hilfe, und Passanten wurden auf ihre Notlage aufmerksam. Sie näherten sich vorsichtig dem Brunnen, aber sie sahen, dass er zu tief war, um sie daraus erretten zu können.

»Wie heißt du? Wessen Tochter bist du?«, riefen sie ihr zu. »Ich bin die Tochter von Nechunia, dem Brunnengräber«, antwortete sie. »Bitte helft mir! Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch über Wasser halten kann.«

Die Leute liefen zu Rabbi Chanina ben Dosa und erzählten ihm, was passiert war. »Was sollen wir tun?«, fragten sie. »Wer weiß, wie lange sie es in dem Brunnen noch aushalten wird, denn niemand wagt es hinabzusteigen, er ist sehr tief.«

Gebet Rabbi Chanina beruhigte sie und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich werde beten, und der Ewige, gepriesen sei Er, wird ihr gewiss helfen.«

Die Leute warteten frustriert und wussten nicht, was sie tun sollten. Eine Stunde verging, da trat Rabbi Chanina vor sie und sagte: »Fürchtet euch nicht, ihr braucht keine Angst zu haben, es geht ihr gut.«

Eine weitere Stunde verging, und die Leute waren besorgt. »Bitte, Rabbi«, sagten sie, »was sollen wir tun? Wir wissen nicht, ob sie noch lebt.«

Nach einer weiteren, schier endlosen Stunde verkündete Rabbi Chanina: »Ihr könnt jetzt alle nach Hause gehen – das Mädchen ist gerettet!«

Ein paar Minuten später stürmte eine Menschenmenge in das Zimmer, in dem sich Rabbi Chanina aufhielt, und rief: »Rabbi! Rabbi! Sie ist gerettet!« Begleitet von ihrem Vater wurde das junge Mädchen nach Hause getragen. Als sie sich beruhigt hatte, fragte ihr Vater sie: »Meine Tochter, wer hat dich aus dem Brunnen gerettet?«

Sie antwortete: »Ein älterer Mann erschien. Sein Aussehen war das eines Engels. Er sah mit großem Mitleid auf mich herab und zog mich aus dem tiefen Brunnen nach oben.«

Prophet Die Leute verstanden sofort, dass es ein himmlischer Bote gewesen sein muss, der sie gerettet hatte. Sie wandten sich Rabbi Chanina ben Dosa zu und sagten: »In der Tat, du musst ein Prophet sein, um all das vorherzusehen. Wie sonst hättest du wissen können, dass sie gerettet wird?«

Mit einem Lächeln antwortete Rabbi Chanina: »Ich bin weder ein Prophet noch der Sohn eines Propheten – aber ich weiß, dass dem Kind eines gerechten Mannes kein Leid geschehen kann an dem Ort, den er für seine Mitmenschen und für G’tt geschaffen hat.«

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