Talmudisches

Dama ben Netina und die Rote Kuh

Belohnung: Dama ben Netina erhielt 600.000 Golddinare, weil er seinen Vater schlafen ließ. Foto: Thinkstock

Am vergangenen Schabbat, dem »Schabbat Para«, haben wir von den Gesetzen der Roten Kuh gehört. Eine ganz spezielle Toralesung! Auch im Talmud wird die Rote Kuh mehrfach erwähnt, unter anderem im Traktat Kidduschin (31a). Dort geht es um die Geschichte von Dama ben Netina. Damas Familie verkaufte Edelsteine und andere Schmuckwaren, hatte aber auch eine große Herde von Schafen und Kühen. Sie lebte in Aschkelon.

Doch die Geschichte beginnt in Jerusalem. Dort diente der Hohepriester im Heiligen Tempel, trug dabei stets wunderschöne Festkleider. Auf seiner Brust hing ein goldener Schild, der mit zwölf herrlichen Edelsteinen besetzt war. Für jeden der zwölf Stämme Israels gab es einen Stein, der die Besonderheit eines jeden Stammes symbolisierte. Von allen wurde dieser wunderschöne Schild bewundert, seine Schönheit soll atemberaubend gewesen sein.

Doch eines Tages herrschte große Aufregung: Einer der Steine fehlte, ein Jaspis. Alle Priester und ihre Gehilfen suchten überall im Tempel nach dem Stein, doch er war nirgends zu finden. Also beschlossen die Weisen, einen neuen Jaspis für den Schild zu beschaffen. Weil er jedoch so selten war, fanden sie niemanden in Jerusalem, der ihnen einen solchen Stein verkaufen konnte.

Goldmünzen Eines Tages hörten die Priester von Dama ben Netina, der einen Jaspis anzubieten hätte. Es durfte keine Zeit verloren gehen, keine Summe war für diesen Stein zu hoch. Also nahmen die Priester einen Sack voller Goldmünzen und machten sich sofort auf den Weg.

Dama ben Netina wusste nicht, was ihn erwarten würde. Er war kein Jude, hatte sich nie besonders für den jüdischen Tempel und seine Priester interessiert. Auch hatte er noch nichts vom Hohepriester in Jerusalem gehört, der einen Brustschild mit zwölf Steinen trug. Doch war er ein anständiger Bürger, der stets sein Geschäft ehrlich führte und glücklich und wohlhabend mit seiner Familie lebte.

Als plötzlich Priester des Tempels vor seiner Tür standen, war er sehr überrascht. Er freute sich über den wichtigen Besuch, lud die Gäste ein und fragte, wie er denn helfen könne. Er bat sie, leise zu reden, weil sein Vater im Nebenzimmer schlief und keinesfalls geweckt werden dürfe.

Die Priester erzählten ihm alles über den Tempeldienst und den Hohepriester, seinen Brustschild und den fehlenden Edelstein. Danach ging einer der Priester aus dem Haus und kam mit einem Sack voller Goldmünzen zurück. Die Priester sagten, sie seien bereit, 600.000 Golddinare für den Stein auszugeben. Doch mussten sie sich sehr beeilen, weil es ein Freitag war und sie bis zum Beginn des Schabbats wieder zurück in Jerusalem sein wollten. Also wollten sie sofort zur Sache kommen und keine Zeit für Verhandlungen verlieren.

jaspis Doch Dama ben Netina lehnte das großzügige Angebot der Priester entschuldigend ab. Die Priester boten ihm eine noch höhere Summe, doch lautete die Antwort immer noch »Nein«. Dama ben Netina erklärte, dass es ihm nicht ums Geld gehe. Der Grund, warum er den Stein nicht verkaufen könne, sei vielmehr, dass der Jaspis in einem Schrank mit anderen Edelsteinen verschlossen war. Der Schlüssel des Schrankes befand sich aber unter dem Kissen seines Vaters. Und dessen Schlaf sei ihm so wichtig, dass er ihn um kein Geld der Welt wecken würde. Die Priester konnten jedoch nicht länger warten und kehrten daher mit leeren Händen nach Jerusalem zurück.

Doch nahm die Geschichte trotzdem ein gutes Ende: Denn bald darauf wurde ein anderer Jaspis in Israel gefunden, den die Priester sofort für den Brustschild des Hohepriesters erwarben. Und im nächsten Jahr wurde in Dama ben Netinas Herde eine rote Kuh geboren. Diese »Para Aduma« wurde ebenfalls für den Tempeldienst benötigt – und sie war noch seltener zu finden als ein Jaspis.

Also machten sich die Priester wieder auf den Weg nach Aschkelon, diesmal, um die rote Kuh zu kaufen. Als Dama die Priester sah, lächelte er und sagte, dass er genau wusste, dass sie wiederkommen würden. Die Priester waren bereit, Dama sehr viel Geld für die Kuh zu geben. Er erwiderte, dass er mehr fordern könne, doch für die Kuh nur 600.000 Golddinare haben wolle. Dies sei genau die Summe gewesen, die ihm für die Erfüllung des Gebotes der Ehrung der Eltern (Kibud Aw VaEm) entgangen sei. So erhielt er nun das Geld als Belohnung G’ttes.

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026