Schemini

Bewusst essen

Nach Ansicht mancher Rabbiner ist die ideale Ernähung vegan – so wie einst bei Adam und Chawa im Garten Eden. Foto: VICUSCHKA

Paraschat Schemini führt in die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze, ein. »G’tt sprach zu Mosche und Aharon – Er sagte ihnen: Sprecht zu den Kindern Israels. Dies, wenn es lebenskräftig ist, ist, was ihr von allem Vieh, das auf dem Land lebt, essen dürft: Alles, was einen Huf bildet, und ihn ganz durchspaltet zu zwei Hufen, zugleich wiederkäuend ist unter dem Vieh, das dürft ihr essen. Jedoch dies dürft ihr nicht essen von den Wiederkäuern und den so Behuften: das Kamel … und das Kaninchen …, den Hasen … und das Schwein … Dies dürft ihr essen von allem, was im Wasser lebt: Alles, was Flossen und Schuppen hat im Wasser – in Meeren und in Strömen –, die dürft ihr essen. Alles aber, was keine Flossen und Schuppen hat … von allem Kleintier des Wassers und allem Tierwesen, das im Wasser lebt, Abscheu sind sie euch. Jedes geflügelte Kriechtier, das auf vieren geht, ist euch Abscheu. Und jedes Kriechtier, das auf der Erde kriecht, Abscheu ist es, es soll nicht gegessen werden« (3. Buch Mose 11, 1–10, 20, 41 und 44).

Wir lesen also, welche Tiere wir essen dürfen und welche nicht – doch nirgendwo in der Tora finden wir dafür eine Begründung. Das hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder für Diskussionen und Spekulationen gesorgt, zumal es hier auch keine Einigung gibt.

Gesundheit Einige wichtige mittelalterliche Kommentatoren wie der Rambam, Maimonides (1138–1204), und der Ramban, Nachmani­des (1194–1270), meinten, dass medizini­sche und gesundheitliche Gründe entscheidend für das Verbot sind, bestimmte Tiere zu essen. Ebenso formuliert es auch der Raschbam (1085–1174): »Alle Tiere und Fische (…), die G’tt den Israeliten verboten hat, sind abscheulich und schädlich für den Körper.«

Diese Meinung wird sogar von vielen modernen Gelehrten geteilt, aber sie vergessen, dass das medizinische Wissen, über das wir heute verfügen, früher unbekannt war. Außerdem sind viele ungesunde Pflanzen erlaubt, während gesundes Fleisch, zum Beispiel Strauß oder Kaninchen, verboten ist.

Einige Regeln haben vielleicht den Nebeneffekt, zur Gesundheit beizutragen, aber sicherlich war es nie ihr Zweck. Wenn wir zum Beispiel vor dem Essen die Hände waschen, tun wir dies nicht aus hygienischen Gründen, sondern als Erinnerung an die Priester, die ihre Hände wuschen, bevor sie zum Altar im Tempel gingen.

Rabbi Jizchak Arama (1420–1494) bemerkt daher richtig: »Die Speisegesetze sind nicht, wie einige behauptet haben, durch medizinische Überlegungen motiviert. … Wäre dies der Fall, würde die Tora auf das Niveau einer medizinischen Abhandlung reduziert. … Die Nichtjuden, die Schweinefleisch und das Fleisch anderer unreiner Tiere essen …, genießen eine gute Gesundheit« (Akedat Jizchak, Kap. 60).

Selbst der Rambam sieht nicht nur gesundheitliche Vorteile, sondern auch einen quasi pädagogischen Grund: »Die Speisegebote erziehen uns, unsere Lust zu meistern. Sie gewöhnen uns daran, das Wachsen unserer Begierde einzudämmen, die Vergnügungssucht zu mildern und die Neigung zu bezwingen, Essen und Trinken als Lebenszweck anzusehen« (Führer der Verirrten, IV, 25).

Rabbiner Schlomo Ephraim Luntschitz (1550–1619) geht in seinem Werk Kli Jakar noch etwas weiter. Für ihn ist der Zweck der Kaschrut das Wohl der Seele. Nichtkoscheres Essen beseitige den Geist der Reinheit und Heiligkeit, blockiere zudem die Intelligenz und führe zu Grausamkeit.

Fleisch Die Gründe für die Speisegesetze gehen also weit über gesundheitliche Gründe hinaus. Sie haben eine tiefe ethische und spirituelle Bedeutung. Ein wichtiger Aspekt ist das Tier. Für uns Juden ist ein Tier nicht nur ein Objekt, sondern ein Lebewesen mit einer Seele. Daher ist der Fleischkonsum nur ein Kompromiss.

Das Ideal ist es eigentlich, wie es Rav Abraham Jizchak Kook (1865–1935) in seinem wegweisenden Aufsatz »Eine Vision von Vegetarismus und Frieden« darlegt, dass wir uns, wie Adam und Chawa im Garten Eden, vegan ernähren.

Rav Kook schreibt: »Die ganzen Speisevorschriften, die den Tiergenuss betreffen, sind ein versteckter Tadel für den Menschen, dem durch die grundsätzliche Erlaubnis, Fleisch zu essen, nur ein Zugeständnis gemacht wurde, das ihm helfen soll, seine Mordlust zu überwinden. Das Ziel ist es, aus dem Menschen ein zunächst gegenüber seinen Mitmenschen, dann aber auch gegenüber den Tieren, von Mitleid erfülltes Wesen zu machen. Der Mensch soll durch das Verbot, das Blut zu essen, darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Tier nicht einfach ihm preisgegeben, ein beliebig zu verwertendes Objekt ist, sondern eine lebende Seele.«

Gerade deshalb sind im Judentum die Regeln der Speisegesetze vielfältig und streng – und ganz aktuell, denn es geht nicht um die Frage nach dem technischen Ablauf einer Mahlzeit, sondern um ein ganz bewusstes Essen. Es geht darum, wann wir essen, was wir essen, wie wir essen, und den Geist, in dem wir essen. Das prägt unsere jüdische Persönlichkeit, und selbst die Mahlzeit wird von Heiligkeit durchdrungen.

Der Autor ist Mitteleuropa-Direktor des Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation sowie Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne als Priester sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47

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