Talmudisches

Borgen und zurückzahlen

Wer ein Darlehen nicht zurückzahlt, der schadet sich, denn in Zukunft wird niemand mehr bereit sein, ihm einen Kredit zu gewähren. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Borgen und zurückzahlen

Was unsere Weisen über zinslose Darlehen lehrten

von Yizhak Ahren  20.01.2022 11:49 Uhr

Die Mischna schreibt, dass Rabban Jocha­nan Ben Sakkai an fünf seiner besten Schüler einmal zwei Aufträge richtete: »Geht hin und seht, welches der gute Weg ist, dem sich der Mensch fest und innig anschließen soll« und »Geht hin und seht, welches der schlechte Weg ist, von dem sich der Mensch fernhalten soll« (Sprüche der Väter 2, 13–14). Jeder der fünf Schüler gab eine andere Antwort, und der Lehrer sagte, welche Ansicht ihm am besten gefalle.

Einer der Schüler war Rabbi Schimon Ben Netanel, den sein Lehrer als »sündenscheu« charakterisierte. Er meinte zu der Frage nach dem guten Weg, es sei wichtig, das Werdende vorauszusehen: Der Mensch sollte also stets die Folgen seiner geplanten Handlungen bedenken und sie gegebenenfalls unterlassen. Man könne sich, wenn man diesen Grundsatz beachtet, viel Ärger ersparen.

Zigaretten Israels aschkenasischer Oberrabbiner brachte dazu in einer Predigt ein ganz praktisches Beispiel: Auf jeder Zigarettenpackung wird vor Gesundheitsschäden gewarnt, die das Rauchen verursachen kann. Doch viele Raucher nehmen diese Mitteilung nicht ernst. Wer aber klug ist, wird auch an die Langzeitfolgen denken.

Wenden wir uns nun dem »schlechten Weg« zu, »von dem sich der Mensch fernhalten soll«. Rabbi Schimon verstand darunter: »Wer borgt und später nicht zurückzahlt.« Damit brachte er ein ganz konkretes Beispiel.

Er konnte jetzt nämlich seine Antwort auf die erste Frage nicht einfach ins Gegenteil verkehren – der das Werdende nicht voraussieht –, denn ein solches Verhalten ist nicht in jedem Fall schlecht. Doch wer ein Darlehen nicht zurückzahlt, der schadet sich, denn in Zukunft wird niemand mehr bereit sein, ihm einen Kredit zu gewähren.

LEICHTSINN Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) schreibt in seinem Kommentar zu unserer Mischna: »Der Gegensatz zu dem gedankenvollen Lebensernst, der bei jedem Schritt der Folgen bedacht ist, wird als ›borgen und nicht bezahlen‹, als der gedankenlose Leichtsinn gezeichnet, der nicht bedenkt, welche ungeheure ›Schuld‹ jede Pflichtversäumnis und jede Pflichtwidrigkeit auf uns lade. Alles, was wir von der Welt empfangen, ist uns nur geliehenes Gut, um damit diejenigen Zwecke zu verwirklichen und diejenigen Ziele anzustreben, womit nach dem von Gott geoffenbarten Willen von uns das Heil seiner Welt gefördert und vermehrt werden soll.« Diese Erklärung legt das Borgen, von dem Rabbi Schimon spricht, weit aus.

Die Mischna schreibt, dass Rabbi Schimon erklärte: »Der Einzelne, der von einem Menschen borgt, gleicht demjenigen, der von Gott borgt. Denn es ist gesagt: ›Ein Frevler borgt und bezahlt nicht, der Gerechte aber ist ein Gewährer und Geber‹ (Psalm 37,21).«

Rabbi Schimon betrachtet denjenigen, der von einem anderen Menschen Geld borgt, als hätte er von Gott geborgt. Nach der Lesart von Rabbi Schimon ist »der Gerechte« hier eine Bezeichnung für Gott (vgl. 5. Buch Mose 32,4). Wenn also ein Schuldner sein Darlehen nicht zurückbezahlt, wird Gott den Gläubiger entschädigen und ihm das Geld irgendwie zukommen lassen. So wird der Frevler am Ende in der Schuld des Ewigen stehen.

deutung Mit dieser Deutung hat Rabbi Schimon dem Zusammenleben der jüdischen Gemeinschaft einen großen Dienst erwiesen. Denn die Tora verpflichtet einen Juden, seinem Nächsten mit einem zinslosen Darlehen zu helfen (2. Buch Mose 22,24 und Mechilta zur Stelle).

Dass Rabbi Schimon nun Psalm 37,21 hinzuzieht und auslegt, mag andere, die befürchten, ihr verliehenes Geld nicht wiederzubekommen, dazu bewegen, die Mizwa doch zu erfüllen. Sie können sicher sein: Sie werden ihr Geld zurückbekommen.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026