Schabbat

Bösewichte erkennen

Lawan präsentierte sich als gastfreundlich – doch in Wirklichkeit hatte er es nur auf die Karawane mit ihren wertvollen und seltenen Kamelen abgesehen, Foto: Flash 90

In der Pessach‐Haggada gibt es eine sehr bekannte Stelle, die uns zeigt, wie sehr wir auf die mündliche Lehre angewiesen sind, um die schriftliche Lehre richtig verstehen zu können: »Geh hin und lerne, was Lawan, der Aramäer, geplant hat, unserem Vater Jakow anzutun. Denn Pharao hatte nur verhängt, die männlichen Kinder zu töten, aber Lawan hatte geplant, alle auszurotten, denn es heißt: ›Der Aramäer wollte meinen Vater vernichten‹« (5. Buch Mose 27,5).

Auch der Kommentator Raschi interpretierte diese bekannte Stelle in der Tora vom »Arami Owed Awi« (wörtlich übersetzt: »Ein umherirrender Aramäer war mein Vater«) im selben Sinn wie der Verfasser der Pessach‐Haggada.

Ohne die Kenntnis dieser Interpretation wäre es sehr leicht, sämtliche Dialoge aus unserem Wochenabschnitt und vor allem Lawans Verhalten total misszuverstehen. Denn auf den ersten Blick wirkt Lawan wie ein guter Mensch: Er bringt seinem Besucher Elieser, der in der Parascha als Jizchaks »Agent« fungiert und sich auf dessen Geheiß in ein fernes östliches Land begibt, herzlichste Gastfreundschaft entgegen.

Lawan läuft auf den Gast zu, lädt ihn sofort zu sich nach Hause ein, stellt Räume zur Verfügung und verpflegt die ganze Karawane des Fremden. Lawan präsentiert sich auch als sehr fromm – so erkennt er die g’ttliche Hand, die Elieser von Jizchak direkt zum Haus Lawans geführt hat.

reichtümer Doch die mündliche Überlieferung klärt uns über die notwendigen Details auf, ohne die das Charakterbild von Lawan nicht nur unvollständig, sondern völlig falsch wäre. Lawans gastgeberischer Eifer lässt sich nämlich sehr einfach mit den Reichtümern der Karawane erklären: Die Ladung dieses Wüstenzugs besteht aus Gold und Juwelen. Hinzu kommen wertvolle und seltene Kamele.

Eliesers Herr, Awraham, hat seinen Sklaven Elieser geschickt, um eine würdige Braut für seinen Sohn Jizchak zu finden. Die Schätze der Karawane waren somit für die Familie der künftigen Frau bestimmt, um im Falle einer glücklichen Verlobung etwas im Namen der Bräutigams anbieten zu können und dessen Reichtümer nachzuweisen.

Aus dem Toratext allein, ohne die mündliche Überlieferung hinzuzuziehen, wäre nicht ersichtlich, was Lawans böser Plan sein sollte. Doch die Haggada nannte ihn einen größeren Bösewicht als den Pharao – den Initiator der Sklaverei und des Massenmords an den Juden in Ägypten.

Bekanntlich stellen die Beweggründe für die Handlungen biblischer Charaktere eine Herausforderung dar: Sollte man sie unter Berücksichtigung der geltenden talmudischen Halacha analysieren? Der Talmud (Eruvin 28b) sagt eindeutig, dass Awraham die ganze Tora gehalten hat, als ob sie schon gegeben worden wäre, inklusive sämtlicher rabbinischer Anweisungen.

Doch einige Stellen der Tora entsprechen scheinbar nicht auch heute noch selbstverständlich geltenden Grundsätzen. Versuchter Mord an Josef und sein Verkauf? Tamars Verhältnis mit Jehuda, wobei sie sich dem zufälligen Passanten zur freien Liebe anbietet? Mord und Menschenhandel sowie uneheliche Beziehungen sind im Judentum verboten! Warum haben sich Juden in der Tora dann so verhalten, und warum sieht es so aus, als ob diese Verbote tatsächlich übertreten worden wären? Was ist da eigentlich passiert? Auch unser Wochenabschnitt wirft solche Fragen auf.

Was wäre so schlimm daran, wenn Elieser wegen Lawans listiger Manipulationen seinen Auftrag nicht mehr erfüllen könnte und Jizchak keine Braut findet? Jizchak besaß sehr viele Reichtümer. Hätte er nicht einen anderen Bevollmächtigten zu derselben oder zu einer anderen Familie schicken können, um eine passende Braut zu finden?

