Elie Wiesel

Das eigene Licht finden

Elie Wiesel 1987 in Washington bei einer Demonstration für die Ausreise von Juden aus der Sowjetunion Foto: dpa

Elie Wiesel

Das eigene Licht finden

Wie seine Leidenschaft für das Judentum mein Leben veränderte. Ein persönlicher Nachruf

von Yvette Alt Miller  04.07.2016 17:52 Uhr

Elie Wiesel, der jetzt im Alter von 87 Jahren gestorben ist, war Nobelpreisträger und eine überragende Persönlichkeit. In seinem Buch Nacht zeichnete er seine schrecklichen Erfahrungen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald auf. Es hat Bestand als eines der gewaltigsten Zeugnisse des Holocaust weltweit. Elie Wiesel war einer der wenigen, die das Bewusstsein der Menschen über die Realität des Holocaust prägten. Doch für mich als Heranwachsende verkörperte er nichts Geringeres als das Judentum an sich.

Als ich ein Kind war, nahm meine Mutter mich jedes Jahr mit, wenn er in unserer Synagoge in Chicago sprach. Elie Wiesel war mit unserem Rabbiner befreundet, und er nahm sich trotz seines vollen Zeitplans jedes Jahr Zeit, einen Vortrag in unserer Gemeinde zu halten.

Diese Vorträge – wie auch die Bücher, die er schrieb – machten das Judentum für mich zu einer spannenden Sache. Wiesel, der 1928 in Rumänien geboren worden war, wuchs durchdrungen von Geschichten auf, die ihm sein Großvater Feig erzählt hatte – ein Mitglied der Viznitzer Chassidim. Einige dieser Geschichten gab Elie Wiesel an uns weiter.

Märchen Er ließ uns teilhaben an Märchen, aufgeladen mit Symbolik und Bedeutung, von armen Hausierern, die nach Reichtümern suchten, und von gewöhnlichen Menschen, die sich nach Heiligkeit und dem Göttlichen sehnten. Märchen von Menschen, deren Leben dem Lernen gewidmet war und deren gute Taten es möglich machten, dass die Welt Kurs hielt.

Ich war begeistert. Niemals zuvor hatte ich Geschichten wie diese gehört. In den Welten, die Elie Wiesel beschrieb, schien ein Sehnen nach Bedeutung und Spiritualität die Norm zu sein. Elie Wiesels eigenes Leben verkörperte die Erwartung, dass es natürlich ist, das Leben ernst zu nehmen, und dass wir die Pflicht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

In einem Gespräch mit der New York Times 1981 erklärte Elie Wiesel, dass er als Holocaust-Überlebender ein sehr leidenschaftliches Gefühl für diese Pflicht verspürt: »Wenn ich überlebt habe, muss das einen Grund gehabt haben. Ich muss mit meinem Leben etwas anfangen. Die Sache ist zu ernst, um damit zu spielen, denn an meiner Stelle hätte ein anderer gerettet werden können. Und so spreche ich im Namen dieses anderen Menschen, obwohl ich andererseits weiß, dass ich das nicht kann.«

Wiesel kämpfte gegen die Selbstgefälligkeit und Gleichgültigkeit des Menschen. »Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit«, sagte er oft. Er lebte mit der Mission, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Bei der Verleihung des Nobelpreises 1986 sagte er: »Ich habe versucht, die Erinnerung wachzuhalten. Ich habe versucht, gegen diejenigen zu kämpfen, die vergessen wollten. Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, dann sind wir Komplizen.«

Chicago Jedes Jahr, wenn ich Elie Wiesel bei seinem Vortrag in der Chicagoer Synagoge anstarrte, war er für mich das Bindeglied zu etwas Kostbarem, das beinahe verlorengegangen war: einer Tradition und Weisheit, die in der Welt, die ich kannte, vollkommen fehlte. Er sprach mit Leidenschaft über den Holocaust, über die Suche nach Bedeutung im Leben, über die moralischen Fragen des Alltags.

Damals war die schwierige Situation der Juden in der Sowjetunion ein ständiges Thema in den Nachrichten. »Was mich am meisten quält, sind nicht die schweigenden Juden, die ich in Russland getroffen habe«, sagte Elie Wiesel, »sondern das Schweigen der Juden, unter denen ich heute lebe.«

Elie Wiesel forderte uns heraus, bessere Menschen zu werden und mehr zu tun. Eine der Geschichten, die ich von ihm gehört habe, ist mir bis zum heutigen Tag im Gedächtnis geblieben. Es ging um einen Mann, der immer die Laterne seines Nachbarn borgte, weil er keine eigene Lampe hatte. Schließlich erkannte er, dass er, wenn er reisen wollte, wohin er möchte, seine eigene Lampe bauen musste.

Ich kann dem beredten Stil, in dem Elie Wiesel diese wunderschöne Fabel erzählte, nicht gerecht werden, aber ich erinnere mich an die Gänsehaut, die mir den Rücken hinunterlief, als er erklärte, dass jeder von uns sein eigenes Licht erwerben muss, sein eigenes Wissen, das ihn auf seine eigenen einzigartigen Pfade führt.

In dieser Nacht beschloss ich, mein eigenes Licht zu finden. Mein Durst nach jüdischem Wissen wurde von den Erzählungen Elie Wiesels gespeist. Ich besuchte Unterrichtseinheiten zu jüdischen Themen im College, las jüdische Bücher und reiste schließlich zum Studium nach Israel, im Bewusstsein, dass Wissen ein Weg ist, das eigene Licht zu entzünden.

Dank Einige Jahrzehnte später wurde mir bewusst, dass ich Elie Wiesel persönlich dafür danken wollte, dass er mein Leben verändert hatte. Ich stellte fest, dass er mittlerweile einer Fakultät an der Universität Boston angehörte. Ich rief dort an und fragte nach seinem Büro. »Ja?«, antwortete eine freundliche Frau, seine Privatsekretärin. Elie Wiesel war bereits gebrechlich und konnte nicht selbst ans Telefon gehen. Aber sie sagte, sie würde ihm gern meine Nachricht ausrichten.

Ich schüttete mein Herz aus. Ich sagte ihr, wie wichtig Elie Wiesel für mich gewesen war, wie seine Bücher mich begleitet haben und wie sehr er mein Leben beeinflusst hatte. Sie hörte mir geduldig zu. »Ich bin sicher, dass Prominente ihm das die ganze Zeit sagen«, erklärte ich, »aber bitte richten Sie ihm aus, dass seine Worte für einen ganz gewöhnlichen Menschen einen großen Unterschied im Leben gemacht haben.« Die Sekretärin sagte, und ihre Stimme klang sehr emotional: »Ich werde es ihm ausrichten. Er wird so glücklich sein.«

Elie Wiesel hat Millionen Menschen durch sein langes und aktives Leben verändert. Ich bin so dankbar dafür, dass ich die Chance hatte, diesem außerordentlichen Menschen zu begegnen und dass er mein Leben verändert hat. Lasst uns Elie Wiesels Andenken und die Werte hochhalten, die ihm so wichtig waren: die Leidenschaft für jüdisches Lernen, die Erinnerung an den Holocaust und den Kampf gegen das Böse.

Die Autorin hat Internationale Beziehungen studiert und lebt mit ihrer Familie in Chicago. Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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