Umweltschutz

Beackern und bewahren

Tovia Ben-Chorin Foto: Stephan Pramme

Im Judentum gehören Ökologie und Gerechtigkeit zusammen. So lautete die These eines Vortrages von Rabbiner Tovia Ben‐Chorin bei einem Ökologie‐Seminar für junge Erwachsene der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das am vergangenen Freitag in Berlin stattfand. »Man kann nicht ethisch mit der Gesellschaft umgehen und die Natur plündern. Man kann auch nicht ethisch mit der Natur umgehen und die Gesellschaft plündern«, sagt der liberale Rabbiner.

Für seine These findet Tovia Ben‐Chorin zahlreiche Belege in der Bibel und in der jüdischen Tradition – so zum Beispiel den Kiddusch, die Heiligungszeremonie am Schabbat mit Wein, Händewaschen und Brot. Der Kiddusch erinnere an zweierlei: an den Auszug aus Ägypten und die Flucht aus der Sklaverei sowie an die Schöpfung. In der Lesart von Ben‐Chorin: an soziale Gerechtigkeit und an Ökologie. »Im Judentum gab es schon eine Sensibilität für ökologische Fragen, als es das Wort Ökologie noch gar nicht gab«, sagt Ben‐Chorin.

Verhältnis Zwischen Schöpfer, Schöpfung und Erschaffenen bestehe ein »intimes Verhältnis«. Auftrag des Menschen gegenüber der Natur sei es, wie in der Tora formuliert, le ovda uleshomra – sie zu beackern und zu bewahren (1. Buch Mose 2, 15). In der Schrift bezieht sich dieser Auftrag zunächst einmal auf den Garten Eden.

Dass die Schöpfung noch viel mehr ist als die Erschaffung des Menschen, ist unter anderem im Buch Hiob nachzulesen. Dort hält Gott Hiob entgegen: »Bist du gekommen in die Speicher des Schnees? Und hast du gesehen die Speicher des Hagels? (…) Wer hat aufgeteilt der Regenflut Kanäle, und eine Bahn dem donnernden Blitz, zu regnen auf menschenleere Länder, auf Wüsten, worin niemand ist, zu sättigen Öde und Graus, und hervorzutreiben den Aufwuchs des Grases? Hat der Regen einen Vater, und wer zeugte die Tropfen des Taus?« (Hiob 38, 22). Hier steht für Ben‐Chorin zwar die Natur im Mittelpunkt, doch überwiege in der Bibel die »anthropozentrische Auffassung« – ein Weltbild, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht.

Ein wichtiges Argument für Ben‐Chorin sind der Schabbat und das Schmitta‐Jahr. Der Schabbat ist der Tag, an dem Menschen und Tiere ruhen, an dem es verboten ist, eine Substanz von einem Zustand in den anderen zu bringen. Das Schmitta‐Jahr entspricht dem Schabbat im größeren Rhythmus der Jahre. Im Buch Exodus heißt es: »Und sechs Jahre besäe dein Land und sammle dessen Ertrag. Aber im siebten lasse es brach und gib es preis, dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum« (2. Buch Mose 23,10). Auch hier gehören Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammen.

Schmitta‐Jahr Besonders betont Ben‐Chorin, dass das Gebot des Schmitta‐Jahres nur im Land Israel Anwendung findet. »Das bedeutet: Wenn ihr in eurem Land seid, dann müsst ihr euch ethisch benehmen«, so der Rabbiner. Wenn Juden das Leben und den Alltag eines Landes bestimmen dürften, dann sei das mit besonderen sozialen Verpflichtungen verbunden. Umgekehrt kenne das 3. Buch Mose die Vorstellung, dass das Land die Israeliten wieder ausspeit – Ben‐Chorin sagt: »auskotzt« –, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Auch das Land habe eine Seele, die man verletzen könne.

Im 5. Buch Mose heißt es: »Es wird sein, wenn ihr auf Meine Gebote immer hören werdet, die ich euch heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, so werde ich den Regen eures Landes zur richtigen Zeit geben, du wirst dein Getreide einsammeln, deinen Most und dein Öl. Ich werde das Gras für dein Vieh geben, du wirst essen und satt werden« (5. Buch Mose 11,13). Wenn aber die Israeliten andere Götter verehren, bleibt der Regen aus, und die Erde wird unfruchtbar. Juden zitieren diese Bibelstelle dreimal täglich im Schma Israel.

Im Midrasch Kohelet Rabba heißt es: »Gott nahm Adam und zeigte ihm den Garten Eden. ›Siehe‹, sagte Er, ›wie wunderschön, wie großartig meine Welt ist. Und ich habe sie für dich geschaffen. Zerstöre sie nicht, denn wenn du es tust, kann sie sich nicht selbst reparieren.‹« (Kohelet Rabba 7, 13).

Nach dem Vortrag fragt man sich allerdings, ob Halten und Bewahren, Schabbat und Schmitta‐Jahr wirklich schon dem entsprechen, was wir uns heute unter »Ökologie« vorstellen. Sicher kennt die Bibel die Vorstellung vom richtigen Umgang mit Ressourcen, weiß, dass man dem Land Zeit lassen muss, um sich zu regenerieren. Doch heute stehen wir vor ökologischen Herausforderungen, die den Menschen in biblischer Zeit unbekannt waren. Ob nun Ökologie eine jüdische Erfindung ist oder nicht – eines ist sicher: Die ökologischen Probleme sind drängend. »Es ist fünf vor zwölf«, sagt Sabine Reisin, die Initiatorin des Seminars der ZWST.

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