Deutung

Barmherziges Zeichen

Vielfalt muss nicht schlecht sein: »Ich liebe dich« in zwölf Sprachen Foto: fotolia

Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Ewige von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Bavel, weil der Ewige daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder« (1. Buch Moses 11, 7–9).

Schon oft habe ich von Leuten gehört, dass es doch viel besser sei, wenn alle Menschen auf der Welt dieselbe Sprache sprächen. Die Verständigung wäre dann viel einfacher, und vor allem müsste man keine Fremdsprachen lernen. Das stimmt. Wie viel einfacher wäre das Leben und vor allem das Reisen, wenn alle Menschen die gleiche Sprache sprächen wie ich! Man könnte mexikanische Speisekarten verstehen, im Ausland (gäbe es das dann noch?) Zeitung lesen. Man könnte sich überall auf der Welt einmischen, sich einbringen mit seinen Gaben und Fähigkeiten, ohne dass einer sagt: »Du verstehst das nicht, das ist für dich eine Fremdsprache.«

Aber mit nur einer Sprache wäre die Welt auch viel langweiliger. Jede Sprache hat ihren besonderen Reiz. Oft möchte man etwas auf Deutsch sagen und denkt dann, wie viel treffender, ja schöner und poetischer ließe sich das in einer anderen Sprache ausdrücken.

Früher gab es auf der ganzen Welt nur eine Sprache. Welche? Als Linguist müsste ich jetzt einen langen und gelehrten Aufsatz schreiben. Als Rabbinatsstudent kann ich die Antwort vereinfachen: Hebräisch! Wie komme ich – völlig unvoreingenommen, versteht sich – darauf? Der Kommentar Ba’al haTurim argumentiert mit der Gematria. Das heißt, jeder Buchstabe im hebräischen Alphabet hat einen bestimmten Zahlenwert: Alef entspricht 1, Bet entspricht 2, Gimel entspricht 3 und so weiter. Der Ausdruck »Safa Echat«, eine Sprache, hat demnach denselben Zahlenwert wie das Wort »Laschon haKodesch«, die heilige Sprache, das Hebräische.

sintflut Schauen wir uns die Parascha dieser Woche etwas genauer an. Am Anfang finden wir die Geschichte von Noach, gegen Ende die Geschichte vom Turmbau zu Bavel. Noachs Generation war verdorben und böse, und sie wird durch die Sintflut bestraft. Die Menschen von Bavel wirken auf den ersten Blick einfach nur ein wenig arrogant und werden dafür auch bestraft, oder nicht? Schauen wir noch etwas genauer hin, und zwar im hebräischen Text, sehen wir, dass es in der Geschichte von Noach heißt: »Und Elohim sah die Erde«, »da sprach Elohim zu Noach« und »wie ihm Elohim geboten hatte«. Beim Turmbau hingegen heißt es: »Und Adonaj stieg hinab«, »und Adonaj sprach« und »so zerstreute sie Adonaj«. Der feine Unterschied liegt in der Bezeichnung von Gott: Bei Noach ist von Elohim die Rede, in Bavel wird das Tetragramm J‐H‐W‐H (ausgesprochen als Adonaj) benutzt.

Von unseren Weisen wissen wir, dass das Wort Elohim benutzt wird, wenn es um Gottes Eigenschaft als Richter geht. Und Gottes Name J‐H‐W‐H wird dann verwendet, wenn seine Eigenschaft der Barmherzigkeit hervorgehoben werden soll.

In Noachs Generation tritt Gott also als Richter auf, die Flut kann somit als Strafe verstanden werden. In Bavel wird Gott als barmherzig beschrieben, die Verwirrung der Sprachen ist demnach keine Strafe.

Arche Wir haben nun gesehen, dass ein Text in der Ursprungssprache für den, der sie wirklich beherrscht, oft mehr von sich preisgibt als in der Übersetzung, mag sie auch noch so gut sein. Ein weiteres Beispiel hierfür in unserem Wochenabschnitt ist die Bezeichnung für den Gegenstand, den Noach baut. Auf Spanisch ist es eine »arca«, auf Englisch eine »arc« und auf Deutsch eine Arche.

Das Deutsche gebraucht diesen Begriff nur im Zusammenhang mit Noachs Objekt, in der Alltagssprache existiert er nicht. Im Hebräischen heißt Noachs Werk »Teva«. Es taucht im ganzen Tanach nur in zwei Zusammenhängen auf. Einmal bei Noach und ein weiteres Mal im zweiten Buch der Tora, als eine Frau versucht, ihr Kind vor dem Tod durch Pharaos Schergen zu retten. Sie nimmt ihren drei Monate alten Sohn, legt ihn in einen Weidenkorb und versteckt diesen im Schilf. Der Junge wird später von Pharaos Tochter gefunden und Mosche genannt. Und jener Weidenkorb, mit Erdharz und Pech abgedichtet, heißt auf Hebräisch Teva.

Was ist der Zusammenhang zwischen diesen beiden Gegenständen, Noachs Arche und Mosches Weidenkorb? Sie dienen beide dem Zweck, die sich darin Befindenden vor Wasser zu schützen, vor den Gefahren von außerhalb, ihnen in ungewissen lebensgefährlichen Zeiten Schutz zu geben. Sie sorgen dafür, dass die Insassen überleben und ihre Art überdauert. Im Falle von Noach überlebt die Menschheit die große Flut, im Falle von Mosche sorgt dieser später durch die Befreiung aus ägyptischer Sklaverei für das Überleben der Nachkommen Israels.

Aron Hakodesch Im heutigen Sprachgebrauch begegnen wir dem Wort Teva noch in einem anderen Kontext. Der Aron haKodesch, der Toraschrank in der Synagoge, wird Teva genannt. Der Begriff ist nicht zufällig gewählt. Im übertragenen Sinne enthält diese Teva das, was uns lieb und teuer ist, das, was unser Überleben sichert, uns in Zeiten der Ungewissheit Halt gibt.

Dass die Chance zu überleben, die Chance der Geborgenheit, die die Teva symbolisiert und ausstrahlt, in ihrer Rückbindung auf Gott, gleichgültig ob er jetzt als Richter oder Barmherziger verstanden wird, nicht unbedingt zur Treue der Menschheit zu Gott führt, ist eine Tatsache. Diese Beobachtung machen wir in der Geschichte vom Turmbau. Wer sein will wie Gott, wer ihm näher sein will als andere – und sich damit vermeintlich an seiner Schöpferkraft Anteil erkauft, erliegt einem Trug. Man versteht einander plötzlich nicht mehr. Man verrät die Geborgenheit der gemeinsamen Arche. Insofern ist diese Geschichte eine wichtige Mahnung, auch sich selbst kritisch zu betrachten, nicht nur die anderen, weil alle Gott gleich nah und auch gleich fern sind.

Der Autor ist Rabbinatsstudent am Abraham‐Geiger‐Kolleg in Potsdam.

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