Zeremonie

Barmizwa mit 113

Besser spät als nie: Israel Kristal feierte seine Religionsmündigkeit im hohen Alter

von Daniel Neumann  23.01.2020 12:18 Uhr

Israel Kristal mit einer Torarolle Foto: dpa

Besser spät als nie: Israel Kristal feierte seine Religionsmündigkeit im hohen Alter

von Daniel Neumann  23.01.2020 12:18 Uhr

Anfang Oktober 2016 fand in einem kleinen Ort im Norden Israels ein besonderes Ereignis statt: Israel Kristal, der das Ghetto Lodz und das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte, feierte im Kreise von Familie und Freunden seine Barmizwa.

Guinness-Buch Was dieses Ereignis so besonders machte, war nicht nur die Tatsache, dass Israel Kristal, geboren 1903, zu diesem Zeitpunkt der älteste Mann der Welt war, sondern außerdem, dass er seine Barmizwa mit exakt 100 Jahren Verspätung feierte. An seinem 113. Geburtstag! Knapp ein Jahr später, am 11. August 2017, starb Israel Kristal – das Guinness-Buch der Rekorde hatte ihn im März 2016 zum ältesten Mann der Welt erklärt.

Warum aber ist eine Barmizwa so wichtig, dass sie selbst mit 100-jähriger Verspätung nachgeholt wird? Barmizwa bedeutet »Sohn des Gebots«. Es ist das Ereignis, das sich just in dem Moment vollzieht, in dem ein jüdischer Junge 13 Jahre alt wird.

Zwar schweigt sich die Tora selbst über diese wichtige Episode weitgehend aus. Doch an anderer Stelle wird man fündig: In den Sprüchen der Väter etwa heißt es, dass man mit 13 Jahren die Gebote erfüllen solle (Sprüche der Väter, Kapitel 5,24), und im Talmud steht geschrieben, dass diese Verpflichtung mit 13 Jahren und einem Tag in Kraft tritt (Babylonischer Talmud Joma 82a; Baba Metzia 96a).

Religionsmündigkeit bedeutet, dass der Junge zu einem vollwertigen Teil der Gemeinschaft wird.

Jedenfalls besteht Einigkeit, dass man fortan religionsmündig ist. Das bedeutet, dass der Junge zu einem vollwertigen Teil der Gemeinschaft wird und die volle Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Sowohl in ethisch-moralischer als auch in ritueller Hinsicht. Also gegenüber seinen Mitmenschen ebenso wie gegenüber G’tt.

Strafmündigkeit Manchem mag das arg früh erscheinen. Schließlich ist man mit 13 beinahe noch ein Kind. Aber auch in diesem zarten Alter kann man allerlei Unheil anrichten, weswegen etwa das deutsche Strafrecht die Strafmündigkeit mit 14 Jahren vorsieht.

Unabhängig davon spielen der Hintergrund, die Herkunft und der Grad der Frömmigkeit eine bedeutende Rolle: Sofern die Jungs nämlich aus einem orthodoxen Umfeld stammen, sind sie von klein auf mit den jüdischen Gesetzen und deren tagtäglicher Umsetzung in Berührung gekommen.

Sie haben diese jahrelang erlernt und erlebt. Und begreifen den Tag religiöser Mündigkeit daher als großen Schritt, da sie nun endlich zu einem vollwertigen Teil der Gemeinde werden. Das heißt: Sie erhalten sozusagen ein religiöses Upgrade. Sie erklimmen die Stufe ins religiöse Erwachsenendasein und sind von nun an mittendrin statt nur dabei.

Das gilt zwar im Prinzip auch für solche Jungs, die aus weniger traditionellen Haushalten kommen. Allerdings ist bei ihnen sowohl die Kenntnis darüber ziemlich reduziert, was die Barmizwa eigentlich bedeutet, als auch, welche Konsequenzen sie nach sich zieht. Sprich: Das Bewusstsein für die Verantwortung, die mit einem traditionellen jüdischen Leben einhergeht, ist ihnen oftmals ziemlich fremd. Weshalb sie auch keinerlei Belastung in den zahllosen Gesetzen erkennen können. Schließlich halten sie diese zum größten Teil sowieso nicht.

Vorbereitung Trotz allem bereiten sich die meisten auf ihre Barmizwa vor, da ihnen durchaus bewusst ist, welche Bedeutung dieser Tag für sie, ihre Familie und die Gemeinschaft hat. Dabei helfen ihnen in aller Regel der Religionslehrer, der Rabbiner oder die Eltern. Denn der Weg zum Ziel ist durchaus steinig. Schließlich ist es guter Brauch, dass der angehende Barmizwa allen demonstriert, dass er sein Metier beherrscht und sich der vor ihm liegenden Aufgabe würdig erweist.

