Mattot–Mass’ej

Bitten und danken

Die Tora lehrt, dass das Gebet Ausdruck tiefsten menschlichen Willens ist

von Vyacheslav Dobrovych  16.07.2020 11:43 Uhr

Die Weisen lehren, dass G’tt früher oder später jedes Gebet beantworten wird. Foto: Getty Images

Die Tora lehrt, dass das Gebet Ausdruck tiefsten menschlichen Willens ist

von Vyacheslav Dobrovych  16.07.2020 11:43 Uhr

An diesem Schabbat werden die beiden Wochenabschnitte Mattot und Mass’ej gelesen. Sie schließen das 4. Buch Mose ab, das Buch Bamidbar.
Im Wochenabschnitt Mass’ej beschreibt Mosche dem Volk die Grenzen des Landes Israel, obwohl er selbst das Land nicht betreten darf. Es gibt verschiedene Meinungen darüber, warum der Ewige es ihm verwehrt. Die gängigste Antwort ist, dass er dafür bestraft wurde, G’ttes Auftrag nicht genau erfüllt zu haben.

Denn als die Israeliten während der Wüstenwanderung durstig wurden, hatte G’tt ihnen befohlen, zu einem bestimmten Stein zu sprechen, damit dieser Wasser gebe. Doch Mosche ärgerte sich über das rebellierende Volk und schlug mit seinem Stock auf den Stein.

Für einen Mann wie Mosche hatte selbst das kleinste Vergehen gegen G’tt Folgen. G’tt informierte ihn daraufhin, dass er das Land Israel nicht betreten darf (4. Buch Mose 20).

In einer späteren Episode betet Mosche zu G’tt, dass Er Seine Meinung bezüglich des Einzugs nach Israel ändern möge.

G’ttes Antwort ist faszinierend. Er antwortet: »Lass es genug sein! Rede Mir nicht mehr davon!« (5. Buch Mose 5,27). G’tt bittet Mosche, die Gebete einzustellen. Einige Kommentatoren erklären, dies sei zum Schutz des jüdischen Volkes geschehen.

G’tt wusste, dass sich das Volk in der Zukunft versündigen und zur Sühne ins Exil gehen würde. Mosches spirituelles Niveau war allerdings so groß, dass sein Eintritt ins Heilige Land den gesamten Verlauf der Geschichte verändert hätte.

Die Rabbiner erklären, Mosche hätte dann direkt nach dem Einzug ins Land den Tempel in Jerusalem errichtet. Dieser wäre, anders als der erste und der zweite Tempel, unzerstörbar gewesen und hätte die jüdische Präsenz im Land Israel für immer gesichert. Doch G’tt wollte die Möglichkeit des Exils zur Sühne offenlassen.

MENSCHHEITSGESCHICHTE Aus dieser Episode können wir etwas über die Kraft des Gebets lernen. G’tt hatte einen Plan für die Menschheitsgeschichte. Mosche weiß, die Zukunft kann durch das Gebet verändert werden. Er weiß, G’tt möchte, dass wir unsere Zukunft durch das Gebet immer weiter versüßen.

Der Schöpfer, der die Situation und die Zukunft perfekt versteht, muss Mosche darum bitten, die Gebete einzustellen. G’tt hat die Gebete nicht einfach verworfen, Er musste Mosche darum bitten, die Gebete einzustellen, weil Er sonst gewissermaßen gezwungen wäre, das Gebetsanliegen zu verwirklichen.

Die Weisen lehren, dass G’tt jedes Gebet früher oder später beantworten wird. Es handelt sich hierbei um einen Mechanismus, der fest in der Schöpfung verankert ist. So sagt der talmudische Rabbiner Chanin im Namen von Rabbi Chanina: »Jeder, der das Gebet verlängert, wird nicht mit leeren Händen zurückkehren« (Berachot 32b). Es ist uns nicht offenbart, wann und in welcher Form der Schöpfer unser Gebet beantworten wird, doch die universelle Regel ist, dass jedes einzelne im Gebet geäußerte Wort den Lauf der Geschichte verändert – auch wenn dies nicht direkt sichtbar ist oder wenn es so scheint, als würde das Gebet sogar das Gegenteil des gewünschten Effekts erzeugen.

ESSENZ Das Gebet ist der Ausdruck des tiefsten menschlichen Willens, und G’tt nimmt diesen ernst. Der Mensch definiert sich über seinen Willen. Jede unserer Bewegungen ist ein Ausdruck unseres Willens. Demnach ist das Gebet die in Worte gefasste Essenz des Menschen.

Ich benutze zwar das deutsche Wort »Gebet«, doch der hebräische Begriff ist »Tefilla«. Dieses Wort kommt von dem Verb »pallel« und bedeutet »richten«. Die reflexive Form »lehitpallel« (beten) heißt wörtlich übersetzt »sich richten«, also: eine Neubewertung vornehmen.

Es ist, als würde man im Gebet die Bausteine des Selbst neu zusammensetzen, reflektieren und dabei verstehen: G’tt ist die Quelle von allem. Er kann jeden meiner Wünsche erfüllen, kann Zeit und Raum für mich verbiegen. Ich möchte die Sache, um die ich bete, weil sie mein Leben bereichern wird, und G’tt möchte, dass ich, Sein geliebtes Kind, gut lebe.

Ich weiß, Er hat mir jede Schwierigkeit nur geschickt, damit mein Wille für das Gute größer und meine Befriedigung noch intensiver werden. Er hat mir jeden Segen gesendet, um mich Dankbarkeit zu lehren. Noch erhabener als die Dinge, die durch das Gebet erworben werden, ist das Verständnis, dass G’tt die Quelle des Segens ist.

DEFIZIT Rabbi Nathan (1780–1844), ein Schüler des berühmten chassidischen Meisters Rabbi Nachman von Brazlaw (1772–1810), sagte einst: »Überall dort, wo ich ein Defizit sehe, wurde entweder gar nicht oder noch nicht genug gebetet.«

Wenn wir einsehen, dass die Quelle aller materiellen Reichtümer und aller inneren Zufriedenheit unser barmherziger Vater ist, verändert sich das Leben radikal. Das Gebet kann Hochmut und Trauer in Bescheidenheit und Hoffnung verwandeln. Vielleicht heißt deshalb »Antwort« auf Hebräisch »Teschuwa«. Dasselbe Wort bedeutet auch »Rückkehr«. Die Rückkehr zum Schöpfer, die im Gebet vollzogen wird, ist die Antwort auf das empfundene Defizit.

Die Weisheit der hebräischen Sprache lehrt uns noch mehr. Das hebräische Wort »Davar« bedeutet Wort, aber auch Sache oder Objekt. Das hebräische Wort »Chafetz« bedeutet so viel wie Wille oder Begierde. Und das genauso geschriebene Wort »Chefetz« bedeutet Objekt.

Die Botschaft ist klar: Die Worte und der Wille des Menschen manifestieren sich und werden zur objektiven Realität.

Der Talmud (Berachot 10a) berichtet eindrucksvoll von der Kraft des Gebets: König Chiskijahu bekommt vom Propheten Jeschajahu die Nachricht, dass er bald sterben muss. Der Tod ist sicher, G’tt selbst hat es besiegelt. Da antwortet König Chiskijahu mit den legendären Worten: »Hör auf zu prophezeien und geh’! Denn selbst wenn ein scharfes Schwert auf dem Nacken eines Menschen liegt, darf man nicht die Hoffnung in das Gebet um Barmherzigkeit verlieren!« Das Gebet wurde erhört – und Chiskijahu lebte weiter.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Matot erzählt von Mosches letztem militärischen Unternehmen, dem Feldzug gegen die Midjaniter. Die Israeliten teilen die Beute auf und besiedeln das Land.
4. Buch Mose 30,2 – 32,42

»Reisen« ist die deutsche Übersetzung des Wochenabschnitts Mass’ej. Und so beginnt er auch mit einer Liste aller Stationen der Reise durch die Wildnis von Ägypten bis zum Jordan. Mosche sagt den Israeliten, sie müssten die Bewohner des Landes vertreiben und ihre Götzenbilder zerstören.
4. Buch Mose 33,1 – 36,13

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