Verlobung Der Gaon von Wilna räumt in diesem Zusammenhang alle Zweifel aus und gibt uns präzise Einblicke in halachische Hintergründe unseres Wochenabschnitts. Im Traktat Gittin (64a) sagt Rabbi Jizchak: »Wenn jemand seinem Agenten sagt: ›Geh hin, finde eine Frau für mich und verlobe mich mit ihr‹, und der Agent stirbt, dann ist es dem Auftraggeber verboten, irgendeine andere Frau auf der Welt zu heiraten, denn jede Frau könnte zu nah mit der ersten Frau verwandt sein.«

Die Tora verbietet dies, denn es ist nicht bekannt, mit welcher Frau der Agent die Verlobung arrangiert hat. Es gilt nämlich die Annahme, dass der Agent seine Mission vor dem Tod des Auftraggebers doch noch erfüllt hat.

Lawans Plan war es, Elieser zu vergiften, um seine Schätze für sich zu behalten. Das sagt uns der Midrasch (siehe auch Baal Haturim 1. Buch Mose 26,29), der die seltsame Schreibweise des Wortes »geben« erklärt, als Elieser das Essen gegeben wird (24,33). Lawan mischt Gift (Hebräisch: »Sam«, daher »vajusam«) in den Teller seines Gastes. Aber nicht Elieser, sondern Lawans Vater Betuel isst davon – und stirbt.

Mit anderen Worten: Der beabsichtigte Tod Eliesers würde dazu führen, dass Jizchak keine Frau heiraten kann, da er keine Möglichkeit hat, zu erfahren, wer bereits eine Braut ist und wo sich diese befindet. Er darf aber auch keine andere Frau heiraten, denn wie sein Vater Awraham hält er ebenfalls alle Toragebote ein.

Somit verstehen wir nun, warum Lawans Tat sogar schlimmer war als die des Pharao. Lawan wollte gar nicht erst zulassen, dass irgendwelche Kinder überhaupt geboren werden, der Pharao hingegen brachte »nur« männliche Kinder um, die schon auf die Welt gekommen waren.

Eine weitere wichtige Bemerkung hierzu: Menschen, deren Unehrlichkeit allen bekannt ist, stellen eine vergleichsweise geringe Gefahr für andere dar, denn man hat Angst vor solchen Menschen und meidet sie. Doch von einem Gauner mit einem guten Namen lernt man, übernimmt seine Verhaltensweisen und ahnt dabei nichts Böses.

Das ist einer der Gründe, warum die Tora so viel über Lawan spricht. Wir müssen über die Existenz solcher Menschen Bescheid wissen, deren Name »weiß« (»lawan« bedeutet »weiß« auf Hebräisch) und deren inneres Wesen schwarz ist.

Das betonen auch die Weisen in der Pessach‐Haggada. Dort heißt es: »Und sie ist’s (die Tora), die beigestanden hat unseren Vätern und uns; denn nicht einer allein ist aufgestanden gegen uns, uns zu vernichten, sondern in allen Generationen stand man gegen uns auf, uns zu vernichten, aber der Heilige, gelobt sei Er, errettete uns aus ihrer Hand. Gehe hin und lerne …«

Feinde Die Weisen sagen uns ferner, dass es in jeder Generation Feinde der Juden gibt, die uns zerstören wollen. Nicht immer können wir sie erkennen, denn manchmal verhalten sie sich auf den ersten Blick wie gute Menschen.

Am Beispiel von Lawan müssen wir lernen, sie zu »identifizieren«. Lawan sah aus wie ein rechtschaffener Mann, der Jakow liebte, aber in Wirklichkeit war er schlimmer als der Pharao.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin und an der Fachhochschule Erfurt.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Chaje Sara beginnt mit Saras Tod und dem Kauf der Grabstätte »Mearat Hamachpela« durch Awraham. Dieser Kauf wird sehr ausführlich geschildert. Später beauftragt Awraham den Knecht Elieser, für seinen Sohn eine passende Frau zu suchen. Er findet in Riwka die richtige Partnerin für Jizchak. Auch Awraham bleibt nicht allein: Er heiratet eine Frau namens Ketura. Schließlich stirbt er und wird in der Höhle begraben, in der auch Sara beigesetzt ist.
1. Buch Mose 23,1 – 25,18

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