Das heißt im Klartext, dass er sich meist nicht nur darauf vorbereitet, bei einem Aufruf in der Synagoge die Segenssprüche über die Tora in Hebräisch zu rezitieren, sondern außerdem hart dafür übt, auch einen Abschnitt aus der Tora und aus den Propheten in einer bestimmten Melodie vorzutragen.

Und das ist beileibe keine Kleinigkeit, sondern bedarf in aller Regel einer monatelangen Vorbereitung. Vor allem dann, wenn man des Hebräischen nicht mächtig ist.

Geschenke Offen gesagt, gibt es natürlich nicht nur diejenigen, die all diese Strapazen aus hehren und selbstlosen Motiven auf sich nehmen, sondern auch diejenigen, die es vor allem auf die üppigen Geschenke abgesehen haben, die eine Barmiza-Feier mit sich bringt. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass wir Juden nur Engel zur Welt bringen.

Was viele allerdings nicht wissen, ist Folgendes: Ein Junge wird mit Erreichen des 13. Lebensjahres automatisch Barmizwa. Ganz automatisch. Quasi vollautomatisch. Auch ohne irgendetwas beizutragen. Oder irgendetwas zu tun.

Ein jüdischer Junge wird mit Erreichen des 13. Lebensjahres automatisch Barmizwa.

Das ist – nur nebenbei – auch einer der gravierendsten Unterschiede zur Konfirmation, die gerne als christliches Äquivalent herangezogen wird. Denn im Gegensatz zum Christentum bedarf es im Judentum keiner Bestätigung des Glaubens, um Teil der Gemeinde zu werden.

Bund Wir werden als Angehörige des jüdischen Volkes geboren und zum Zeichen des Bundes beschnitten, zumindest soweit wir männlich sind. Von da an braucht es keine weiteren Bekenntnisse. Wir sind und bleiben Juden und nähern uns den Pflichten, die aus dem Bund erwachsen, Stück für Stück an, bis wir sie mit 13 Jahren schließlich vollständig übernehmen.

Ob wir es nun wollen oder nicht. Und ganz egal, was wir dafür tun. Die Verantwortung lässt sich nicht ablegen und nicht delegieren, sondern sie ist Teil unserer jüdischen Existenz.

Wie dem auch sei: Jedenfalls wird die erstmalige Rezitation des Segens über die Tora gemeinhin mit ebensolcher Spannung erwartet, wie der Vortrag aus der Tora selbst und die anschließende Prophetenlesung, die Haftara.

Der Barmizwa hingegen schreitet nicht selten ziemlich aufgeregt zur Tat, um alle Anwesenden mit seinem melodiösen Vortrag in hebräischer Sprache zu beglücken.

Stimmbruch Apropos beglücken: Haben Sie schon einmal einen 13-jährigen Jungen im Stimmbruch über mehrere Minuten singen hören? Ich schon. Mehr als einmal. Und ich sage Ihnen, dass dies eine ganze Menge Mut erfordert. Und zwar sowohl aufseiten des Knaben wie auch aufseiten der Zuhörer.

Jedenfalls kam mir spätestens seit meiner eigenen Barmizwa schon ein ums andere Mal der Gedanke, dass G’tt einen ziemlich eigenartigen Humor haben muss! Wie lässt es sich sonst erklären, dass jüdische Jungs sich ausgerechnet mit 13 Jahren, also meist inmitten des Stimmbruchs, zu neuen musikalischen Höhen – oder Tiefen – aufschwingen sollen?

Keine Frage: Es kostet viel Mut und einige Überwindung, vor der gesamten Familie, den Freunden und der gesamten Gemeinde in Aktion zu treten. Doch die Erleichterung, die Glücksgefühle und der Stolz, die spätestens nach der gehaltenen Rede einsetzen, beflügeln die einstigen Kinder noch lange und bleiben oft ein Leben lang in guter Erinnerung.

Gerade die weniger traditionellen Juden betrachten dieses Großereignis, das meist mit einer fröhlichen Feier endet, daher auch gerne als Höhepunkt. Und leider gleichzeitig auch als Schlusspunkt. Das ist zwar nicht im Sinne des Erfinders, aber was will man machen? Denn tatsächlich ist die Barmizwa nicht das Ende, ganz und gar nicht. Sie ist der Anfang!

Rüstzeug Die ganze Vorbereitung bis zu diesem Tag soll eigentlich nur das Rüstzeug bieten, um ein Leben nach den jüdischen Gesetzen zu führen. Und im Rahmen des G’ttesdienstes werden zumindest manch religiöse Pflichten eben erstmals für alle sichtbar exerziert. Als Zeichen, dass es jetzt losgeht. Mitten hinein in ein spannendes, anspruchsvolles und verantwortungsbewusstes jüdisches Leben.

Deshalb ist die Barmizwa ein Meilenstein im Leben eines jüdischen Jungen. Und deshalb ist sie es sogar wert, dass man sie 100 Jahre später nachholt – so wie es bei Israel Kristal der Fall war.

Der Autor ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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