Interview

»Das ist Auslegungssache«

Rabbiner Jonah Sievers: »Gemeinden haben das Recht zu bestimmen, wer auf ihrem Friedhof liegt.« Foto: Marco Limberg

Interview

»Das ist Auslegungssache«

Rabbiner Jonah Sievers über die Beisetzung jüdischer und nichtjüdischer Ehepartner

von Detlef David Kauschke  22.06.2010 07:35 Uhr

Rabbiner Sievers, die konservative Rabbinervereinigung der USA hat entschieden, dass auf jüdischen Friedhöfen nichtjüdische Familienmitglieder beigesetzt werden können. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Sie entspricht der bisherigen Praxis und der traditionellen Auslegung der Halacha. Die besagt, dass nichtjüdische und jüdische Ehepartner auf einem Friedhof beigesetzt werden können, mit einem Abstand von vier Amot, etwa zwei Metern, um das Grab herum.

Es gibt Meinungen, nach denen es in Tora und Talmud überhaupt kein Verbot einer »gemischten Beisetzung« gibt. Was denken Sie?
Das ist Auslegungssache, darüber wird schon lange und heftig gestritten. Ich befürworte es, dass man einen halachischen Weg findet, nichtjüdische Ehepartner auf einem jüdischen Friedhof beizusetzen.

Wie wird damit hier in Deutschland verfahren?
Das ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. In manchen gibt es ein gemischtes Feld in einer getrennten Sektion. Andere Gemeinden haben auf ihrem Friedhof ein gesondertes Feld nur für nichtjüdische Ehepartner. Und in manchen gibt es überhaupt keine gemeinsame Bestattung.

Wie ist es bei Ihnen in der Braunschweiger Gemeinde?
Wir beerdigen jüdische und nichtjüdische Ehepartner auf unserem Friedhof. Das ist nichts Neues, es ist ein Brauch, den wir übernommen haben. So war es hier in Braunschweig schon seit der Neugründung der Gemeinde nach der Schoa. Voraussetzung ist, dass ein Ehepartner der Halacha entsprechend jüdisch und Mitglied unserer Gemeinde war. Wir beerdigen keine Menschen, die nur einen jüdischen Vater hatten und damit auch keine Mitglieder unserer Gemeinde sein konnten.

Wäre eine einheitliche Regelung wünschenswert ?
Gemeinden verstehen sich unterschiedlich. Sie haben das Recht zu bestimmen, wer auf ihrem Friedhof liegt. So wie die einen Urnenbeisetzungen erlauben, die anderen nicht. Es ist bekannt, damit kann man umgehen. Wenn die Gemeinde eine bestimmte Praxis nicht will, muss man das akzeptieren.

Mit dem Landesrabbiner von Niedersachsen sprach Detlef David Kauschke.

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert