Mizwa

Das halb volle Glas

Positiv denken: Bloß gut, dass das Wasser nur bis zum Hals steht. Foto: Stephan Pramme

Der Wochenabschnitt Ki Teze bietet uns einen einzigartigen Einblick in die Mizwa der Hakarat Hatov. Es handelt sich um die Norm, das Gute zu erkennen, zu schätzen und dafür dankbar zu sein. Das ist kein bemerkenswerter Charakterzug, sondern die Pflicht eines jeden Menschen.

In unserem Wochenabschnitt wird eine Reihe von Gesetzen erläutert, die den Giur, die Konversion zum Judentum, regeln. Die Tora gibt klare Richtlinien, wer dem jüdischen Volk beitreten kann und wer nicht. Übergetretenen Ägyptern und Edomitern erlaubt die Tora beispielsweise erst in der dritten Generation, einen Juden zu heiraten. Mit Ammonitern und Moabitern verhält es sich anders: »Es soll kein Ammoniter und Moabiter in die Gemeinde des Ewigen kommen. Auch das zehnte Geschlecht soll ihnen nicht kommen in die Gemeinde des Ewigen bis auf ewig« (5. Buch Moses 23,4).

Warum ist das so? Welche schreckliche Tat haben sie begangen, dass ein Teil ihrer »geistigen DNA« für immer befleckt wurde und von Generation zu Generation weitervererbt wird? Die Antwort lesen wir im folgenden Vers: »Deshalb, dass sie euch nicht zuvorgekommen sind mit Brot und Wasser auf dem Weg bei eurem Auszug aus Ägypten, und dass er gegen dich Bilam … angeheuert hat, um dich zu verfluchen« (23,5).

MAngel Zwei Begründungen werden genannt dafür, warum sie nicht in die jüdische Gemeinde aufgenommen werden können. Dass die Moabiter hinterhältig einen Zauberer anheuerten, der die Hebräer verfluchen sollte, ist ein nachvollziehbarer Grund für eine derart harte Einschränkung. Doch erstaunlicherweise scheint der Vers das Vergehen der Ammoniter, die den Israeliten weder Brot noch Wasser anboten, dem abscheulichen Verbrechen der Moabiter gleichzusetzen. Die Ammoniter werden im Vers sogar zuerst erwähnt. Es scheint so, dass die Tora ihr Fehlverhalten, das »nur« im Fehlen von Freundlichkeit, einem Mangel an Chesed, bestand, als das schwerwiegendere der beiden ansieht.

Rabbiner Yosef Tzvi Salant schreibt in seinem Buch Be’er Yosef, dass der oben erwähnte Vers sehr interessant erklärt, warum die Einschränkung für Ammoniter und Moabiter viel größer ist als für die Ägypter. In seinem Kommentar über die Ägypter (23,8) schreibt Raschi: »Und obwohl sie alle männlichen Säuglinge in den Fluss warfen, haben sie dich in der Zeit der Not aufgenommen.« Neben all den Verbrechen und Schandtaten, die die Ägypter während der Zeit der Versklavung begangen haben, nahmen sie vorher Jakov und seine große Familie auf und versorgten sie während der sieben Jahre der Hungersnot. Weil sie große Güte gegenüber den Juden gezeigt haben, können Ägypter in der dritten Generation in die Gemeinde aufgenommen werden.

Daraus können wir das Ausmaß der Bestrafung von Ammon und Moav verstehen. Hätten sie gegenüber den Juden wenigstens etwas Freundlichkeit gezeigt, wäre sogar die Tatsache, dass sie Bilam angeheuert haben, um die Juden zu verfluchen und zu vernichten, negiert oder zumindest in gewisser Weise ausgeglichen worden.

Der Vers sagt uns, dass durch das Vorenthalten einer anständigen Begrüßung die volle Wucht der Bestrafung für das Anheuern von Bilam auf Ammon und Moav herabstürzte, sodass sie und ihre Nachkommen für die Ewigkeit aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurden. Eine derart schwere Strafe für die Verweigerung von Freundlichkeit? Was ist das Geheimnis von Freundlichkeit, die die Tora so sehr schätzt? Und warum blieben Ammon und Moav sie den Juden schuldig?

Verdienste Ramban erklärt, das Fehlverhalten der Ammoniter lag darin, dass sie dem Volk Israel gegenüber keine Hakarat Hatov, keine Dankbarkeit, zeigten. Sie waren die indirekten Empfänger des Chesed, der Güte Avrahams. Der hatte seinen Neffen Lot aus Haran mitgenommen, obwohl er von G’tt keinen direkten Befehl dafür bekam. Es war Avraham, der Lot aus der Gefangenschaft der Könige befreite, und es waren auch nur die Verdienste Avrahams, die Lot und seine Töchter – die Eltern der Völker Ammon und Moav – vor der Zerstörung der Stadt Sodom retteten. Als Folge hatten die Ammoniter und Moabiter eine grundlegende Verpflichtung, dem jüdischen Volk dankbar zu sein.

Dieser Kommentar bietet uns weitere Einblicke in das Konzept der Hakarat Hatov. Erstens gilt es für die ganze Menschheit, auch für Nichtjuden. Zweitens liegt die Verpflichtung von Hakarat Hatov nicht nur auf denjenigen, die sie direkt empfangen, sondern auch auf ihren Nachkommen, die nur indirekte Empfänger von Avrahams Freundlichkeit waren. Ebenso gilt die Verpflichtung nicht nur gegenüber dem eigentlichen Wohltäter, dem ursprünglichen Helfer, sondern auch gegenüber seinen Nachkommen, in unserem Fall den einzelnen Juden in der Wüste, die selbst nie etwas für die Ammoniter getan haben.

Drittens besteht die Verpflichtung des Empfängers, für das empfangene Gute Hakarat Hatov zu zeigen, ganz unabhängig davon, ob es seitens des Wohltäters Bedarf gibt. Der Midrasch weist klar darauf hin, dass die Juden von den Ammonitern kein Wasser und Brot gebraucht hätten, da sie ständig mit Manna vom Himmel versorgt wurden und Wasser aus dem wundersamen Brunnen von Miriam erhielten. Doch befreit das die Ammoniter in keiner Weise von ihrer Verpflichtung der Gastfreundschaft.

Güte Es gibt eine berühmte Geschichte über Rav Shach, die die Bedeutung von wahrer Hakarat Hatov in unserem Leben zeigt. Als Rav Shach schon ein alter Mann war, starb eine ältere Frau. Als er davon erfuhr, wollte er zu ihrem Begräbnis gehen. Es war ein kalter, regnerischer Wintertag. Seine Schüler versuchten, ihn davon zu überzeugen, nicht hinzugehen, aber Rav Shach bestand darauf.

Als er gefragt wurde, warum, erzählte er Folgendes: Als er jung war, studierte er an einem Ort, an dem er keine Verwandten, keine Familie und kein Geld hatte. Er hatte Löcher in den Socken, und im Winter war es sehr kalt. Diese besondere Frau, die nun gestorben war, hörte von dem jungen Gelehrten mit Löchern in den Socken und bot an, sie zu stopfen und ihm eine warme Unterkunft zu bieten.

Als der Rav und seine Schüler am Friedhof ankamen, war es noch kälter geworden, und es regnete in Strömen. Menschen boten Rav Shach immer wieder an, sich unter ihre Regenschirme zu stellen oder sich ins Auto zu setzen, er aber lehnte stets ab. Er stand draußen im eiskalten Regen bis zum Ende der Beerdigung. Besorgt um seine Gesundheit, baten ihn die Schüler wiederholt, ihnen zu erklären, warum er das tat. Rav Shach sagte, dass er in dieser scheinbar unvernünftigen Weise gehandelt hat, um sich an die Ereignisse und die trüben Gefühle zu erinnern, die er hatte, als ihm in seiner Jugend kalt war. So konnte er für die Güte, die ihm vor so vielen Jahren erwiesen wurde, in seinem Herzen besser danken.

Jeder von uns hat gelegentlich das Gefühl, jemand habe sich bei uns für etwas nicht oder nicht genug bedankt. Manchmal regen wir uns darüber auf oder sind furchtbar enttäuscht. Manchmal sprechen wir auch diejenigen an, die kein Hakarat Hatov zeigen. Aber diese Menschen verstehen offenbar kaum, wovon wir sprechen. Sie halten Zuvorkommenheit, Güte, Anteilnahme für etwas Selbstverständliches. Das sind Eigenschaften von Ammon und Moav. Was wir dagegen tun können, ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, für Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die uns entgegengebracht werden, zu danken. Von ganzem Herzen und mit Freude.

Der Autor ist Rabbinatsstudent an der Jeschiwa »Beis Zion« in Berlin.


Inhalt

Im Wochenabschnitt Ki Teze werden Verordnungen wiederholt, die vor allem die Familie, Tiere und Besitz betreffen. Dann folgen Verordnungen zum Zusammenleben in einer Gesellschaft, wie etwa Gesetze zu verbotenen sexuellen Beziehungen, das Verhalten gegenüber Nicht‐Israeliten, Schwüre oder auch die Ehescheidung. Es schließen sich Details zu Darlehen sowie dem korrekten Umgang mit Maßen und Gewichten an. Die Parascha endet mit dem Gebot, nicht zu vergessen, was Amalek den Israeliten angetan hat, als er sie in der Wüste angriff.
5. Buch Moses 21,10 – 25,19

Dekalog

Das zehnte Gebot

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Nasso

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Talmudisches

Im Mutterleib

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