Zweifel

Das atheistische Gen

Unfromme Werbung: Mit einem gemieteten Doppeldecker fuhr die »buskampagne.de« im vergangenen Jahr durch deutsche Städte. Foto: dpa

Zweifel

Das atheistische Gen

Warum so viele Juden nicht an Gott glauben wollen – oder können

von Rabbiner Levi Brackman  14.01.2010 00:00 Uhr

An der Tatsache, dass eine unverhältnismäßig große Anzahl von säkularen Juden sich selbst als Atheisten oder Agnostiker be-
zeichnet, lässt sich nicht rütteln. Der gefeierte Autor und Atheist Christopher Hitchens behauptet, der Grund dafür läge darin, dass Juden ein atheistisches Gen besäßen. Eine sehr interessante und womöglich auch rassistische Schlussfolgerung, die ich aus ganzem Herzen ablehne. Sie lässt mich aber auch auf den Gedanken kommen, dass Hitchens, der Atheist jüdischer Herkunft, und viele der großen jüdischen The-isten vieles gemein haben.

Tradition Nun lässt es sich nicht leugnen, und Hitchens stimmt damit durchaus überein, dass Juden immer tief schürfende analytische Denker waren. Um dies zu erkennen, braucht man nur den Talmud zu studieren. Die Gattung der rabbinischen Literatur als solche ist voller Fragestellungen, Argumente und intellektuellem Suchen. Tausende Jahre wurde den Juden gelehrt, Fragen zu stellen und tiefer einzudringen, um der jeder Diskussion inhärenten Wahrheit auf den Grund zu kommen. Diese Tradition lebt fort in der jüdischen Gemeinschaft, obwohl viele Juden die klassischen jüdischen Texte längst nicht mehr so intensiv studieren wie früher.

Man könnte argumentieren, die gesamte Literatur der jüdischen Mystik, der Kabbala, gründe auf einer einzigen existenziellen Frage: wie jene berühmte Textstelle in der Bibel zu deuten sei, die lautet: »Höre, Israel! Der Ewige unser Gott ist einiges ewiges Wesen« (5. Buch Moses 6,4). Die jüdischen Mystiker wollten verstehen, was die Bibel sagen will, wenn da steht: Gott ist einzig. Wie es sein kann, dass ein einziger Gott ein so fragmentiertes Universum schaffen konnte. Wieso ein Gott sich darum sorgt, was die Menschen machen (oder nicht machen), ist eine der zentralen Fragen, die jüdische Mystiker stellten.

skeptiker Auch Atheisten beschäftigen sich mit diesen Fragen. Man kann sagen, die meisten jüdischen Metaphysiker seien in erster Linie Skeptiker gewesen. Sie zweifelten an einem allzu simplen Verständnis der Bibel. Doch ihre Beweggründe, diese existenziellen Fragen zu stellen, waren an-dere als die der Atheisten. Für den Mystiker führt das geistige Nachforschen zu einem vertieften Bewusstsein und einem tieferen Verständnis der Wahrheit, die den Worten der Bibel innewohnt. Im Gegensatz dazu stellt der Atheist Fragen, um sie zu widerlegen. Die grundlegende Suche nach der Wahrheit ist jedoch die gleiche.

Meiner Meinung nach werden viele säkulare Juden zu Atheisten, nicht weil sie ein atheistisches Gen haben, sondern weil es ihnen an jüdischem Wissen mangelt. Für die meisten zeitgenössischen Juden – wenn sie überhaupt eine jüdische Erziehung genießen – endet jegliche formelle jüdische Unterweisung im Alter von 13 Jahren. Die Synagogen machen es zur Bedingung, dass zumindest zeitweise eine religiöse Schule besucht wird, um die Bar- oder Batmizwa in der Synagoge feiern zu können. Danach aber endet für die meisten jungen Juden auch die religiöse Erziehung, jegliches Hinführen an die jüdische Religion.

