Neulich beim Kiddusch

Blicke wie in der Sauna

Süßes Lächeln: »Schalom«, entgegnete er mir selig. Foto: Fotolia

Einmal im Jahr gehe ich am Schabbat nicht in die Synagoge. Und zwar in den Sommerferien. Dieses Jahr war ich in den Schweizer Bergen. Der Ort heißt Lenk und ist bekannt für seine dicken Kühe und prächtigen Bauernhäuser. In der mittelgroßen Ferienanlage trifft man auf Familien aus der ganzen Schweiz, aber auch aus Deutschland und Holland.

Bergflanken Am Freitag bereitete ich mich auf den Schabbat vor. Normalerweise gehe ich am Abend in die Synagoge und schlafe bei Lecha Dodi ein. Hier in den Bergen war alles etwas anders. Ich stand in der Wohnung und betete Richtung Fernseher. Dahinter konnte ich einen wunderschönen Sonnenuntergang betrachten. Das Licht färbte die hohen Bergflanken karmesinrot. Ich fühlte mich als Teil der Schöpfung, und es wurde ganz heiß in mir. Neben dem Fernseher hing ein sehr hübsches Aktbild.

Am nächsten Morgen betete ich wieder. Ich las für mich aus der Tora und war eine Stunde früher fertig als sämtliche Synagogen in Zürich. Fröhlich schlenderte ich aus dem Haus und setzte mich in den Gemeinschaftsraum. Ich pflügte mich durch alle vorhandenen Zeitungen und war glücklich. So glücklich, dass ich hätte grunzen können. Warum ich so happy war, weiß ich nicht. Sicher hat diese Mischung aus Schabbat und Bergluft zu meiner gelösten Stimmung beigetragen.

Im großen Gemeinschaftsraum befanden sich noch andere Menschen. Am Kaffeeautomaten kauften sie Latte macchiato und schlürften ihn zufrieden. Da Schabbat war, konnte ich leider nur Wasser trinken. Irgendwann bemerkte ich den Mann neben mir. Er trug ein gelbes T-Shirt, darauf stand: www.jesus.ch. Er registrierte meinen Blick und begann, mich anzulächeln, als würden wir beide in der Sauna nebeneinander sitzen. »Grüezi«, sagte ich. »Schalom«, entgegnete er mir selig. Ja, du mich auch, dachte ich und versenkte meinen Kopf in die Zeitung.

Jesus.ch stierte mich indes weiter an. Er räusperte sich. Mist, was will er nur von mir? Er heiße übrigens Thomas! Thomas streckte mir seine Hand entgegen. Ob er mich etwas ganz Intimes fragen darf, wollte Thomas wissen. Ich seufzte. »Sie sind ein Hebräer?« Ja, ich glaube, so kann man das auch sagen. »Wissen Sie, ich war schon zehnmal im Heiligen Land. Dreimal in Bethlehem und fünfmal in Jerusalem. Ani medaber kezat Iwrit – ich spreche ein bisschen Hebräisch!« Ich antwortete: »Mmh.« Und dann schaute ich das erste Mal auf die Uhr. Ich war in einem kleinen Dilemma. Wenn ich bereits jetzt in die Wohnung zurückkehre, muss ich meiner Frau beim Kochen helfen oder die Kinder beaufsichtigen. Wenn ich allerdings hier unten sitzen bleibe, wird mich Thomas nicht loslassen und eine Dia-Show ohne Bilder von seinen Erlebnissen vortragen.

Mitleid Ich guckte ihn nochmals an und hatte plötzlich Mitleid mit dem Jesus-Werbebanner. Thomas schwitzte leicht. So heftig hat es ihn durchgerüttelt, hier oben auf einen Juden beziehungsweise Hebräer zu treffen. Stolz zog er eine kleine Taschenbibel aus seiner Hosentasche. »Lese ich jeden Tag«, sagte er. Dann zückte er sein Portemonnaie und legte eine israelische Münze, ein kabbalistisches Gebet und einen gelben Stein auf den Tisch. »Den habe ich von der Klagemauer gelöst. Er schützt mich vor allen Gefahren!«

Thomas redete und redete. Irgendwann kamen auch seine drei Kinder zu uns an den Tisch: Rebbeka, Isaak und Nehemias. »Kinder, dieser Mann ist Hebräer! Was sagt man in solchen Situationen?« – »Schalom!«, schrien die Kinder. Die anderen Menschen schauten zu uns herüber.

Ich sah auf die Uhr und war unendlich froh, meinen neuen Freunden Schalom zu sagen. Nächstes Jahr, schwor ich mir, werde ich in der Feriensiedlung keine Kippa mehr tragen.

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026

Bein Hametzarim

Die verborgene Struktur der drei Wochen

Warum die Zeit der größten Trauer zugleich auf die endgültige Erlösung verweist

von Valentin Lutset  17.07.2026

Tradition

»Frauen waren schon immer weise«

Seit vier Jahren leitet Rabbanit Yemima Mizrachi Seminare für die Frauen von europäischen Rabbinern. Und definiert damit die Rolle der Rebbetzin neu

von Mascha Malburg  16.07.2026

Streit

Welche liberalen Konversionen werden in Israel anerkannt?

Die Union progressiver Juden behauptet, künftig würden nur Giurim ihres Rabbinatsgericht für die Alija anerkannt. Nun stellt der Zentralrat dies mit Verweis auf die Jewish Agency richtig

 15.07.2026 Aktualisiert

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026

Perspektive

»Viele Juden haben das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen«

Rabbiner Ammiel Hirsch gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Reformjudentums in den USA. Ein Gespräch über Zionismus, Proteste vor Synagogen und den Bruch mit liberalen Milieus

von Alexandra Farkas Bandl  10.07.2026

Talmudisches

Der Garten Eden

Was unsere Weisen über das Paradies lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  09.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026