Aus diesem Grund haben die meisten säkularen jüdischen Erwachsenen von der Wahrnehmung Gottes im Judentum im günstigsten Fall das Verständnis eines 13-Jährigen. Bedenkt man diese klitzekleine Menge an jüdischer Erziehung, nimmt es nicht wunder, dass säkulare Juden zum Atheismus neigen. Niemand kann von einem naturgemäß skeptischen Erwachsenen erwarten, an eine solche adoleszente Vorstellung von Gott zu glauben. Der Gott, an den ich im Alter von 13 glaubte, hat in der Tat wenig Ähnlichkeit mit dem Gott, an den ich heute, nach vielen Jahren des Studiums, glaube.

Glaube Gewiss ist ein monotheistischer Glaube nicht allein abhängig von einem gründlichen Wissen der jüdischen metaphysischen Lehren. Doch ein fortgeschrittenes Verständnis des einzigartigen jüdischen Gottesbegriffs ist notwendig, damit der Glaube der genauen Prüfung eines analytischen und fragenden Geistes standhält. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es den meisten Juden – insbesondere jenen, die sich selbst als Atheisten begreifen – an einem solchen Wissen mangelt und dass der Gott, von dem sie sagen, sie glaubten nicht an ihn, der gleiche ist, an den auch ich nicht glaube. Es ist schwierig, die Behauptung, jemand sei Atheist, ernst zu nehmen, wenn man weiß, dass derjenige, der die Behauptung aufstellt, die umfassende Literatur zur jüdischen Metaphysik nicht kennt.

Daher scheint der wahre Grund für die überwältigende jüdische Neigung zum Atheismus eine tragische Unkenntnis der grundlegenden Lehren und Ideen des Judentums und das daraus resultierende kindische Verständnis des jüdischen Begriffs eines monotheistischen Gottes zu sein. Der Gedanke, die Juden trügen ein »atheistisches Gen« in sich, ist eine falsche Schlussfolgerung mit wenig Beweiskraft. Die Beweisgrundlage zu ignorieren und stattdessen an ein unbewiesenes und nicht verifizierbares »atheistisches Gen« zu glauben, hört sich für mich genauso an wie eins jener Glaubenssysteme, die Hitchens und seinesgleichen an der Religion selbst kritisieren. Reichlich paradox.

Anschauung Die Wesensverwandtschaft zwischen den Anschauungen von Hitchens und denen der Religion geht aber noch weiter. Die Ansicht, Juden verfügten über ein atheistisches Gen, stimmt sinngemäß mit der später von zahlreichen Kabbalisten übernommenen Behauptung des jüdischen Philosophen Judah Halevi (1075-1141) überein, Juden hätten eine angeborene einzigartige Verbindung zu Gott (Kuzari 1,47). Viele progressive Juden halten diesen Gedanken für rassistisch. Ich bin da anderer Ansicht. Der Gedanke hingegen, es gebe ein jüdisches »atheistisches Gen«, hat beträchtliche rassistische Untertöne.

Faszinierenderweise sagen Hitchens und Judah Halevi im Grunde das Gleiche: Juden besitzen eine einzigartige und angeborene Eigenschaft, die ihnen potenziell einen Vorteil gegenüber anderen Menschen verschafft. Für Judah Halevi besteht dieser Vorteil in einer angeborenen Verbindung zu Gott. Für Hitchens in einem angeborenen atheistischen Gen, das es ihnen erlaube, zu dem zu gelangen, was Atheisten für die Wahrheit über die Religion halten.

Paradoxerweise scheint es, dass Atheisten wie Hitchens und traditionelle Theisten wie Judah Halevi und die Kabbalisten mehr gemein haben, als man üblicherweise annimmt. Vielleicht ist es gar nicht so paradox. Der Atheismus wurde oft beschuldigt, nichts anderes als eine Religion zu sei. Wenn das stimmt, ist Hitchens einer ihrer führenden Philosophen, der die gleiche Rolle einnimmt, wie sie Judah Halevi im Judentum spielte.

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026